Im Interview spricht Regisseur Felice Zenoni über seine Kindheitserinnerungen an die «fliegenden Yogis» in Seelisberg, über die Faszination und den Spott, die die TM-Bewegung in Uri auslöste, und darüber, warum jetzt der richtige Moment war, diese Geschichte filmisch festzuhalten. Er erzählt von seinen Recherchen, von Archivfunden aus aller Welt, von Schlüsselfiguren wie Susan Shumsky und Hermann Zwyssig – und davon, warum sein Film kein Urteil fällt, sondern die Spannung zwischen spiritueller Suche, Macht, Hoffnung und Enttäuschung sichtbar macht.
Felice Zenoni | NAMASTE SEELISBERG
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Mit Felice Zenoni sprach arttv Chefredaktor Felix Schenker
Felice, wie sind beide Urner und kennen uns seit Jugendjahren. Die «fliegenden Yogis» in Seelisberg waren in der Urner Bevölkerung intensiver Gesprächsstoff, aber auch Anlass für viel Spott und Häme. Wann kam bei dir zum ersten Mal die Idee auf, die Geschichte der Yogis zu verfilmen?
Seit ich vor gut zehn Jahren begann, mich vermehrt mit Urner Stoffen fürs Kino und Fernsehen zu beschäftigen, schwirrte mir auch die Geschichte mit Seelisberg und den Yogis durch den Kopf. Da ich zum 100. Geburtstag von Franz Fedier im Jahr 2022 zuerst den Dokumentarfilm über diesen Urner Maler fertigstellen wollte, musste NAMASTE SEELISBERG hintanstehen.
Und warum wolltest du diesen Film realisieren?
Die Bilder aus meiner Kindheit haben sich tief eingebrannt: In den 1970er-Jahren sah ich in Seelisberg plötzlich Menschen in Saris und Kurtas, die so gar nicht in das vertraute Bild der Zentralschweiz passten. Für mich als junger Bub war das fremd, faszinierend und rätselhaft. Diese Erinnerung hat mich nie ganz losgelassen.
Die Yogis betreiben TM. Dies steht für Transzendentale Meditation und wurde vom indischen Guru Maharishi Mahesh Yogi in den 1950er-Jahren im Westen verbreitet. Die Idee dahinter: Durch eine sehr einfache Meditationsform soll der Mensch zu innerer Ruhe, Klarheit und Ausgeglichenheit finden. Meditierst du selber?
Nicht im engeren Sinne. Meditative Momente finde ich eher in Musik, in der Natur, im Gehen, im Alleinsein oder einfach in der Stille.
Die Transzendentale Meditation hat dir also nicht den Ärmel reingezogen?
Nein. Durch die Filmarbeit habe ich zwar verstanden, wie TM funktioniert und was viele Menschen daran fasziniert, aber das hat in mir nicht den Wunsch ausgelöst, selbst Teil dieser Gemeinschaft zu werden.
Diese wird ja auch von Expert:innen kritisch hinterfragt. TM ist zwar keine klassische Sekte, steht aber immer wieder in der Nähe solcher Vorwürfe. Zwar gibt es keine totale Abschottung von Familie, Beruf oder Gesellschaft wie in Sekten oft verlangt. Trotzdem werden die starke Verehrung von Maharishi als fast unfehlbare Autorität, die klaren Hierarchien,die hohen Kurskosten für Kurse um auf eine «höhere Stufe» des Bewusstseins zu kommen, kritisiert. Wie bist du in deinem Film dieser Kritik begegnet?
Mit Susan Shumsky habe ich eine Protagonistin gefunden, die viele Jahre zum inneren Kreis gehörte, Maharishi verehrte und seine Lehren aktiv verbreitete. Später begann sie zu zweifeln, distanzierte sich von der Bewegung und ging eigene Wege.
Wie hast du sie gefunden?
ANTWORT FOLGT
Sie nimmt die Zuschauer:innen mit auf ihre persönliche Reise.
Ja, ihre Geschichte erlaubt es mir, von innen heraus zu erzählen, wie aus Begeisterung allmählich Irritation wird – und wo sich Versprechen, Machtstrukturen und persönliche Abhängigkeiten kreuzen. Ergänzt wird diese Perspektive durch Archivmaterial, Zeitzeug:innen und kritische Stimmen, etwa aus der Medienberichterstattung. So entsteht kein Anklagefilm, aber auch kein Heiligenbild: Der Film zeigt die Spannung zwischen spiritueller Suche und System, zwischen Hoffnung und Enttäuschung, zwischen innerem Wachstum und möglichen Mechanismen von Kontrolle.
Du hast das Archivmaterial erwähnt. Woher hast du es?
Das Archivmaterial stammt aus über dreissig Archiven weltweit. Besonders wichtig war Filmmaterial, das die TM-Leute in den 70ern selbst in Seelisberg gedreht hatten und heute in einem Archiv in den Niederlanden liegt. Dazu kamen Unterlagen aus dem Staatsarchiv Uri, dem Bundesarchiv in Bern und privaten Sammlungen von Dorfbewohner:innen und ehemaligen TM-Anhänger:innen. Aus all diesen Quellen entstand Schritt für Schritt ein möglichst genaues Bild dieser Zeit.
Auch wenn die Yogis nicht direkt als Sekte bezeichnet werden dürfen, steht der Vorwurf im Raum. Wie bist du an dieses Thema herangegangen?
Ich habe früh den Kontakt zu Leuten gesucht, die sich professionell mit solchen Themen befassen. Da liegt der Journalist und Sektenexperte Hugo Stamm natürlich nahe. Seine Einschätzungen haben mir geholfen, typische Muster einer Sekte zu erkennen. Ich habe dann für mich geprüft, was davon konkret auf Seelisberg zutrifft – und was nicht.
Und wie war deine Analyse, kamst du zu einem abschliessenden Urteil?
Nein, und das wollte ich auch nicht. Mir war wichtig, nicht zu urteilen, sondern die Beteiligten über ihre Erfahrungen sprechen zu lassen. Ich habe mit ehemaligen Anhänger:innen gesprochen, mit kritischen Stimmen, aber auch mit Leuten, die bis heute von TM überzeugt sind. So konnte ich zeigen, dass derselbe Ort und dieselbe Bewegung ganz unterschiedlich erlebt werden: für die einen als Befreiung, für andere als Einengung.
Du «etikettierst» nicht!
Nein und das war mich auch wichtig. Vielmehr wollte ich die Spannung sichtbar machen: zwischen spiritueller Suche und Organisation, zwischen Vertrauen und Macht, zwischen Hoffnung und Enttäuschung. Der Vorwurf steht im Raum – aber das Publikum soll sich selbst ein Bild machen können.
Neben Susan Shumsky ist Hermann Zwyssig, der langjährige Hausmeister der Yogis, eine zentrale Figur in deinem Film.
Ja, mit seiner Fröhlichkeit und Herzlichkeit (eigene Worte von dir) ist er eine echte Bereicherung für den Film. Er ist in Seelisberg aufgewachsen und dementsprechend verwurzelt und hat gleichzeitig lange mit der TM-Gemeinschaft gearbeitet – darum bewegt er sich selbstverständlich zwischen beiden Welten.
Im Film steht er für Bodenständigkeit und gleichzeitig für Offenheit
Ja, er urteilt nicht, er erzählt. Als stiller Beobachter wird er zum Bindeglied zwischen Dorf und Yogis und macht spürbar, wie diese Zeit im Alltag wirklich gelebt wurde.(Folgesatz)
Wie haben die Yogis eigentlich das Dorf in all den Jahren verändert?
Ihre Anwesenheit wirkt bis heute nach. Für viele bleibt Seelisberg das «Dorf der fliegenden Yogis». Dieses Bild hat sich eingeprägt. Auch im Dorf selbst wird diese Epoche unterschiedlich erinnert – als spannende Öffnung oder als fremde, irritierende Zeit.
Die TM-Bewegung hatte ihre grosse Zeit in Seelisberg vor allem in den 1970er- und 1980er-Jahren, bevor sich der Schwerpunkt Anfang der 1990er-Jahre nach Vlodrop in den Niederlanden verlagerte. Die Yogis haben ihr Jugendstilhotel {genaue Angaben) verkauft, ein Investor wird es sanieren und mit Ferienwohnungen erweitern.
Genau. Als ich hörte, dass sich in Seelisberg Veränderungen in den Besitzverhältnissen der Hotels und in der Nutzung der Orte abzeichnen, war mir klar: Jetzt ist der richtige Moment. Solange es noch Zeitzeug:innen gibt und Erinnerungen lebendig sind, will ich die Geschichte von Maharishi Mahesh Yogi und seinen Gefolgsleuten festhalten – aus persönlichem Interesse, aber auch aus Verantwortung für die regionale Geschichte.
Der eingangs erwähnte Spott und die Häme der Urner Bevölkerung basierten primär auf den grossen Versprechen der Yogis – fliegen können, Weltfrieden herbeimeditieren. Das wirkte damals wie heute nicht nur unfreiwillig komisch, sondern auch reichlich naiv, wie die aktuelle geopolitische Situation auf tragische Weise zeigt. Trotzdem: Vielleicht war unser Urteil nicht ganz fair. Wie hat sich dein Blick auf die Yogis durch deine Filmarbeit verändert?
Nach der Filmarbeit sehe ich TM nicht einfach als gescheitertes Projekt. Die Meditation selbst funktioniert für viele Menschen tatsächlich: Sie finden darüber Ruhe, Struktur und einen Zugang zu sich selbst. Das darf man nicht kleinreden. Problematisch wird es dort, wo aus einer persönlichen Praxis ein System mit grossen Versprechen, starken Autoritäten und fast messianischen Erwartungen wird.
Ein Widerspruch?
Ja genau, das ist der Kern der Sache: eine einfache Technik, die im Kleinen wirken kann – und ein Überbau, der im Grossen zu viel versprochen hat. Die Häme von damals zielte weniger auf die Menschen als auf diese überhöhten Ideen. Und genau dort, bei den grossen Visionen von Weltfrieden und Erleuchtung auf Knopfdruck, hat die Bewegung ihre Glaubwürdigkeit am stärksten verloren. Ihre Faszination ist aber ungebrochen.
Felice, ich danke dir für dieses Gespräch.

Friedensglocke im Eingangsbereich Hotel Sonnenberg, Seelisberg | © Reto Indergand