Der Schweizer Filmpreis 2026 zeigt ein ungewohnt klares Bild: Mit BAGGER DRAMA und HELDIN setzen sich zwei Filme durch, die das aktuelle Schweizer Kino auf unterschiedliche Weise zuspitzen – der eine als körperlich verdichtetes Familiendrama auf der Baustelle, getragen von Blicken, Schweigen und Spannung, der andere als präzise erzähltes Spitaldrama, das den Entscheidungsdruck einer Pflegefachfrau in Echtzeit erfahrbar macht. Gleichzeitig markiert die Einführung des Box Office Quartz einen Bruch: Erstmals wird nicht filmische Qualität ausgezeichnet, sondern reiner Publikumserfolg – ein Signal, das Fragen aufwirft.
SCHWEIZER FILMPREIS 2026 – Klare Sieger, fragwürdiges Zeichen
- Publiziert am 28. März 2026
BAGGER DRAMA gewinnt die Schauspielpreise, HELDIN den Hauptpreis – und der Ehrenpreis geht an Villi Hermann.
Alle Gewinner:innen im Überblick
Bester Spielfilm: HELDIN – Regie: Petra Volpe
Bester Dokumentarfilm: I LOVE YOU, I LEAVE YOU – Regie: Moris Freiburghaus
Bester Kurzfilm: YONNE – Julietta Korbel, Yan Ciszewski
Bester Animationsfilm: ICH BIN NICHT SICHER – Luisa Zürcher
Bestes Drehbuch: HELDIN – Petra Volpe
Beste Darstellerin: Bettina Stucky (BAGGER DRAMA)
Bester Darsteller: Phil Hayes (BAGGER DRAMA)
Beste Nebenrolle: Sven Schelker (STILLER)
Beste Filmmusik: I LOVE YOU, I LEAVE YOU – Dino Brandão
Beste Kamera: À BRAS-LE-CORPS – Benoît Dervaux
Bester Schnitt: À BRAS-LE-CORPS – Karine Sudan
Bester Abschlussfilm: QUI PART À LA CHASSE – Lea Favre
Bester Ton: HELDIN – Jacques Kieffer, Gina Keller, Marco Teufen
Ehrenpreis: Villi Hermann
BAGGER DRAMA räumt bei den Schauspieler:innen ab
Der Film von Piet Baumgartner ist der grosse Gewinner der Schauspielpreise – und das ist kein Zufall. BAGGER DRAMA erzählt nicht über Handlung, sondern über Zustände: eine Familie, ein Arbeitsumfeld, ein emotionaler Druck, der nie ausgesprochen wird, aber permanent spürbar ist. Die Figuren existieren in einer Welt aus Maschinen, Lärm und physischer Arbeit. Daraus entsteht eine ungeheure innere Spannung, die sich in Blicken, Gesten und Pausen entlädt. Dass Bettina Stucky und Phil Hayes in den Kategorien Beste Darstellerin und Bester Darsteller ausgezeichnet wurden, ist folgerichtig: Der Film funktioniert über das Zusammenspiel seiner Protagonisten, über Reibung und Nähe, über das, was nicht gesagt wird. Auch die Präsenz von Vincent Furrer, der ebenfalls als bester Darsteller nominiert war, unterstreicht die kollektive Stärke des Ensembles. International wurde BAGGER DRAMA bereits mehrfach wahrgenommen und ausgezeichnet – unter anderem an wichtigen Festivals, wo insbesondere die präzise Inszenierung und die schauspielerische Intensität hervorgehoben wurden.
HELDIN – Kino der Entscheidung
Mit HELDIN gelingt Petra Volpe ein Film, der seine Kraft aus einer klar gesetzten Situation entwickelt: Im Zentrum steht eine Pflegefachfrau, die während einer Schicht im Spital unter permanentem Druck Entscheidungen treffen muss – zwischen Patient:innen, Zeitmangel und institutionellen Abläufen. Was zunächst wie ein realistisches Arbeitsporträt beginnt, verdichtet sich zunehmend zu einem existenziellen Drama, in dem jede Entscheidung Konsequenzen hat. Der Film bleibt dabei konsequent nah an seiner Hauptfigur und erzeugt seine Spannung nicht über äussere Zuspitzung, sondern über Verdichtung im Inneren. Räume, Abläufe und Dialoge greifen präzise ineinander und machen die strukturellen Bedingungen sichtbar, in denen diese Figur agiert. Dass HELDIN als bester Spielfilm ausgezeichnet wurde und zusätzlich für Drehbuch und Ton prämiert wurde, zeigt diese formale und inhaltliche Geschlossenheit. arttv.ch hatte bereits an der Premiere an der Berlinale 2025 darauf hingewiesen, dass hier grosses Kino auf uns wartet.
Villi Hermann – Chronist der Realität
Mit dem Ehrenpreis des Schweizer Filmpreises 2026 wurde Villi Hermann für ein konkret fassbares, über Jahrzehnte gewachsenes Werk ausgezeichnet. Seit den 1970er-Jahren realisierte der Tessiner Regisseur Filme, die sich immer wieder mit Arbeitsrealitäten, Migration und gesellschaftlichen Umbrüchen in der Schweiz auseinandersetzten. Früh wurde er mit Filmen über italienische Gastarbeiter bekannt, später folgten Werke, die den Strukturwandel im Tessin oder industrielle Veränderungen sichtbar machten. Dabei arbeitete Hermann oft nah an seinen Protagonist:innen – mit einem dokumentarischen Blick, der nicht kommentierte, sondern beobachtete. Seine Filme entstanden häufig ausserhalb grosser Produktionsstrukturen und behaupteten gerade dadurch eine eigenständige Handschrift. Dass er nun mit dem Ehrenpreis gewürdigt wurde, ist auch eine Anerkennung für ein Kino, das sich nie dem Markt unterordnete, sondern konsequent auf gesellschaftliche Relevanz setzte.
BOX OFFICE QUARTZ – ein Preis, der Fragen aufwirft
Neu wurde mit dem Schweizer Filmpreis 2026 auch ein Box Office Quartz vergeben – ein Preis, der nicht künstlerische Qualität, sondern schlicht die Anzahl Kinoeintritte auszeichnet. Damit wird Erfolg erstmals explizit über Reichweite definiert: prämiert wird der Film, den ohnehin schon die meisten gesehen haben. In einem Fördersystem, das eigentlich dafür geschaffen wurde, auch kleinere, formal oder inhaltlich anspruchsvollere Filme sichtbar zu machen, wirkt diese Kategorie wie ein Fremdkörper. Zwar fallen in diesem Jahr mit HELDIN Quantität und Qualität zusammen – der Film ist sowohl Publikumserfolg als auch künstlerisch ausgezeichnet. Doch genau darin liegt eher die Ausnahme, nicht die Regel. Dass ein Film viele Menschen erreicht, bedeutet nicht automatisch, dass er auch der relevanteste oder interessanteste ist – und umgekehrt. Denn was hier ausgezeichnet wird, ist kein Risiko, keine Handschrift, keine filmische Haltung – sondern Marktlogik. Der Preis bestätigt lediglich, was das Publikum bereits entschieden hat, statt neue Perspektiven zu eröffnen. Dass ein solcher Preis nun Teil des wichtigsten Schweizer Filmpreises ist, sagt deshalb weniger über das Kino aus als über eine Zeit, in der auch Kultur zunehmend nach Verwertbarkeit beurteilt wird. Kurz: ein ziemlich sinnloser Preis – und ein bezeichnendes Signal.
Neue Inszenierung – und ein seltsames Setting
Auch formal wurde der Schweizer Filmpreis 2026 neu aufgegleist: Erstmals sassen die Gäste an langen, weiss gedeckten Tischen. Was auf den ersten Blick elegant wirkte, hatte einen klaren Nebeneffekt – es konnten weniger Gäste im Saal Platz nehmen, ein Teil wurde auf die Tribüne verwiesen. Die Tische waren sorgfältig mit Blumen dekoriert, das Setting wirkte durchgestaltet – doch in der Realität sass man dort mit nichts weiter als einem Schluck Wasser. Was diese Inszenierung bringen soll, bleibt unklar: viel Oberfläche, wenig Mehrwert. Am Ende wirkt das Setting genasu so widersprüchlich wie der neue Box Office Quartz.
Für uns am Schweizer Filmpreis 2026 vor Ort waren Felix Schenker, Madeleine Hirsiger und Geri Krebs