Dass À BOUT DE SOUFFLE von Jean-Luc Godard am 13. März in restaurierter Fassung wieder in unsere Kinos kommt, war für uns der Auslöser, einen anderen Film nochmals zu schauen – EMPORTE-MOI von Léa Pool aus dem Jahr 1999, der aktuell kostenlos auf Play Suisse gestreamt werden kann. Der Film gilt als einer der wichtigsten Coming-of-Age-Filme seiner Generation und erzählt mit grosser Zartheit von Selbstfindung, Begehren und der rettenden Kraft des Kinos.
EMPORTE-MOI – Coming-of-Age-Drama über Identität, Verlangen und Selbstfindung in den 1960ern
EMPORTE-MOI | SYNOPSIS
Montréal, Anfang der sechziger Jahre: Aus den Ferien bei den Grosseltern kehrt die 13-jährige Hanna nach Hause zurück und muss sich mit ihrem Erwachsenwerden und mit ihrer Familie auseinandersetzen: Ihr heimatloser jüdischer Vater versucht sich erfolglos als Schriftsteller durchzuschlagen; die fragile Mutter ist ständig überarbeitet. Unterstützung findet Hanna bei ihrem Bruder sowie bei ihrer Lehrerin, die Hannas Idol Anna Karina in Jean-Luc Godards Vivre sa vie ähnelt.
Zwischen Genf und Québec – Léa Pool und ihr Kino der Identität und inneren Freiheit
Léa Pool wurde 1950 in Genf geboren. Sie wuchs in der Schweiz auf, bevor sie nach Kanada übersiedelte, wo sie an der Concordia University in Montréal Film studierte. Seit Beginn der 1980er-Jahre arbeitet sie als Regisseurin, Drehbuchautorin und Produzentin. Ihr Werk bewegt sich zwischen der Schweiz und Kanada, insbesondere Québec. Zu ihren wichtigsten Filmen zählen LA FEMME DE L’HÔTEL (1984), der in Cannes gezeigt wurde, ANNE TRISTER (1986), EMPORTE-MOI (1999), LOST AND DELIRIOUS (2001), der Dokumentarfilm PINK RIBBONS, INC. (2011), LA PASSION D’AUGUSTINE (2015) sowie LE CŒUR DE MADAME SABALI (2017). Ihr jüngster Langspielfilm trägt den Titel ON SERA HEUREUX (We’ll Find Happiness). Das Drehbuch stammt von Michel Marc Bouchard. Der Film behandelt Themen wie Migration, Identität und familiäre Bindungen.

Für uns (wieder)gesehen hat den Film Felix Schenker
Kino im Kino im Kino
À BOUT DE SOUFFLE löst in mir — ebenso wie EMPORTE-MOI — sofort Bilder aus: das Kino der Anfänge, Aufbruch, Freiheit. Bilder von Menschen, die sich nicht anpassen, sondern suchen. Und fast automatisch erscheint in diesem Kontext auch Hanna, die junge Protagonistin aus dem Film von Léa Pool. Darum habe ich mir EMPORTE-MOI noch einmal angesehen — nicht aus Nostalgie, sondern aus Neugier. Und ich stellte fest: Dieser Film ist nicht gealtert. Er ist gewachsen. Hanna, ein junges Mädchen aus einem jüdisch-polnischen Migrantenmilieu im Montréal der frühen 1960er-Jahre, lebt in einer Welt der Enge, des Schweigens und der Überforderung. Der Vater ist innerlich abwesend, die Mutter erschöpft, das Zuhause kein Ort der Geborgenheit. Was Hanna trägt, ist das Kino. Es ist ihr geheimer Raum, ihr Denkraum, ihr Ort der Flucht — und zugleich des Lernens. Beim Wiedersehen wurde mir bewusst, wie entscheidend das ist, was Hanna im Film im Kino sieht. Sie schaut VIVRE SA VIE von Jean-Luc Godard mit Anna Karina in der Rolle der Nana — jener Frau, die sucht, liebt, scheitert und dennoch ihren eigenen Weg geht. Da ist diese berühmte Szene: Nana sitzt im Kino und weint. Hanna sitzt im Kino und sieht Nana weinen. Kino im Kino. Für mich ist das einer der stärksten Momente des Films: Bilder geben sich weiter wie ein inneres Feuer. Hanna lernt dort kein Verhalten — sie lernt eine Möglichkeit.
Erste Liebe, erste Freiheit
Das Kino wird für Hanna nicht zur Flucht aus der Realität, sondern zur Schule: eine Schule des Begehrens, des Zweifelns, des Andersseins. Neben den Filmen steht auch die erste Liebe, die ihr zeigt, dass ihre innere Welt einen Platz haben darf. Diese Liebesgeschichte ist nicht laut oder provokativ, sondern zart, tastend, verletzlich — genauso wie erste Gefühle sind. Mit zeitlichem Abstand hat EMPORTE-MOI für mich an Intensität gewonnen. Was man einst vielleicht als stillen Jugendfilm bezeichnete, erscheint mir heute als visionäre Geschichte innerer Freiheit. Hanna kämpft nicht laut. Sie schaut, fühlt, denkt — und sucht sich in den Bildern. Heute berührt mich das mehr als früher, vielleicht weil ich weiss, wie lang und schwierig dieser Weg für viele ist. EMPORTE-MOI erhielt 1999 an der Berlinale den Preis der Ökumenischen Jury, im selben Jahr am Toronto International Film Festival den Preis für den besten kanadischen Film und 2000 den Schweizer Filmpreis als bester Spielfilm. Regie führte Léa Pool. Das sind Fakten. Wichtiger aber ist, was bleibt: dieses Gefühl, dass Bilder helfen können, sich selbst zu verstehen — nicht spektakulär, sondern leise, beharrlich, nachhaltig.
Kino als Ort der Emanzipation
Ich habe EMPORTE-MOI nicht noch einmal gesehen, um zu prüfen, ob er «noch funktioniert». Ich habe ihn gesehen, um zu spüren, ob er heute noch zu mir spricht. Und er spricht sehr stark zu mir. Vielleicht sogar stärker als früher. Er sagt mir: Freiheit beginnt im Inneren. Er sagt mir: Bilder können retten. Er sagt mir: Man darf anders sein, anders lieben, anders träumen. Dass À BOUT DE SOUFFLE jetzt wiederkehrt, macht mir bewusst, wie sehr mich gerade das europäische Kino geprägt hat. Godard, Pool, Ozon, aber auch die Schweizerin Stina Werenfels — sie alle glauben daran, dass Kino ein Ort der Emanzipation sein kann. EMPORTE-MOI steht für mich genau in dieser Tradition: Kino als Raum, in dem man sich selbst begegnet — manchmal zum ersten Mal. So wie ich mich damals in EMPORTE-MOI wiedergefunden habe, gab es andere Werke, die mein Leben geprägt haben: von MORT À VENISE (1971) mit seiner stillen, schmerzhaften Nostalgie über UNE JOURNÉE PARTICULIÈRE(1977), diese zarte Begegnung zweier Ausgestossener im faschistischen Alltag, weiter zu QUERELLE (1982), wo das Begehren seine eigene Sprache findet, zu MAURICE (1987), dieser grosse romantische Hoffnungsschimmer gegen alle Zeiten, zu MY OWN PRIVATE IDAHO (1991) mit seiner verlorenen Zärtlichkeit und offenen Wunde, zu BROKEBACK MOUNTAIN (2005), jener stillen Tragödie zweier Männer, die ihre Liebe nicht leben können — und zuletzt ganz besonders CALL ME BY YOUR NAME (2017), dieser leuchtende Sommerfilm über die erste Liebe und das, was bleibt, wenn sie vergangen ist.
Solche Filme haben mir gezeigt, dass das, was ich fühlte, einen Platz in der Welt hat. Nicht immer einfach, nicht immer glücklich — aber stark genug, um selbstbewusst den eigenen Weg weiterzugehen.
