Rezensionen
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R.M.N.

Eine schonungslose Allegorie über eine europäische Randregion, in der sich die Menschen von der Welt vergessen fühlen.

Nach seinem Erfolg mit «4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage» (2007, Goldene Palme, Cannes) wirft der rumänische Meisterregisseur Cristian Mungiu nun mit «R.M.N.» ein Schlaglicht auf die Globalisierungsverlierer in Osteuropa. «Ein rigoroser, naturalistischer und verheerender Querschnitt durch die Fremdenfeindlichkeit.»

R.M.N. | Synopsis

Vor Weihnachten kehrt Matthias in sein multiethnisches Heimatdorf in Transsilvanien zurück, nachdem er seinen Job in Deutschland fluchtartig verlassen hat. Doch weder seine Exfrau Ana noch sein Sohn Rudi haben auf ihn gewartet. Auch seine ehemalige Geliebte Csilla, die Chefin einer Grossbäckerei, will nichts mehr von ihm wissen. Sie sucht händeringend Mitarbeitende, um weiterhin von EU- Fördermitteln profitieren zu können. Als sie drei Männer aus Sri Lanka einstellt, gerät das Gleichgewicht des Dorfes aus dem Lot. Der gesammelte Frust der Gemeinschaft entlädt sich gegenüber der Bäckerei und den Neuankömmlingen.

R.M.N. | Stimmen

«Cristian Mungiu seziert in seinem zutiefst pessimistischen Drama mit einer eiskalten Klarheit den Fremdenhass der rumänischen (und jeder anderen) Gesellschaft. Die erzählerische Dringlichkeit und Spezifität seiner früheren Filme wie „4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage“ (Goldene Palme 2007) oder „Graduation“ erreicht er dabei aber nicht ganz. » – Christoph Petersen, filmstarts.de | «Die Art und Weise, wie Mungiu die Geschichte dieses Ortes und seine kulturelle Spaltung darstellt, ist von einer seltenen Eleganz, und die Art und Weise, wie er die Zukunft vorwegnimmt, ist bedrohlich.» – David Ehrlich, indieWire | «Ein rigoroser, naturalistischer und verheerender Querschnitt durch die Fremdenfeindlichkeit.» – Alissa Wilkinson, Vox | «In langen Einstellungen und mit einer ruhigen Kamera, die gelegentlich in eine ruckartige Handkamera wechselt, enthüllt Mungiu, was ihn wirklich beschäftigt: ein Substrat aus Fremdenfeindlichkeit, Nationalismus und Rassismus.» – Philip De Semlyen, Timo Out

Cristian Mungiu wurde 1968 in Iaşi, Rumänien geboren. Sein erster Film «Okzident» wurde 2002 zur Quinzaine des Réalisateurs eingeladen und feierte in Rumänien einen Triumph. Im Jahr 2007 wird sein zweiter Spielfilm «4 Jahre, 3 Monate und 2 Tage» bei den Filmfestspielen von Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet. Er wurde von den Kritikern gelobt und erhielt zahlreiche weitere Auszeichnungen, darunter den Preis für den besten Film und die beste Regie der Europäischen Filmakademie. 2009 kehrte er als Drehbuchautor, Regisseur und Produzent der Komödie «Tales from the Golden Age» nach Cannes zurück, ebenso wie 2012 als Drehbuchautor und Regisseur von «Beyond the Hills», der mit dem Preis für das beste Drehbuch und einem doppelten Preis für die beste weibliche Hauptrolle ausgezeichnet wurde. Im Jahr 2016 erhielt er bei den 69. Filmfestspielen von Cannes den Regiepreis für seinen fünften Film «Bacalaureat». Mit «R.M.N.» kehrte er 2022 zurück, der Film wurde als Weltpremiere bei den Filmfestspielen von Cannes im Wettbewerb gezeigt.

Rezension

Von Lliana Doudot

Wenn man mit «R.M.N.» in Berührung kommt, fröstelt man, man friert, man spürt einen eisigen Wind, der sich in den Rücken bohrt. Keine Musik vor dem Abspann, nur das unaufhörliche Klingeln von Telefonen, das Bellen von Hunden oder die Buhrufe von Dorfbewohnern in der Ferne untermalen das graue Bild dieses Films, der fast dokumentarische Züge trägt. Ohne zu werten, zeichnet Cristian Mungiu das Panorama einer rumänischen Gesellschaft, die von ethnischen Konflikten durchzogen ist, die ein einfaches Sandkorn explodieren lassen kann. Fünfzehn Jahre nach «4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage» über Abtreibung in Rumänien, der mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde, nahm der Regisseur mit einem neuen Film über sein Heimatland am Wettbewerb in Cannes 2022 teil. Sein realistischer Blick auf das Wiederaufleben der Identität eines Landes, das mit dem Westen, der Migration und der Fremdenfeindlichkeit zu kämpfen hat, macht aus diesem Film eine komplexe Zusammenstellung von aktuellen Themen, die mit Bravour umgesetzt wurde.

Vom Intimen zum Gesellschaftlichen
Da er seinen Chef angegriffen hat, der ihn als «Zigeuner» bezeichnet hat, sieht sich Matthias gezwungen, aus Deutschland in sein kleines Dorf in Transsylvanien, im mittleren Westen Rumäniens zurückzukehren. Kurz vor Weihnachten trifft er seinen Sohn Rudi, der stumm ist, weil er nicht erklären kann, was ihn vor ein paar Tagen im Wald in Angst und Schrecken versetzt hat, und seine Frau Ana, mit der die Kommunikation schon lange abgebrochen ist. Matthias ist ein Antiheld, da der Zuschauer ihm sehr schnell Antipathie entgegenbringt, und er setzt sich gewaltsam als grossmäuliger Patriarch durch, der das Klischee einer stereotypen, abgedroschenen Männlichkeit erfüllt. Zwischen den Überlebenslektionen, die er Rudi erteilt, um mit dessen ängstlicher Stummheit umzugehen, und den Vorwürfen an seine Frau, dass sie seinen Sohn überbehütet, wird Matthias jedoch zur Nebensache in einer Geschichte, in der es um viel mehr geht und in der er ein feiger Zuschauer bleibt. Csilla, die von Judith State treffend dargestellt wird, lässt sich von niemandem etwas gefallen. So wird die Fabrik, die die Region am Leben erhält, von ihr und einer anderen Frau geleitet, ein ungewöhnliches hierarchisches Schema. Csilla ist die Geliebte von Matthias, wobei der sie nicht mit Worten erobert hat. Noch stärker ist ihr Mut, allein vor allen anderen zu stehen und ihre Entscheidungen mit Händen und Füssen zu unterstützen.

Eine Röntgenaufnahme der Intoleranz
Csilla wird mit dem vorherrschenden Denken konfrontiert wird, das seit Jahren, wenn nicht gar Jahrhunderten, in ihrem Dorf gedeiht. Als sie beschliesst, mehrere Sri Lanker einzustellen, sind die Dorfbewohner entsetzt. Rassistische Kommentare, Todesdrohungen und körperliche Angriffe – die verblüffende zentrale Szene des Films beleuchtet die Spannungen in dieser Gemeinschaft auf rigorose Weise. In einer 17-minütigen ununterbrochenen Plansequenz verweigert Cristian Mungiu bei dieser technischen Meisterleistung das Gegenüber, um die chorische Debatte einer Menge zu zeigen, die Angst vor dem Anderen hat und vor der Csilla fast allein thront. Die mehrsprachige Gewalt der Menge (zwischen Rumänisch, Ungarisch, Englisch, Französisch …) geht unter die Haut und macht «R.M.N.» (dt.: MRT ) zu einem eindringlichen Röntgenbild der rumänischen Gesellschaft von gestern und vielleicht auch von heute.

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