Die Wälder der Vogesen sind für Vincent Munier kein Ort, sondern ein Erfahrungsraum. Was hier sichtbar wird, basiert auf Wissen, das über Jahre gewachsen ist: gelesen in Spuren, Bewegungen und Geräuschen. Dieses Wissen, geprägt durch seinen Vater Michel, gibt Munier nun an seinen zwölfjährigen Sohn Simon weiter – als Haltung, als Blick, als Form der Aufmerksamkeit.
LE CHANT DES FORÊTS – Naturdokumentarfilm über die Wälder der Vogesen
Nach DIE SCHNEEPANTHER, ausgezeichnet mit dem César für den besten Dokumentarfilm, lädt uns Vincent Munier ins Herz der Wälder der Vogesen ein.
LE CHANT DES FORÊTS | SYNOPSIS
Die Zeit ist gekommen, dass Vincent Munier sein Wissen über den Wald an Simon, seinen Sohn, weitergibt. Gemeinsam begeben sich Grossvater, Vater und Sohn auf eine Entdeckungsreise durch die Vielfalt und die atemberaubende Schönheit der Natur. Versteckt unter Tannen, deren Äste bis zum Boden reichen, verschmelzen sie mit ihrer Umgebung, atmen im Rhythmus des Waldes und der Tierwelt. Geduld ist bei ihren Streifzügen durch diese alten, moosbedeckten Wälder von zentraler Bedeutung. Sie verbringen Nächte, bevölkert von seltenen Tieren und faszinierenden Geräuschen. Und mit ihnen entdecken wir Hirsche, Eulen, Uhus, Füchse und Luchse – und manchmal auch den Flügelschlag eines legendären Tieres: des Auerhahns.

LE CHANT DES FORÊTS | REZENSION
Für uns gesehen hat den Film Walter Gasperi
Sehen lernen – Kino der Stille
Mit LE CHANT DES FORÊTS schafft Vincent Munier ein Naturkino, das sich konsequent gegen gängige Sehgewohnheiten stellt. Die Wälder der Vogesen erscheinen nicht als Schauplatz, sondern als Erfahrungsraum, der sich dem schnellen Zugriff entzieht. Nebel, Licht und Bewegung bestimmen die Wahrnehmung, Tiere bleiben flüchtige Erscheinungen, oft nur schemenhaft erkennbar, manchmal kaum mehr als eine Ahnung. Der Film verlangt Aufmerksamkeit und Geduld. Wer sich darauf einlässt, wird nicht mit spektakulären Momenten im klassischen Sinne belohnt, sondern mit einer neuen Sensibilität für das, was sich normalerweise dem Blick entzieht. Wahrnehmung wird hier nicht vorausgesetzt, sondern entwickelt sich im Verlauf des Films selbst. Diese entschleunigte Haltung macht die Stärke des Films aus und verleiht ihm eine aussergewöhnliche Intensität.
Nähe und Weitergabe
Die Präsenz von drei Generationen – Munier, sein Vater und sein Sohn – öffnet den Film auf eine persönliche Ebene, ohne ihn aus seiner Konzentration zu lösen. Beobachtung erscheint als etwas, das nicht nur individuell erfahren, sondern auch weitergegeben wird. Der Blick auf die Natur wird zur gemeinsamen Praxis, zum Austausch von Wissen, Erfahrung und Haltung. Die Gespräche strukturieren den Film leise und unaufdringlich. Sie verankern das Gesehene in einer menschlichen Perspektive, ohne die Eigenständigkeit der Natur infrage zu stellen. So entsteht eine Balance zwischen Nähe und Distanz: Der Mensch ist Teil dieses Raums, bleibt aber zugleich Beobachter, der sich zurücknehmen muss, um überhaupt sehen zu können.
Bild und Klang als Erfahrung
Die visuelle Gestaltung erreicht eine aussergewöhnliche Dichte. Licht, das durch Äste fällt, Nebel, der Räume öffnet und schliesst, Tiere, die sich nur für Momente zeigen – viele Einstellungen wirken wie gemalt, ohne je künstlich zu erscheinen. Die Kamera bleibt geduldig, beobachtend, fast zurückhaltend, und lässt den Bildern Zeit, sich zu entfalten. Parallel dazu entwickelt die Tonspur eine ebenso prägende Wirkung. Das Knacken von Zweigen, das Röhren der Hirsche, das Rascheln im Unterholz oder das ferne Rufen von Vögeln schaffen eine akustische Präsenz, die den Raum erweitert. Sehen und Hören greifen ineinander und erzeugen ein intensives, fast körperliches Erleben der Natur. Auch die ökologische Dimension ist spürbar, bleibt aber subtil eingebettet. Bedrohung und Fragilität werden nicht ausgestellt, sondern ergeben sich aus der Erfahrung selbst. Der Film vertraut auf die Kraft seiner Bilder und Klänge und erreicht damit eine nachhaltige Wirkung.
Fazit
LE CHANT DES FORÊTS ist ein eindringliches, sinnliches Kinoerlebnis, das sich ganz auf Wahrnehmung konzentriert. Ein Film, der entschleunigt, sensibilisiert und mit grosser Konsequenz zeigt, wie intensiv Natur erfahrbar wird, wenn man bereit ist, wirklich hinzusehen und zuzuhören.


