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Milo Raus Filmklasse schreibt Geschichte

In den ersten Abschlussfilmen der Filmschule von Mosul verarbeiten Student:innen ihre Kindheitsgeschichten unter der Herrschaft der Terrormiliz IS

Die Kraft des Kinos zeigt sich für den Schweizer Theater- und Filmregisseur Milo Rau in der Dinglichkeit der Kurzfilme, die junge Regisseur:innen in seiner Filmschule geschaffen haben. Im Interview mit arttv.ch spricht er vom grossen Potenzial der jungen Filmemacher:innen und seinen Plänen, nach dem Vorbild der Berlinale ein Filmfestival in Mosul zu gründen.

Im Februar 2022 gründeten die UNESCO und das belgische Theater NTGent unter der künstlerischen Leitung von Milo Rau im Rahmen des EU-finanzierten Projekts «Revive the Spirit of Mosul» eine Filmschule in der Stadt Mosul. In Zusammenarbeit mit Mosuls Institute of Fine Arts wurden 20 Student:innen von einem irakisch-belgischen Team von Filmdozierenden ausgebildet. Die daraus entstandenen Kurzfilme sind jetzt auf Filmfestivals zu sehen, unter anderem auf dem Arab Film Festival Zurich AFFZ.

Interview mit Milo Rau

Von Silvia Posavec

Milo Rau, als Theater- und Filmregisseur sind Sie bekannt dafür, in Ihren Arbeiten globale und sozialkritische Themen aufzugreifen. Wie kam es zu Ihrem Engagement in der nordirakischen Stadt Mosul?
Ich war 2016 mit dem Stück «Empire» in der Region. Als Teil meiner Europa-Trilogie endete die Inszenierung damit, dass ein syrischer Schauspieler die Flüchtlingsroute quasi rückwärts geht, um nach Qamischli zurückzukehren. So kam ich durch den Nordirak und habe zum ersten Mal all diese zerstörten Städte gesehen. Mosul war damals noch die irakische Hauptstadt der Terrormiliz IS. Eigentlich verfolgte ich die Idee, das Stück «Orestes» von Euripides in der befreiten Stadt Sindschar zu inszenieren. Als ich dort in den Ruinen stand, hatte ich das Gefühl, gleichzeitig in einem Fernsehbild und in der Antike unserer
Antike zu sein. Denn wenn sie in den griechischen Tragödien über Troja und das Zweistromland reden, dann ist das so, wie wenn wir über die Griechen sprechen. Die Parallelität dieser zwei Zeitalter fand ich super interessant. Dann wurde Mosul befreit, eine Millionenmetropole und gleichzeitig die älteste Stadt der Welt. Unter der Bezeichnung Ninive galt sie als das Rom des Alten Testaments. Als ich nach Mosul kam, war es komplett zerstört. Wir haben mitten in den Trümmern das Stück «Orestes in Mosul» realisiert und sind damit auf Tour gegangen. Später habe ich dann gemerkt, dass unser Projekt nicht wirklich nachhaltig war. Es ist schwer, aus Mosul heraus zu touren, weil es nicht einfach ist, VISA für das irakische Team zu bekommen. Nach monatelangen bürokratischen Prozessen haben wir am Ende nur zwei Protagonist:innen aus dem Land rausgekriegt, da ist die Distribution von Filmen viel einfacher.

War da die Idee für eine Filmschule schon geboren? Und wie kam es zur Kooperation mit der UNESCO?
Die damalige Leiterin der UNESCO hat «Orestes in Mosul» in Paris gesehen. Sie fand das Stück super und bot mir an, im Rahmen ihres Projektes «Revive the Spirit of Mosul» etwas zu machen. Dann haben sie drei Projekte unterstützt, eins für Tanz, eins für Musik und eins für Film und Theater. Und so wurde diese Filmschule gegründet.

Leistet Kunst oder in diesem Fall der Film eine gewisse Art der Entwicklungsarbeit?
Ja. Aber ich finde es interessant, dass es ihnen weder an Talent noch an Leuten, Geschichten oder Fähigkeiten fehlt. Sie brauchen einen Schnittraum und eine Kamera. Die Herrschaft, die wir von Europa und Amerika aus über den Filmmarkt haben, bedingt sich tatsächlich durch die Infrastruktur. Heute leben wir aber zum Glück in einer Zeit, in der man mit wenigen Mitteln und etwas Ausbildung schon einen neuen kleinen Markt schaffen kann. (Eine Entwicklung, die mit den Dogma-Filmen der 90er-Jahre angefangen hat.)

Welche Erfahrungen haben Sie mit den Student:innen dieser ersten neuen Filmschule in Mosul gemacht?
Schon bei «Orestes in Mosul» habe ich mit Student:innen zusammengearbeitet, von denen einige jetzt auch an der Filmschule sind. Während der Theaterarbeiten haben wir gemerkt, dass die Leute glücklich waren, sobald sie eine Kamera in der Hand hatten. Das war es, was sie machen wollten, denn mit der Filmkamera konnten sie ihre Geschichten erzählen. Und sie gehören einer neuen Generation an, die das Weltkino auf ganz andere Weise kennengelernt hat. In Bezug auf das Erzählen von Geschichten mit Bildern sind sie hypergebildet, ein Godard wirkt im Vergleich dazu fast schon schwerfällig. Es hat mich sehr erstaunt, wie schnell sie das Filmhandwerk gelernt haben. Ihre Abschlussfilme sind unglaublich stark, nach einem Jahr Filmschule sind die gleich gut wie ich. Denen muss man nur die fünf grundlegenden Regeln des Filmemachens erklären, eine Kamera geben und zack hat man einen nächsten Scorsese. Und das finde ich toll, das ist die Kraft des Kinos.

Das irakische Kino hat also gute Chancen, sich nach dem schrecklichen Krieg zu erholen?
Ja, das sieht man oft in Post-Krisensituationen. Mit dem Neorealismus entstand die grösste Zeit des europäischen Kinos direkt im und nach dem Zweiten Weltkrieg. Unsere Kurzfilme aus Mosul erinnern extrem an neorealistische Werke, von der Einfachheit der Erzählung, von den Laiendarsteller:innen und natürlich auch von den Ruinenlandschaften. Sie tragen eine Armut der Ästhetik in sich. Es ist diese ganze Konstellation, die diese Filme notwendig macht. Man versteht, wieso das Kino als Kunst geboren wurde. Hier im Westen ist es oft nur noch Luxus, der dazu dient, die siebzehntausendste Liebesgeschichte von zwei Grossstädtern zu erzählen.

Filme, die eine Dringlichkeit mitbringen, können sehr bewegend und interessant sein. Aber genügt das?
Nicht nur – wir haben Kurzfilme, die noch nicht ausgereift waren, tatsächlich auch aussortiert. Ein guter Film muss ein guter Film sein. Die Schönheit eines Films hat eine humane, eine dringliche und professionelle Ebene. Diese drei Sachen müssen zusammenkommen, sonst ist es ein schlechter Film. Die grossen Werke des Neorealismus werden bewundert, aber 99,9 Prozent aller Filme basieren auf melodramatischen Drehbüchern, die mit der dokumentarischen Ästhetik in der Umsetzung nicht funktionieren. In Roberto Rossellinis «Roma città aperta» ist das Drehbuch in ständigem Kampf mit der Ästhetik. Die professionellen Schauspielerinnen und die Laiendarstellerinnen harmonieren im ihrem Spiel nicht zusammen. Es ist also nicht ganz einfach, einen guten Film zu machen, doch das hängt auch von den Bedingungen ab. Es geht darum, im richtigen Moment am richtigen Ort zu sein, zufällig.

Was uns zurück zu Mosul führt: Waren sofort alle begeistert, dass man Student:innen Kameras in die Hand gibt? Gab es auch Widerstand?
Ja, den gab es. Vor allem für die Studentinnen. Aber der irakische Staat hat im Parlament eine Frauenquote von 25 Prozent beschlossen, was vor allem für Mosul eine absurd hohe Zahl ist. Diese Quote haben wir auch bei uns knallhart durchgezogen. In den Familien gab es viel Gesprächsbedarf, aber wir sind sehr sorgfältig mit dem Thema umgegangen. Frauen vor der Kamera und Frauen hinter der Kamera, diese Debatten muss man erst einmal führen und danach sind sie überwunden. Das hat in Mosul, der Hauptstadt des Islamischen Staats, nur drei Tage gedauert. Man sollte diese Dinge also auch nicht immer überbewerten, sondern einfach angehen.

Mit welchen Themen beschäftigen sich die Filme?
Sie handeln von der Kindheit, von Hoffnung und Finsternis. Die Student:innen sind alle sehr jung. Ihre gesamte Kindheit haben sie unter dem verbrecherischsten Staat der Weltgeschichte, an einem der finstersten Orte, die man für eine Kindheit finden kann, verbracht. Da kann man erwarten, dass es um Missbrauch, Zwangsheirat und Mienen geht. Das fand ich krass. Aber natürlich handeln die Filme auch von Liebe.

Durch die Filme geben die Studierenden Einblicke in ihre Lebenswirklichkeit. Gab es von Seite der Filmschule Vorgaben?
Nein, es gab keine Vorgaben, auch nicht, ob dokumentarisch oder fiktional gearbeitet wird. Aber es ist keine:r auf die Idee gekommen, einen Dokumentarfilm zu machen. Das scheint ein westliches Luxus Hobby zu sein. Für junge Filmemacher:innen scheint Fiktion zwingend zu sein, um Erfahrung mitzuteilen. Wie beschreibt man das Leben unter einer Diktatur wie der des Islamischen Staates? Dass es ihnen gelungen ist, ihre Erfahrungen so auszudrücken, ist unglaublich. Für mich sind diese Filme tatsächlich Filmgeschichte. Ich hoffe wirklich, dass wir das Geld zusammenbekommen, um ein paar Langfilme zu realisieren.

Wie geht es mit der Filmschule weiter und welche Pläne bestehen für die Abschlussfilme der ersten Filmklasse von Mosul?
Die Filmprojekte des ersten Jahrgangs sind abgeschlossen und seit einem Monat auf Festivals zu sehen. Es sind neun Kurzfilme entstanden, die jeweils zehn Minuten lang sind. Aber noch haben wir keine Plattform, auf der man sie anschauen könnte. Aus einer Filmklasse von 20 Leuten sind einige wirkliche Talente dabei. Das sind dann die, die weitermachen werden. Für mich ist es wichtig, ein Filmfestival zu schaffen, auf den Filme aus der Region gezeigt werden, das aber auch im Austausch mit Europa steht. Nach dem Zweiten Weltkrieg beispielsweise wurde die Berlinale ganz bewusst gegründet, weil man das komplett zerstörte Berlin wieder aufbauen wollte. Man hat also ein paar private Produktionsfirmen gezielt finanziell unterstützt, die vielleicht nicht mit Altnazis besetzt waren. So muss man auch in Mosul vorgehen. Die Region ist noch immer gefährdet, der Zentralstaat ist schwach und gleichzeitig nicht ganz unkorrupt. Das ist problematisch. Aber in Kurdistan gibt es bereits einige unabhängige Produktionsfirmen und ein Theaterfestival. Das sind eigentlich schon boomende Kulturmärkte. Ich hoffe, dass es uns gelingt, eine selbsttragende Struktur aufzubauen. Dafür müssen nur ein paar Geschäftsmänner und -frauen, ein paar Philanthrop:innen und ein paar Filmliebhaber:innen zusammenkommen, vortreten und sich einbringen.

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