Ausverkaufte Säle, Standing Ovations und grosse Emotionen: Die Solothurner Filmtage 2026 waren ein Publikumsfestival im besten Sinn. Und doch drängte sich einmal mehr eine Frage auf, die über einzelne Filme hinausweist: Erzählt Solothurn Jahr für Jahr dieselbe Geschichte – oder ist diese Wahrnehmung zu einfach? Zwischen politischem Dokumentarfilm, formvollendeter Filmkunst und unerwarteten Herzensmomenten zeigt sich ein Festival, das überzeugt, aber auch blinde Flecken offenbart.
More of the same? – Solothurn zwischen Haltung, Filmkunst und Herz
- Publiziert am 30. Januar 2026
Die Solothurner Filmtage 2026 feiern erneut engagiertes Kino – doch wie viel Vielfalt steckt wirklich im Programm? Eine Manöverkritik von Geri Krebs.
Publikumslieblinge und vertraute Narrative
Vier Minuten nach Öffnung des Online-Ticketings war der Saal im Landhaus ausverkauft. 550 Plätze – weg. Auch die zweite Vorführung in der Reithalle (900 Plätze) war in kürzester Zeit restlos belegt. Der Grund für diesen Ansturm: FREEDOM – LE DESTIN DE SHEWIT von Anne-Frédéric Widman. Der Dokumentarfilm begleitet über zehn Jahre hinweg die Eritreerin Shewit, die als Minderjährige in die Schweiz kam und sich mit enormer Willenskraft Ausbildung, Arbeit und ein Aufenthaltsrecht erkämpft. Dramaturgisch präzis, emotional aufgeladen und mit pathetischem Soundtrack unterlegt, erzählt der Film von individueller Stärke – und legt zugleich die Willkür und Absurdität der Asylbürokratie offen. Ein Erfolg, der sich einreiht in eine lange Tradition: NAIMA (Anna Thommen), DIE ANHÖRUNG (Lisa Gerig), AMINE – HELD AUF BEWÄHRUNG (Daniel Heusser) oder ROTZLOCH (Maja Tschumi) – Jahr für Jahr prägen Filme über Flucht, Asyl und Integration das Solothurner Programm und werden ausgezeichnet.
Haltung als Mainstream?
Natürlich wäre es ungerecht, diese Filme pauschal als Wiederholung abzutun. Ihre filmische Qualität steht ausser Frage. Und doch drängt sich die Frage auf, die ein spöttischer Kommentar am Festivalrand zuspitzte: Will Solothurn jedes Jahr dieselbe Geschichte sehen? Wenn in der «Rencontre»-Reihe ein Film wie FÜR DIE PALÄSTINENSER gezeigt wird und Nicolas Wadimoffs QUI VIT ENCORE den Prix de Soleure gewinnt, schliesst sich ein thematischer Kreis. Was 1974 bei Edna Politis Film Mut erforderte, ist heute längst Konsens. Auch Wadimoffs UNRWA, 75 ANS D’UNE HISTOIRE PROVISOIRE bewegt sich klar innerhalb einer Konsenskultur. Deswegen sind die Filme naütrlich nicht weniger wichtig, und gerade Wadmimoffs QUI VIT ENCORE ist ein bedeutender Film, gerade für die Schweiz, die – wie in der Besprechung des Chefredaktors von arttv.ch, Felix Schenker, nachzulesen ist, keine rühmliche Rolle dabei spielt (zur Filmbesprechung).
Dennoch stellt sich die Frage nach den fehlenden Perspektiven: Wo sind Filme über den von Islamisten gekaperten palästinensischen Widerstand? Wo Geschichten über die Geiseln der Hamas? Wo ein Film «Für die Iraner», während gegenüber vom Landhaus eine Kundgebung für die Opfer des iranischen Regimes mit wenigen Dutzend Menschen stattfindet – und das Festival schweigt?
Und auch bei der Asylthematik bleibt eine Leerstelle: Wann erzählt Solothurn einmal von der Absurdität der Ausschaffungspraxis, von integrierten Menschen, die abgeschoben werden, während andere faktisch bleiben müssen?
Filmkunst, die überrascht
Bei aller Kritik wäre es jedoch falsch, Solothurn 2026 auf aktivistisches Dokumentarfilm-Kino zu reduzieren. Das Festival bot auch Raum für formale Radikalität und kreative Freiheit. Herausragend unter den Spielfilmpremieren war SIE GLAUBEN AN ENGEL, HERR DROWAK? von Nicolas Steiner. In kontrastreichem Schwarz-Weiss, mit kurzen Farbausbrüchen, erzählt Steiner eine vermeintlich bekannte «Beauty-and-the-Beast»-Geschichte neu – surreal, verspielt und voller Einfälle. Luna Wedler und Karl Markovics tragen dieses eigenwillige Werk mit beeindruckender Präsenz (Bericht auf arttv.ch).
Eine eigentliche Entdeckung war zudem GOLDEN EIGHTIES von Chantal Akerman aus der Fokus-Reihe «Kitsch». Die grellbunte Musical-Parodie zerlegt romantische Klischees, verspottet Konsumwelten und entfaltet dabei eine ansteckende Spielfreude. Feministisch, ironisch und zutiefst menschlich – ein Film, der zeigt, wie politisch Kino auch ohne moralischen Zeigefinger sein kann.
Etwas fürs Herz – und fürs Publikum
Dass sich am Ende nicht ein grosses politisches Statement, sondern ein leiser Coming-of-Age-Film durchsetzte, war vielleicht die schönste Überraschung. BECAÀRIA von Erik Bernasconi gewann den Prix du Public: eine fein beobachtete Geschichte über Sehnsucht, Selbstsuche und Erwachsenwerden im Tessin der 1970er-Jahre (Beitrag auf arttv.ch). Auch KALARI KID – SHE HITS BACK begeisterte mit spektakulären Bildern und einer empowernden Erzählung zweier indischer Mädchen, die sich einer alten Kampfkunst verschreiben. Auch der Eröffnungsfilm THE NARRATIVE stiess beim Publikum auf grosse Resonanz und wurde als klug gesetzter Auftakt der Filmtage aufgenommen. Im Zentrum steht Kweku Adoboli, ehemaliger Investmentbanker der UBS in London. Solange er Milliarden bewegt und Gewinne produziert, gilt er als Leistungsträger eines Systems, das Risiken feiert und Verantwortung verschiebt. Nach einem Verlust von über 2,3 Milliarden Dollar führt, kippt das Bild: Aus dem gefeierten Akteur wird ein Schuldiger, aus systemischem Versagen eine persönliche Geschichte (Kritik auf arttv.ch). Am stärksten aber berührte ein Film, der gar nichts beweisen wollte: UNISONO von Georges Gachot. In nur sieben Drehtagen und mit minimalem Budget dokumentiert der Regisseur die Proben eines Jugend-Sinfonieorchesters in Boswil. Mit grosser Nähe, musikalischer Hingabe und charismatischen Protagonist:innen entfaltet der Film eine Sogwirkung, die bei seiner Weltpremiere zu Standing Ovations führte – ein stilles Plädoyer für die Kraft der Kunst.
Fazit: Auch 2026 war Solothurn ein Fest für den Schweizer Film, das man auf keinen Fall missen möchte, wenn auch die ganz mutigen Filme dieses Jahr ausgeblieben sind.

