«Es ist weniger ein Schritt nach vorn als vielmehr einer zur Seite. Eine Betrachtung. Ein Blick darauf, wie äussere Bedingungen unsere innere Welt beeinflussen und formen können.» - Jacqueline Zünd. Mit DON'T LET THE SUN präsentiert die Schweizer Regisseurin ihre erste Spielfilm-Arbeit nach einer Reihe markanter dokumentarischer Werke. Wie bei Zünd üblich, in eindrücklichen Bildern, die man sich am liebsten als Fotos an die Wand hängen würde.
DON'T LET THE SUN
Ein unerträglich heisser Ort. Menschliche Nähe ist rar geworden, und die Einsamkeit treibt seltsame Blüten.
DON’T LET THE SUN | SYNOPSIS
Die unerträgliche Hitze zwingt die Menschen dazu, ihr Leben nachts zu leben. Sie entfernen sich voneinander und leben in einer seltsamen Art von Einsamkeit. Hier bietet Jonah Fremden Trost. Weil menschliche Nähe rar geworden ist, füllt sein Engagement eine Lücke. Jonah fällt es nicht schwer, jemand anderes zu sein und das Leben anderer nachzuspielen – bis die Rolle als Vater für die 9-jährige Nika sein eigenes Leben komplett in Frage stellt. Als sie sich Jonah langsam öffnet, weckt sie etwas in ihm, das er schon lange verloren geglaubt hatte.
DON’T LET THE SUN | REZENSION
Für uns gesehen hat den Film Madeleine Hirsiger
Eine Welt im Fieberzustand
Es ist heiss, unvorstellbar heiss. Die Welt ist in fiebrigem Zustand. Gleissende Hitze liegt über der Stadt, die Strassen sind leer, keine Menschenseele ist zu sehen. Wir tauchen ein in eine Blase apokalyptischen Ausmasses, es gibt keinen Ausgang, die unerträglichen Temperaturen beherrschen Tag und Nacht. Am Morgen schärft eine Stimme, wie aus dem All kommend, den Bewohnenden der Stadt ein: «Die Sonne geht bald auf, Kinder und ältere Menschen – bleibt zu Hause.»
Figuren in einer überhitzten Realität
Drei Hauptfiguren führen uns durch diesen Albtraum: Claire, eine junge Mutter mit ihrer kleinen Tochter Nika, und der junge Jonah, der sich in den Dienst anderer Menschen stellt. Zum Beispiel bei einem älteren Ehepaar, das offensichtlich seinen Sohn verloren hat und Jonah vor ihren Augen einen Fisch genauso essen lässt, wie es ihr Kind getan hat: zuerst die Bäckchen, dann den Rest. Sie schauen ihm zu, still, leer. Dafür wird er bezahlt. Solche Dienstleistungen gehören zu seinem Einkommen.
Leben am Rand der Klimakatastrophe
Man ist in diesem Zustand gefangen, hoffnungslos, man denkt an die Endzeit der Klimakrise. Ein normales Leben ist nicht mehr möglich. Die Kinder spielen in der Nacht, der Strand ist beim Mondschein bevölkert, das Thermometer zeigt um 18.55 Uhr noch 49 Grad an. Der Kopf wird ins kalte Wasser eingetaucht, die Tücher kommen aus dem Tiefkühlfach, Nika setzt sich stundenlang vor den Ventilator.
Nähe unter extremen Bedingungen
Unter solchen Bedingungen miteinander klarzukommen – das ist die eigentliche Geschichte. Denn Jonah, der Einzelgänger, trifft auf Claire und Nika. Er wurde von einer Agentur bestimmt, auf die kleine Nika zu achten, als Vaterersatz. Ihr Verhältnis ist zunächst sehr distanziert, Nika akzeptiert Jonah nicht. Allmählich kommen sie sich jedoch näher, streifen nachts gemeinsam durch die Gegend, besuchen einen Mann, der lebende Uhus ausstellt, die man streicheln kann. «Eulen sind das Symbol des Glücks», sagt er. Doch es ist seine eigene Geschichte, die Jonah aus dem Tritt bringt und ihn zurück in die Einsamkeit fallen lässt.
Eine konsequente Endzeitvision
Es ist auffällig, dass im Titel DON’T LET THE SUN das Verb fehlt. Was könnte es sein: «shine», «out», «rise», «cry»? Eine unwiderrufliche Gefahr ist eingetreten. Der Schweizer Regisseurin Jacqueline Zünd gelingt es mit ihrem ersten Spielfilm, konsequent in dieser Endzeitstimmung zu bleiben. Jedes Bild reflektiert die Unerträglichkeit der Hitze, die Sonne ist weiss, es gibt keine Verschnaufpausen, kein Entkommen. Die Dialoge haben auf wenigen Seiten Platz, die Mimik, die Blicke, die leeren Augen, der Schweiss auf der Haut sprechen Bände. Die Inszenierung ist schlicht, formal setzt sie auf eine stille, fast unbewegliche Kamera, nahe am Fotografischen. Es ist der georgische Tänzer und Schauspieler Levan Gelbakhiani, der den Film trägt und ihn zu dem macht, was er zeigen will: wie schwer es ist, eine Menschlichkeit aufrechtzuerhalten in höchst unmenschlichen Verhältnissen.
Fazit
Ein beklemmender, konsequent erzählter Endzeitfilm – und ein eindringlicher Denkzettel der Natur.


