Wenn sich Solothurn Ende Januar erneut in den wichtigsten Treffpunkt des Schweizer Films verwandelt, geht es um weit mehr als Premieren und Preise. Die 61. Solothurner Filmtage präsentieren 164 Spiel- und Dokumentarfilme, die sich mehrheitlich bewusst von einfachen Antworten verabschieden. Statt moralischer Gewissheiten rücken Empathie, Perspektivenvielfalt und Zwischentöne ins Zentrum – ein Kino, das zuhört, beobachtet und einordnet.
Empathie statt Belehrung: Die 61. Solothurner Filmtage
- Publiziert am 15. Dezember 2025
Vom 21. bis 28. Januar 2026 zeigt Solothurn ein Schweizer Kino, das lieber versteht als urteilt.
DAS HERZ DER SCHWEIZER FILMKULTUR
Die Solothurner Filmtage entstehen 1966 in einer Zeit, in der der Schweizer Film um Sichtbarkeit, Selbstbewusstsein und politische Relevanz ringt. Filmschaffende, Kritiker:innen und Kulturvermittler:innen kreieren bewusst eine Plattform für ein nationales Kino, das sich einmischen will. Von Anfang an geht es hier nicht um Glamour oder Markt, sondern um Haltung, Verantwortung und gesellschaftliche Fragen. Solothurn wird als Ort gewählt, fernab internationaler Verwertungslogiken und roter Teppiche.
Das Festival entwickelt sich zum zentralen Resonanzraum der Schweizer Filmkultur. Für mich als Soziologe ist es deshalb ein besonderes Erlebnis, weil Film hier nicht nur gezeigt, sondern verhandelt, kritisiert und in einen gesellschaftlichen Zusammenhang gestellt wird. Debatten über Förderpolitik, Repräsentation, Machtverhältnisse und die Rolle der Bilder in der Demokratie gehören ebenso dazu wie ästhetische Fragen. Dokumentar- und Spielfilm begegnen sich auf Augenhöhe, als gleichwertige Formen politischer und künstlerischer Auseinandersetzung.
An keinem anderen Schweizer Festival wird meines Erachtens so intensiv über Film, Bilder und ihre Wirkung auf unsere Gesellschaft diskutiert wie in Solothurn. Und keinem anderen Festival unseres Landes gelingt eine derart dichte Atmosphäre von Filmkultur, Kreativität und politischer Relevanz. Gerade deshalb sind die Solothurner Filmtage mehr als ein Festival: Sie sind ein Seismograf für den Zustand des Schweizer Films – und für unsere Gesellschaft.
An den Solothurner Filmtagen wurde übrigens auch der erste arttv-Videobeitrag vor über 21 Jahren realisiert. Wohl auch ein Grund, warum ich dieses Festival so gerne mag.
Felix Schenker, Chefredaktor arttv.ch
EIN FESTIVAL IM ZEICHEN DER VIELSTIMMIGKEIT
Aus insgesamt 478 eingereichten Filmen wurden für die 61. Ausgabe 164 Werke ausgewählt. Im PANORAMA, dem Herzstück der Solothurner Filmtage, sind 93 Lang- und 71 Kurzfilme zu sehen. 22 Filme konkurrieren in den drei Wettbewerben PRIX DE SOLEURE, PRIX DU PUBLIC und VISIONI. Das Publikum darf sich auf 21 Weltpremieren und 18 Schweizer Premieren freuen. Mit einem Anteil von 68 Prozent Dokumentarfilmen und 32 Prozent Spielfilmen spiegelt das Programm die Vielfalt und Aktualität des Schweizer Filmschaffens – geografisch ausgewogen zwischen Romandie, Deutschschweiz und italienischer Schweiz. Inhaltlich fällt auf, dass sich viele Filme neuen Themenfeldern wie Wissenschaft, Erinnerung und gesellschaftlicher Verantwortung öffnen. Der künstlerische Leiter Niccolò Castelli beschreibt diese Entwicklung treffend: Der empathische Zugang zu den Protagonist:innen sei wichtiger geworden als die Belehrung des Publikums. Erzählt werden vielschichtige Geschichten, weniger moralistisch, oft auch weniger westlich geprägt – im Dokumentarfilm wie im Spielfilm. Der Eröffnungsfilm THE NARRATIVE von Bernard Weber und Martin Schilt steht exemplarisch für eine Haltung, die fragt und nicht verurteilt. Der Film begleitet Kweku Adoboli, der 2011 für einen Milliardenverlust bei der UBS verantwortlich gemacht wurde, und ermöglicht durch langjährige Beobachtung eine neue Perspektive auf einen medial stark vereinfachten Fall. Der Film verzichtet auf Schwarz-Weiss-Zeichnungen und lässt Ambivalenzen zu – und ist zugleich für den PRIX DE SOLEURE nominiert.

Eröffnet die Filmtage: THE NARRATIVE von Bernard Weber und Martin Schilt
PREISE UND KATEGORIEN
PRIX DE SOLEURE: KOMPLEXE WELTEN, OFFENE FRAGEN
Acht Filme sind für den mit 60’000 Franken dotierten PRIX DE SOLEURE nominiert, sieben davon als Premieren. Sie beschäftigen sich mit digitalen Räumen, Solidarität, Frauenemanzipation und der Aufarbeitung kolonialer Geschichte. SOCIAL LANDSCAPES montiert ausschliesslich Online-Kommentare und Reviews und hinterfragt, wie sehr Bildschirme unsere Wahrnehmung von Realität prägen. DON’T LET THE SUN thematisiert Vereinsamung in einer überhitzten, technisierten Welt, À BRAS-LE-CORPS erzählt von weiblicher Selbstermächtigung im Zweiten Weltkrieg. Filme wie ELEPHANTS & SQUIRRELS, QUI VIT ENCORE oder SOLIDARITY öffnen zudem neue Perspektiven auf globale Verflechtungen und die Ambivalenzen solidarischen Handelns.

À BRAS-LE-CORPS von von Marie-Elsa Sgualdo
PRIX DU PUBLIC: GESCHICHTEN, DIE NAH GEHEN
Acht Filme konkurrieren um den Publikumspreis PRIX DU PUBLIC, darunter zwei Spielfilme und sechs Dokumentarfilme, sieben davon als Premieren. Coming-of-Age-Erzählungen treffen auf eindrückliche Porträts. BECAÀRIA schildert den prägenden Sommer eines 16-Jährigen in den 1970er-Jahren, CAMP D’ÉTÉ begleitet Jugendliche im grössten Pfadilager der Schweiz. Bewegend sind auch FREEDOM – LE DESTIN DE SHEWIT über eine Flucht aus Eritrea oder HIRSCHFELD – UNBEKANNTER BEKANNTER über den Dramaturgen Kurt Hirschfeld und das Schauspielhaus Zürich als Ort des Widerstands. Der Preis ist mit 20’000 Franken dotiert und wird gemeinsam mit Swiss Life vergeben.

BECAÀRIA von Erik Bernasconi
VISIONI: NEUE STIMMEN, KLARE HALTUNG
Mit VISIONI zeichnen die Solothurner Filmtage formal oder thematisch bewegende erste oder zweite Werke aus. Nominiert sind sechs Dokumentarfilme, darunter A FREE DAUGHTER OF FREE KYRGYZSTAN über die Aktivistin und Popmusikerin Zere Asylbek, LES CHASSERESSES über junge Jägerinnen im Wallis oder NESSUNO VI FARÀ DEL MALE, das dreissig Jahre nach Srebrenica persönliche Erinnerung mit historischer Verantwortung verbindet. Der Preis ist mit 20’000 Franken dotiert und wird von den Kulturfonds von Suissimage und SSA getragen.
RETROSPEKTIVE, NEW YORK, KITSCH UND SO PRO
Die diesjährige Retrospektive ist der Genfer Filmemacherin Edna Politi gewidmet, deren Werk von arabischen, jüdischen und europäischen Einflüssen geprägt ist und als Stimme des interkulturellen Dialogs gilt. Ihre Filme, darunter die NAHOST-TRILOGIE, bietet differenzierte Einblicke in die komplexe Realität des östlichen Mittelmeers. Das Spezialprogramm HISTOIRES: DOWNTOWN NEW YORK blickt auf Schweizer Filmschaffende im New York der 1980er-Jahre, mit Filmen wie JOHNNY SUEDE oder DOWNTOWN 81. Die Sektion FOKUS widmet sich dem Kitsch im Kino und fragt nach der sozialen und politischen Funktion bewusst sentimentaler Bilder. Auch das Branchenprogramm SO PRO setzt Akzente. Vom 22. bis 24. Januar 2026 wird das Stadttheater Solothurn zum Treffpunkt für Fachpersonen der Filmindustrie. Im Zentrum stehen Diversität, neue Familienmodelle, Inklusion sowie der Austausch zwischen Sprachregionen und Generationen. Erstmals wird mit SCREEN TO SOUND ein Projekt lanciert, das Werke mit starker visueller oder filmischer Dimension im musikalischen Bereich fördert – ergänzt durch Live-Musikmomente, die das Kinoerlebnis erweitern.

Retrospektive Edna Politi