Der Schweizer Film HELDIN von Petra Volpe wurde nicht für den Oscar nominiert. Das ist kein Makel – sondern Anlass für eine grundsätzliche Überlegung: Warum wir Hollywood nicht brauchen, um unsere eigenen Filme ernst zu nehmen.
Kein Oscar für HELDIN, zum Glück!
- Publiziert am 23. Januar 2026
Für alle, die es trotzdem interessiert
Die wichtigsten Oscar-Nominierungen 2026 (Auswahl)
BESTER INTERNATIONALER SPIELFILM
• FRANKREICH – UN SIMPLE ACCIDENT
• BRASILIEN – THE SECRET AGENT
• NORWEGEN – SENTIMENTAL VALUE
• SPANIEN – SIRÂT
• TUNESIEN – THE VOICE OF HIND RAJAB
BESTER FILM
• BUGONIA
• F1
• FRANKENSTEIN
• HAMNET
• MARTY SUPREME
• ONE BATTLE AFTER ANOTHER
• THE SECRET AGENT
• SENTIMENTAL VALUE
• SINNERS
• TRAIN DREAMS
BESTE REGIE
• Chloé Zhao (HAMNET)
• Josh Safdie (MARTY SUPREME)
• Paul Thomas Anderson (ONE BATTLE AFTER ANOTHER)
• Joachim Trier (SENTIMENTAL VALUE)
• Ryan Coogler (SINNERS)
BESTE HAUPTDARSTELLERIN
• Jessie Buckley (HAMNET)
• Rose Byrne (IF I HAD LEGS I’D KICK YOU)
• Kate Hudson (SONG SUNG BLUE)
• Renate Reinsve (SENTIMENTAL VALUE)
• Emma Stone (BUGONIA)
BESTER HAUPTDARSTELLER
• Timothée Chalamet (MARTY SUPREME)
• Leonardo DiCaprio (ONE BATTLE AFTER ANOTHER)
• Ethan Hawke (BLUE MOON)
• Michael B. Jordan (SINNERS)
• Wagner Moura (THE SECRET AGENT)
NEBENDARSTELLER:INNEN (AUSWAHL)
• Elle Fanning (SENTIMENTAL VALUE)
• Wunmi Mosaku (SINNERS)
• Benicio del Toro (ONE BATTLE AFTER ANOTHER)
• Delroy Lindo (SINNERS)
• Jacob Elordi (FRANKENSTEIN)
Still aus HELDIN
Tausendmal verdient
Der Schweizer Beitrag HELDIN ging leer aus. Keine Oscar-Nomination, kein roter Teppich, kein globales Schulterklopfen. Der Film, der den irren Berufsalltag einer Pflegefachfrau im Spital zeigt, wurde von der Academy nicht berücksichtigt. Das ist eine nüchterne Feststellung – und kein Makel. Und bevor das irgendwer falsch versteht: Ich hätte es Petra Volpe, dieser wunderbaren, hochtalentierten Regisseurin, tausend Mal gegönnt. HELDIN ist ein grandioser Film. Präzise beobachtet, hochkonzentriert erzählt, menschlich bis in jede Faser. Kurz: ein Hammerfilm, wenn auch ein leiser.
Mehr als jede Trophäe
Für mich persönlich bleibt HELDIN ein Highlight. Nicht zuletzt, weil ich Petra Volpe anlässlich der Premiere an der Berlinale nicht nur interviewen durfte, sondern auch junge Pflegefachkräfte, die im Umfeld des Films auf ihre schwierigen, oft prekären Berufsbedingungen aufmerksam gemacht haben. Das war eindrücklich und sinnstiftend. Petra Volpes Film hat mehr Kraft als jede Oscar-Nomination: Er verändert Wahrnehmung, nicht Schlagzeilen. Vielleicht bin ich gerade deshalb ganz froh, dass es nicht zur Oscar-Nomination kam. Denn was dann losgetreten worden wäre, kennen wir: ein nationales Hochziehen an fremden Trophäen, Schlagzeilen, die sich mehr um den Preis als um den Film drehen, ein symbolischer Triumph, der schnell verpufft. Kurz: ein Riesen-Theater.
Hollywood war nie unser Massstab
arttv.ch hat sich nie nach Hollywood ausgerichtet. Und ganz ehrlich: Dieses ganze Getue, diese riesige, oft oberflächliche Propagandamaschinerie rund um den amerikanischen Film hat mich nie interessiert. Der Oscar – offiziell die Academy Awards – ist historisch betrachtet vor allem eines: ein perfekt funktionierendes Marketinginstrument. Entstanden Ende der 1920er-Jahre, um die junge US-Filmindustrie zu stabilisieren, ist er heute ein globales Spektakel, das Macht, Sichtbarkeit und Verwertung feiert – weit mehr als künstlerische Vielfalt. Gerade in Zeiten von Donald Trump sollten wir uns emanzipieren. Uns lösen von der fixen Idee, kulturelle Relevanz brauche den Segen Amerikas – oder, spezifisch auf den Film bezogen, den Segen aus Los Angeles. Von mir aus könnte man die Oscars dieses Jahr schlicht ignorieren. Kein Zudienen, kein Blabla.
Natürlich kann Hollywood nichts für Trump. Die Branche ist eher links, sicher nicht Trump -jubelnd. Trotzdem wäre es kein Drama, die Oscars nicht gross zu beachten. Aufmerksamkeit ist eine Ressource – und wir entscheiden, wofür wir sie einsetzen.
Unser Massstab liegt hier
Richten wir den Blick lieber auf unser eigenes Filmschaffen. Auf so einmalige Werke wie aktuell DER MANN AUF DEM KIRCHTURM von Edwin Beeler oder auf den grandiosen Eröffnungsfilm der Solothurner Filmtage THE NARRATIVE von Bernard Weber und Martin Schilt, der mit seiner präzisen, empathischen Analyse von Verantwortung und medialen Erzählmustern beim Festival 2026 für Aufsehen sorgte. Hier entsteht Relevanz – nicht im Blitzlichtgewitter von Preisverleihungen. Trotzdem: Kulturpreise sind natürlcih legitim und sorgen zuweilen für Spannung. Sie können Aufmerksamkeit erzeugen und sing besonders dann eindrücklich, wenn ein Lebenswerk gewürdigt wird. In der Regel profitieren davon allerdings mehr die vergebenden Institutionen als die Preisträger:innen selbst. Das gilt ganz besonders für Auszeichnungen ohne Preisgeld – und dazu gehört auch der Oscar. Sinnvoller wäre es, Zeit und Geld in stabile Förderstrukturen, verlässliche Verwertungsketten und eine starke Vermittlung zu investieren.
Und ja: Auch der Titel dieses Kommentars folgt der Logik der Aufmerksamkeitökonomie. Kein Oscar für HELDIN, zum Glück! ist bewusst so zugespitzt gewählt, um gelesen zu werden – gerade weil der Oscar als Reizwort funktioniert. Umso wichtiger ist es, diesen Mechanismus offen zu benennen und ihn nicht mit inhaltlicher Relevanz zu verwechseln. Unser Massstab sollte ein anderer sein. Und der liegt nicht in Hollywood – sondern hier.

Da wo die Reise begann: Petra Volpe mit Crew an der Berlinale 2025

