Interviews
Louis Garrel

«Ich wollte einen Krimi drehen, der gleichzeitig romantische Komödie ist.»

Louis Garrel beschert uns mit «L'innocent» eine sehr erfreuliche, burleske Krimikomödie, die er durch viel Tempo vorantreibt.

In seinem vierten Film als Regisseur mischt Louis Garrel die Genres, denn sein Film ist gleichzeitig Raubüberfall und romantische Komödie. Der Regisseur spielt - wie in all seinen Filmen - einen der Protagonisten gleich selbst und wird von den hervorragenden Noémie Merlant, Anouk Grinberg und Roschdy Zem begleitet. Ondine Perier im Interview mit Garrel darüber, warum er nicht mehr in Paris drehen will, ob er ein Romantiker ist und warum ihm starke Frauen wichtig sind.

Mit Louis Garrel sprach Ondine Perier

Sie mischen in Ihrem Film ziemlich wild Genres durcheinander. Warum?
Ich hatte Lust, einen Krimi zu drehen, der auch eine romantische Komödie ist. Ich wollte mich von der herkömmlich Form eines Krimis entfernen. Ich wollte den Film, trotz kriminalistischer Handlung, zu einem gefühlvollen Film machen, in dem die Figuren auf sehr starke Weise spürbar sind. Ich wollte Menschen zeigen, die von ihren Gefühlen und ihren Beziehungen untereinander geprägt sind, sich aber gleichzeitig in einer unglaublichen Geschichte bewegen. Die inmitten eines Krimis von einem Genre in ein anderes wechseln.

Sind die schlecht aufgelösten Fotos, die Atmosphäre, das Split-Screen-Verfahren und der Soundtrack aus den 80er Jahren Ausdruck einer gewissen Nostalgie?
Nein, ich glaube nicht, dass ich nostalgisch bin, aber wer Filme macht, hat immer einen gewissen
Fetisch. Für diesen Film wollte ich unbedingt den Effekt eines «Es war einmal»-Märchens. Der Soundtrack aus den 80er Jahren ist vor allem von der Figur der Mutter (fantastische gespielt von Anouck Grinberg) inspiriert. Es ist offensichtlich, dass sie die Frau ist, durch die die skandalöse Geschichte ihren Lauf nimmt. Darum musste der Film ihrer Person ähneln. Da sie wie eine junge Frau von 20 Jahren aussieht, und das nicht nur körperlich, habe ich auch die entsprechende Musik gewählt. Sie hat den gleichen Optimismus, den gleichen Elan und die gleiche Romantik wie er in der Schlagermusik zum Ausdruck gebracht wird.

Die Art und Weise, wie in Ihrem Film behandelt wird, von wem wir abstammen, erzeugt starke Emotionen. Liegt Ihnen das Thema unserer Herkunft besonders am Herzen?
Eigentlich erzeugt bei mir meine Herkunft eher Angst (sein Vater ist der bekannte Regisseur Philippe Garrel, A.d. Redaktion). Vielleicht weil ich das Gefühl habe, nicht brillant genug zu sein und zu stark in Pathos verfalle.

Vernünftige Eltern, unvernünftige Kinder, in Ihrem Film drehen Sie diese Vorstellung um.
Ja, in meinem Film ist es umgekehrt. Die Mutter ist unvernünftig und der Sohn vielleicht zu vernünftig, Er sorgt sich um sie. Er will sie nicht loszulassen. Er will mit mit ihr verschmelzen. Es ist eine Art Tanz, den sie miteinander tanzen. Der Sohn sucht nach guten Gründen, immer in Kontakt mit seiner Mutter zu bleiben.

Wie gingen Sie an die komödiantischen Szenen heran, wie jener herrliche Moment im Hangar mit Clémence (Noémie Merlant) und Abel?
Die Dialoge dieser Szenen waren sehr klar niedergeschrieben, in dem Sinne, dass es nicht viel Improvisationsraum gab. Ich wollte, dass die Situation so klar wie möglich ist, damit die beiden Schauspieler von der Improvisationsarbeit entlastet waren. Je klarer die Situation ist, desto mehr können sie eine gute Performance ablegen. Ich mag es, wenn eine Struktur vorgegeben ist, weil man innerhalb dieses Rahmens zu mehr Freiheiten findet. Die Schauspieler:innen sind von der Aufgabe entlastet, Dialoge zu produzieren, denn diese waren in der Tat genau vorgegeben.

Abel wird von seinem Schwiegervater (Roschdy Zem) aus seiner Komfortzone und seinem Schneckenhaus herausgerissen. Inwiefern kann man eine Parallele zu Ihnen ziehen? Sie haben für Ihren Film ebenfalls Ihre Komfortzone verlassen, indem Sie sich in ein völlig neues Genre begeben haben?
Ja, das stimmt, und das kommt wahrscheinlich daher, dass ich immer weniger Angst davor habe, unterhaltende Filme zu drehen. Ich hatte wirklich viel Freude daran, diese ganze Geschichte zu erzählen. Der Teil des Films mit den Banküberfällen ist wirklich grosses Kino. Es sind kindliche Spielsituationen und ich hatte viel Freude daran.

Die kindliche Seite ist tatsächlich sehr stark spürbar und trägt erfreulich zum guten Gefühl bei, das Ihr Film bei mir auslöste.
Vielleicht liegt es daran, dass sich mein Film an der Form der Comics orientiert. Ich bin ein «erzählender Regisseur». Ich will ausdrucksstarke Filme machen. Es geht mir darum, dass die Sachverhalte vom Publikum sehr schnell verstanden werden, dass die Exposition klar und schnell ist. Das ist eine Sache, die ich wirklich versuche zu befolgen. Ich will nicht, dass die Einführung in die Geschichte ewig dauert. Ich will die Zuschauer:innen überraschen. Ich will, dass sie an der Story dran bleiben. Ich will unterhalten.

Aus welchem Grund haben Sie sich entschieden, Lyon und nicht Paris als Schauplatz Ihres Films zu wählen, wie es in Ihren vorherigen Filmen der Fall war?
Ich wollte darum nicht mehr in Paris drehen, weil ich meine Stadt mittlerweile zu gut kenne und nicht mehr auf naive Weise an sie herangehen kann. Wenn eine amerikanische Filmproduktion in Paris filmt, wird ganz selbstverständlich in der Notre-Dame oder am Ufer der Seine gedreht. Ganz banal. Ich wollte in meinem Film die gleiche naive Beziehung zu einer Stadt zeigen.

Romantik ist in Ihren Filmen immer ein sehr präsenter Aspekt, ist sie für Sie so wichtig?
Ja, auf jeden Fall! Auch in diesem Film, obwohl es ein Krimi ist. Abel nimmt aus Liebe zu seiner Mutter an einem Banküberfall teil. Wenn das nicht romantisch ist! Die Teilnahme an diesem Überfall verändert ihn, macht ihn zu einer anderen Person mit ganz anderen, neuen Gefühlen. Abel verändert sich schnell und stark. Das war es, was ich darstellen wollte: von einer klassischen Situation ausgehend, einen Charakter zeigen, der seinen Panzer dank eines unerwarteten Abenteuers durchbricht und sich weiterentwickelt, der grosse Schritte macht.

Ihre Arbeit ist oft autobiografisch. Ist das der Grund, warum Sie selber die Hauptfigur spielen?
Das liegt auch daran, dass ich es machen möchte wie andere Regisseur:innen, die ich bewundere. Insbesondere Nanni Moretti. Ich mag das Gefühl als Zuschauer, zu wissen, dass der Regisseur selber Teil der Darsteller:innen ist. Meine Filme entstehen so: Ich denke mir Szenen aus, dann spiele ich diese den Drehbuchautor:innen vor; dann dem technischen Team und dann den Schauspieler:innen. Meine Arbeit ist empirisch.

Sind Ihnen die Figuren, die Sie in Ihren Filmen verkörpern, ähnlich?
Nicht wirklich nein, vielleicht sind sie ängstlich, wie ich es bin. Auf jeden Fall bin ich im erzählerischen Sinne der Fixpunkt, um den herum sich die Figuren erlauben können, exzentrischer zu sein. Ich bin der vernünftige Pfeiler, der im Kontrast zu den anderen steht, der es ermöglicht, dass die anderen stärker existieren.

In Ihren Film spielen Frauen eine wichtige Rolle.
Ja, das war sogar das Prinzip meines Films. Da war die Idee der Macht: dass die Protagonistinnen selbstbewusster und auch männlich sind. Noémie Merlant spielt Clémence sehr überzeugend, ihre Figur ist viel mutiger als meine, dasselbe gilt für die Mutter, die so viel Kraft und Macht in sich hat.

Haben Sie schon eine Idee, was das Thema Ihres nächsten Projekts sein wird?
Noch ist nichts genau festgelegt; ich würde gerne von einem fantastischen Abenteuer ausgehen. Etwas Kindliches, das ist es, was mir sehr gefällt. Ansonsten gibt es einige Filme, die gerade ins Kino kommen und in denen ich als Schauspieler mitwirke: «Les Amandiers» von Valeria Bruni Tedeschi, «L’envol» von Pietro Marcello, «Les trois mousquetaires» von Martin Bourboulon und «…Le grand chariot» von meinem Vater Philippe Garrel.

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