Im Interview spricht Regisseurin Jaqueline Zünd über die Idee hinter ihrem ersten Langspielfilm «DON’T LET THE SUN», darüber, wie extreme Hitze menschliche Beziehungen verändert, warum ihr Film fast ohne Dialoge auskommt und weshalb sie bei der Recherche auf eine japanische Agentur stiess, bei der man soziale Beziehungen mieten kann.
Jacqueline Zünd | DON'T LET THE SUN
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«Was mich erschreckt, ist, dass der Klimawandel gesellschaftlich kaum mehr ein Thema zu sein scheint.»
Mit Jaqueline Zünd sprach für arttv.ch Madeleine Hirsiger
Mit «DON’T LET THE SUN» hast du dich mit deinem ersten Langspielfilm auf «heisses» Terrain begeben. Warum die Thematik des Klimawandels?
Mir ging es darum, über die Zerbrechlichkeit menschlicher Beziehungen nachzudenken. Dafür suchte ich einen äusseren Zustand, der unsere Beziehungen beeinflusst. Die Hitze als Folge des Klimawandels erschien mir naheliegend, dramaturgisch reizvoll und – eine Ecke weitergedacht – interessanter als etwa die sozialen Medien.
Hast du dich auf drei Personen beschränkt, um den Wandel des Klimas stärker sichtbar zu machen?Mich interessierte, wie wir uns verändern, wenn es so heiss ist. Was macht das mit uns? Das lässt sich mit einer ganz kleinen Gruppe von Menschen besser darstellen. Wir kennen das ja selbst: Wenn es heiss ist, vertragen wir eigentlich keine Nähe mehr und mögen nicht mehr reden. Das wirkt sich auf unsere Beziehungsfähigkeit aus. Darum gibt es im Film fast keine Dialoge.
Der Klimawandel scheint gesellschaftlich jedoch weniger präsent zu sein als noch vor wenigen Jahren.
Was mich erschreckt, ist, dass der Klimawandel gesellschaftlich zurzeit kaum mehr ein Thema zu sein scheint. Als ich 2020 begann, das Drehbuch zu schreiben, war das alles hochaktuell. Heute herrscht eher eine allgemeine Gleichgültigkeit.
Für deine Recherche bist du sogar auf ein ungewöhnliches Phänomen in Japan gestossen.
Als ich mit den Recherchen begann, bin ich in Japan auf eine Agentur gestossen, bei der man menschliche Beziehungen mieten kann: zum Beispiel jemanden, der dir am Bahnhof zuwinkt, der mit dir weint, der einfach neben dir sitzt und nichts sagt oder dir eine Geburtstagskarte schreibt. Man kann also soziale Interaktionen mieten. Das hat mich extrem beeindruckt. Ich begann darüber nachzudenken, wie sich Beziehungen in Zukunft verändern werden. Wenn ich meinen 20-jährigen Sohn anschaue, hat er bereits ganz andere Formen sozialer Interaktion als ich – vor allem durch eine andere Gleichzeitigkeit der Kommunikation.
Wie hast du die bedrohliche Atmosphäre, die den Film beherrscht, visuell umgesetzt?
Eigentlich wollte ich alles in São Paulo drehen. Ich wollte die Atmosphäre über die Architektur vermitteln – mit dem Beton, der eine gewisse Härte ausstrahlt und den Menschen darin noch zerbrechlicher erscheinen lässt. Die brutalistische Bauweise hat mich sehr inspiriert. Gleichzeitig wollte ich unbedingt vermeiden, dass man einen konkreten Ort wiedererkennt. Produktionstechnisch war das aber sehr schwierig, und schliesslich habe ich in Italien einen Ort gefunden, der meinen Intentionen sehr nahekam.
Welche Bedeutung hat die Szene mit den Eulen?
Eulen haben in praktisch allen Kulturen eine andere Bedeutung, eine andere Symbolik. Und sie sind nachtaktiv – so wie in unserer Filmwelt auch die Menschen nachtaktiv sein müssen. Das war einer meiner schönsten Drehtage. Wir mussten uns sehr langsam bewegen, um die Tiere nicht zu erschrecken. Dadurch wurde die sonst eher hektische Drehatmosphäre plötzlich ganz ruhig.
Wie hast du den Hauptdarsteller Levan Gelbakhiani gefunden?
Chiara Polizzi, meine Casting-Agentin in Italien, hat ihn mir vorgeschlagen. Mir war sofort klar, dass er der Richtige ist. Er ist nicht einfach zu «lesen», hat etwas Geheimnisvolles, Androgynes. Und er ist Tänzer – was perfekt war. Denn im Film gibt es wenig Dialoge, was von den Schauspieler:innen verlangt, sehr physisch zu agieren und zu arbeiten.
Du hast eben einen Dokumentarfilm mit dem Titel «HEAT» fertiggestellt. Worum geht es darin?
Die Thematik ist ähnlich. Ich habe den Film im arabischen (persischen) Golf gedreht, wo die klimatische Realität noch viel extremer ist. Dort steigen die Temperaturen im Sommer bis auf 52 Grad. Für uns waren das sehr schwierige Drehbedingungen. Es gab heikle Momente. Wir mussten immer wieder ins Auto, um uns abzukühlen – das galt auch für die Kamera. In dieser Region rechnet man schon bald mit Temperaturen von 55 bis 60 Grad bei einer Luftfeuchtigkeit von 60 bis 70 Prozent. Das ist für Menschen lebensbedrohlich. Schon heute verlassen viele Leute – die es sich leisten können – ihre klimatisierten Wohnungen kaum noch. Sie lassen sich alles nach Hause liefern und bewegen sich draussen nur noch im klimatisierten Auto, das in der Tiefgarage steht. Sie gehen also praktisch nicht mehr nach draussen. Für uns waren das unglaubliche Erfahrungen.
Bleibst du bei dieser Thematik im nächsten Film?
Nein – erst einmal reicht es mit der Hitze!
Herzlichen Dank für das Gespräch!