Was kann das Kino verändern? Vor fünfzig Jahren war diese Frage für eine Gruppe engagierter Schweizer Filmschaffender keine theoretische Überlegung, sondern eine politische Überzeugung. Sie wollten nicht einfach Geschichten erzählen, sondern gesellschaftliche Missstände sichtbar machen und Veränderungen anstossen. 1975 gründeten sie das Filmkollektiv Zürich und entwickelten eine Form des Filmemachens, bei der nicht der einzelne Regisseur im Mittelpunkt stand, sondern die gemeinsame Sache.
FILMKOLLEKTIV ZÜRICH – Kino, das auf die Barrikaden ging
- Publiziert am 27. Oktober 2026
Mehr als eine historische Retrospektive
Die Solothurner Filmtage zeigen im Rahmen ihrer Reihe «Rencontre» zwölf Werke aus dem Schaffen des Filmkollektivs Zürich. Fünf Filme werden eigens dafür neu digitalisiert und untertitelt, darunter CINÉMA MORT OU VIF? (1977). Alle Vorführungen werden von Gesprächen mit Filmschaffenden begleitet. Zwei zusätzliche Diskussionen mit Gästen aus der aktuellen Politik sollen die Verbindung zur Gegenwart vertiefen. Der Reiz dieser Retrospektive liegt letztlich auch in einem Widerspruch: Das Filmkollektiv Zürich kämpfte für gesellschaftliche Veränderungen, von denen einige tatsächlich eingetreten sind. Andere Konflikte scheinen dagegen kaum an Aktualität verloren zu haben. Die Filme erzählen deshalb nicht nur davon, wie die Schweiz einmal war, sondern stellen auch die unbequeme Frage, wie weit wir seither gekommen sind.
Von der Kamera zur politischen Waffe
Die 1970er-Jahre waren eine Zeit des gesellschaftlichen Aufbruchs. Während in der Westschweiz Filmemacher wie Alain Tanner mit der «Groupe 5» das Schweizer Kino erneuerten, entstand in Zürich ein Kollektiv, das Film ausdrücklich als politische Praxis verstand. Zu seinen prägenden Persönlichkeiten gehörten Hans und Nina Stürm, Mathias Knauer, Urs Graf, Beatrice Michel und Marlies Graf Dätwyler. Auch Kameraleute und Filmtechniker wie Renato Berta, André Pinkus, Robert Boner oder Carlo Varini waren Teil dieser Bewegung. Das Besondere: Das Kollektiv verfügte über eigene Kameras und Tonausrüstungen. Seine Mitglieder konnten unabhängig von grossen Produktionsstrukturen arbeiten, unmittelbar auf Ereignisse reagieren und dort filmen, wo gesellschaftliche Konflikte ausgetragen wurden. Zwischen 1975 und 1985 entstanden rund dreissig Filme, die heute nicht nur filmhistorische Dokumente sind, sondern auch Zeugnisse einer Schweiz, die sich politisch und kulturell grundlegend veränderte.
Von Kaiseraugst bis zur Wohnungsnot
Wie aktuell diese Filme geblieben sind, zeigt sich besonders deutlich bei den Themen Energie und Wohnen. KAISERAUGST (1975) dokumentiert den Widerstand gegen das geplante Atomkraftwerk und den zivilen Ungehorsam der Protestbewegung. Ein halbes Jahrhundert später, angesichts der Diskussionen um die Energieversorgung und eine mögliche Renaissance der Atomkraft, erhält der Film eine neue Brisanz. Ähnlich verhält es sich mit ZUR WOHNUNGSFRAGE 1972, in dem Hans und Nina Stürm die kapitalistische Wohnungswirtschaft kritisch untersuchen. Was damals eine politische Kampfansage war, liest sich angesichts steigender Mieten und knappen Wohnraums heute schon fast wie ein Kommentar zur Gegenwart. Eine andere Perspektive eröffnet LE GAZ DES CHAMPS (1977) von Jean-François Amiguet. Der Film porträtiert einen Bauern, der aus Kuhmist Biogas produziert. Eine Idee, die damals visionär erschien und heute fester Bestandteil der Diskussion über erneuerbare Energien ist. Zu den Höhepunkten der Retrospektive zählt ausserdem GOSSLIWIL (1985). Für ihren fünfteiligen Filmessay über Arbeit, Zeit und Landflucht zogen Beatrice Michel und Hans Stürm selbst in das gleichnamige Bauerndorf. Statt die ländliche Lebenswelt aus der Distanz zu beobachten, machten sie sich zu einem Teil davon.
Filme, die etwas bewirken wollten
Besonders spannend ist das Selbstverständnis des Kollektivs. Seine Mitglieder wollten nicht bloss dokumentieren, sondern eingreifen. EIN STREIK IST KEINE SONNTAGSSCHULE (1974) von Hans Stürm, Mathias Knauer und Nina Stürm begleitet Arbeitskämpfe, während LIEBER HERR DOKTOR (1977) die Selbstbestimmung beim Schwangerschaftsabbruch einfordert. Der Film war ausdrücklich als Intervention gedacht und nahm damit Forderungen vorweg, die sich in der Schweiz erst Jahrzehnte später politisch durchsetzen sollten. Solche Arbeiten erinnern daran, dass der Dokumentarfilm schon damals mehr sein wollte als ein journalistisches Format. Er verstand sich als Instrument gesellschaftlicher Veränderung. Eine Haltung, die angesichts heutiger Debatten über Aktivismus, Medienmacht und die Glaubwürdigkeit von Bildern neue Aktualität gewinnt.
