Dass À BOUT DE SOUFFLE von Jean-Luc Godard am 13. März in restaurierter Fassung wieder in unsere Kinos kommt, war für uns der Auslöser, einen anderen Film wieder zu schauen – EMPORTE-MOI von Léa Pool aus dem Jahr 1999, der aktuell kostenlos auf Play Suisse gestreamt werden kann. Der Film gilt als einer der wichtigsten Coming-of-Age-Filme seiner Generation und erzählt mit grosser Zartheit von Selbstfindung, Begehren und der rettenden Kraft des Kinos.
EMPORTE-MOI
Léa Pool wurde 1950 in Genf geboren. Sie wuchs in der Schweiz auf und zog später nach Kanada, wo sie an der Concordia University in Montréal Film studierte. Seit Anfang der 1980er-Jahre arbeitet sie als Regisseurin, Drehbuchautorin und Produzentin. Ihr Werk bewegt sich zwischen der Schweiz und Kanada, besonders Québec. Zu ihren wichtigsten Filmen zählen LA FEMME DE L’HÔTEL (1984), der in Cannes gezeigt wurde, ANNE TRISTER (1986), EMPORTE-MOI (1999), LOST AND DELIRIOUS (2001), der Dokumentarfilm PINK RIBBONS, INC. (2011), LA PASSION D’AUGUSTINE (2015) und LE CŒUR DE MADAME SABALI (2017). Ihr jüngster Spielfilm trägt den Titel ON SERA HEUREUX (We’ll Find Happiness). Das Drehbuch stammt von Michel Marc Bouchard. Der Film behandelt Themen wie Migration, Identität und familiäre Bindungen.

Für uns (wieder) gesehen hat den Film arttv Chefredaktor Felix Schenker
Kino im Kino im Kino
À BOUT DE SOUFFLE löst bei mir – genau wie EMPORTE-MOI – sofort Bilder aus: frühes Kino, Aufbruch, Freiheit. Bilder von Menschen, die sich nicht anpassen, sondern suchen. Und ganz automatisch taucht auch die 13-jährige Hanna auf, die Protagonistin aus Léa Pools Film. Also habe ich mir EMPORTE-MOI noch einmal angeschaut – nicht aus Nostalgie, sondern aus Neugier. Und gemerkt: Dieser Film ist nicht gealtert. Er ist gewachsen.
Hanna, das Mädchen aus einem jüdisch-polnischen Migrantenmilieu im Montréal der frühen 1960er-Jahre, lebt in einer Welt aus Enge, Schweigen und Überforderung. Der Vater ist innerlich abwesend, die Mutter erschöpft, das Zuhause kein Ort der Sicherheit. Was Hanna trägt, ist das Kino. Es ist ihr geheimer Raum, ihr Denkraum, ihr Flucht- und zugleich ihr Lernort. Beim Wiedersehen wurde mir klar, wie entscheidend ist, was Hanna im Film im Kino sieht. Sie schaut VIVRE SA VIE von Jean-Luc Godard mit Anna Karina als Nana – diese Frau, die sucht, liebt, scheitert und trotzdem ihren eigenen Weg geht. Es gibt diese berühmte Szene: Nana sitzt im Kino und weint. Hanna sitzt im Kino und schaut Nana beim Weinen zu. Kino im Kino. Für mich ist das einer der stärksten Momente des Films: Bilder werden weitergegeben wie ein inneres Feuer. Hanna lernt dort nicht Handlung – sie lernt Möglichkeit.
Erste Liebe, erste Freiheit
Das Kino wird für Hanna keine Flucht aus der Realität, sondern eine Schule: eine Schule des Begehrens, des Zweifelns, des Andersseins. Neben den Filmen ist es auch die erste Liebe, die ihr zeigt, dass ihr Inneres einen Platz haben darf. Diese Liebesgeschichte ist nicht laut, nicht provokativ, sondern zart, tastend, verletzlich – genau so, wie erste Gefühle eben sind. Ich finde: Durch die zeitliche Distanz hat EMPORTE-MOI an Intensität gewonnen. Was man als leisen Jugendfilm benennen kann, erscheint mir heute als visionäre Geschichte über innere Freiheit. Hanna kämpft nicht laut. Sie schaut, fühlt, denkt – und sucht in Bildern nach sich selbst. Heute berührt mich das stärker als damals, vielleicht weil ich weiss, wie lang und mühsam dieser Weg für viele ist. EMPORTE-MOI gewann 1999 an der Berlinale den Preis der Ökumenischen Jury, im selben Jahr am Internationalen Filmfestival Toronto den Preis für den besten kanadischen Film, 2000 den Schweizer Filmpreis als bester Spielfilm, Regie führte LÉA POOL. Das sind Fakten. Aber wichtiger ist, was bleibt: dieses Gefühl, dass Bilder helfen können, sich selbst zu verstehen – nicht spektakulär, sondern leise, hartnäckig, nachhaltig.

Kino als Ort der Selbstermächtigung
Ich habe EMPORTE-MOI nicht wieder angeschaut, um zu prüfen, ob er «noch funktioniert». Ich habe ihn gesehen, um zu spüren, ob er mir heute noch etwas sagt. Und er sagt mir viel. Vielleicht sogar mehr als früher. Er sagt: Freiheit beginnt innen. Er sagt: Bilder können retten. Er sagt: Man darf anders sein, anders lieben, anders träumen. Dass jetzt À BOUT DE SOUFFLE zurückkommt, macht mir klar, wie sehr mich insbesondere das europäische Kino geprägt hat. Godard, Pool, Ozon aber auch die Schweizerin Stina Werenfels – sie glauben alle daran, dass Kino ein Ort der Selbstermächtigung sein kann. EMPORTE-MOI steht für mich genau in dieser Linie: Kino als Ort, an dem man sich selbst begegnet – manchmal zum ersten Mal. So, wie ich mich selbst in EMPORTE-MOI damals erkannte, gab es andere Werke, die für mein Leben prägend waren: vom DER TOD IN VENEDIG (1971) mit seiner stillen, schmerzhaften Sehnsucht , über EIN BESONDERER TAG (1977), dieser zarten Begegnung zweier Ausgegrenzter im faschistischen Alltag , weiter zu QUERELLE (1982), wo Begehren zur eigenen Sprache wird , zu MAURICE (1987), der grossen romantischen Hoffnung gegen jede Zeit, zu MY OWN PRIVATE IDAHO (1991), mit seiner verlorenen Zärtlichkeit und seiner offenen Wunde, zu BROKEBACK MOUNTAIN (2005), dieser stillen Tragödie zweier Männer, die ihre Liebe nicht leben dürfen – und in jüngerer Zeit ganz besonders zu CALL ME BY YOUR NAME (2017), diesem leuchtenden Sommerfilm über erste Liebe und das, was bleibt, wenn sie vorbei ist.
Filme wie diese haben mir gezeigt, dass das, was ich fühlte, einen Platz in der Welt hat. Nicht immer leicht, nicht immer glücklich – aber stark genug, um selbstbewusst seinen Weg zu gehen.