Dominik Locher spricht im Interview über die Zusammenarbeit mit seiner philippinischen Co-Autorin, reale Ausbeutungsgeschichten als Ausgangspunkt seines Films, die Inspiration durch die Dardenne-Brüder – und darüber, warum ENJOY YOUR STAY bewusst eine Schweiz zeigt, die man kaum zu sehen bekommt.
Dominik Locher | ENJOY YOUR STAY
- Publiziert am 20. Februar 2026
Mit Dominik Locher sprach an der Berlinale für arttv.ch Geri Krebs
Wie kam es bei ENJOY YOUR STAY zur Zusammenarbeit mit der philippinischen Co-Autorin Honeylyn Joy Alipia?
Das ergab sich tatsächlich über GOLIATH. Der Film lief 2017 im Wettbewerb von Locarno, danach wurden wir ans Internationale Filmfestival von Busan in Südkorea eingeladen. Für mich war damals klar, dass das Thema Vaterschaft, das stark mit meinem eigenen Leben verbunden war, filmisch abgeschlossen ist. Ich wollte mich neuen Realitäten zuwenden.
Das heisst, du hattest bereits eine neue filmische Richtung im Kopf?
Ja. In Busan traf ich bei einem Workshop mit dem Titel «Global Authorship» Honeylyn Joy Alipia. Sie ist eine erfahrene Drehbuchautorin auf den Philippinen und arbeitet unter anderem mit dem Regisseur Brillante Mendoza zusammen. Ich erzählte ihr von meiner Idee, einen Film über Menschen zu machen, die in der Schweiz weitgehend unsichtbar bleiben.
Woher kam diese Idee konkret?
Ausgangspunkt war ein Zeitungsbericht über Reinigungskräfte, die in der Schweiz unter sklavenähnlichen Bedingungen arbeiteten. Honeylyn war sofort interessiert, und wir beschlossen, entsprechende reale Geschichten zu sammeln und daraus gemeinsam ein Drehbuch zu entwickeln.
Konntet ihr danach gemeinsam in der Schweiz weiterarbeiten?
Ja, ich lud Honeylyn bald ein, und wir entwickelten erste Fassungen zusammen. Ihr Visum war jedoch zu kurz, um die Arbeit hier abzuschliessen. Deshalb arbeiteten wir danach intensiv online weiter. Kurz darauf brach die Pandemie aus.
Trotzdem gelang es euch, das Projekt weiterzuentwickeln?
Ja. 2021 konnten wir unseren Drehbuchentwurf am Locarno Film Festival präsentieren. Dort waren auch Jean-Pierre und Luc Dardenne anwesend. Dass sie sich unseren Stoff anschauten und positiv reagierten, war für uns ein sehr besonderer Moment.
Die Dardenne-Brüder hast du auch an der Premiere erwähnt. In wie fern waren sie ein Vorbild?
Absolut. Filme wie ROSETTA waren eine wichtige Referenz. Uns interessierte ebenfalls die Geschichte einer Frau, die sich illegal in Europa aufhält und ausgebeutet wird. Gleichzeitig wollten wir formal einen eigenen Weg gehen und das Sozialdrama in einem schnellen Rhythmus erzählen, um auch ein jüngeres Publikum zu erreichen.
Der Film spielt grösstenteils in Innenräumen. Die Schweiz erscheint nur in kurzen Aussenbildern. War das eine bewusste Entscheidung?
Ja, wir wollten den Kontrast zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit verstärken. Die Aussenaufnahmen – etwa touristische Bilder oder die winterlichen Alpen – haben wir bewusst sehr hell gefilmt. Dem gegenüber stehen Figuren, die im Alltag im Verborgenen leben. Dieser Gegensatz war zentral für die Filmsprache.
Wurden alle Szenen in der Schweiz gedreht?
(lacht) Fast. Die Anfangsszene entstand in einem philippinischen Laden in Genf, einem wichtigen Treffpunkt der Community. In den Philippinen selbst drehten wir dagegen die Szenen einer Fernsehshow, in der das Publikum entscheidet, bei welchem Elternteil ein Kind leben soll, wenn ein Elternteil im Ausland arbeitet.
Diese Sendung existiert tatsächlich?
Ja, die mussten wir nicht erfinden.
Leben die Darstellerinnen in der Schweiz oder auf den Philippinen?
Die meisten leben auf den Philippinen, darunter auch die beiden Hauptdarstellerinnen. Honeylyn hat ein sehr aufwendiges Casting organisiert, weil uns Authentizität extrem wichtig war. Gleichzeitig spielen auch Philippininnen mit, die tatsächlich in der Schweiz leben – darunter auch eine Sans-Papiers-Frau aus Genf.
Was wünschst du dir, dass das Publikum nach dem Film mitnimmt?
Dass man vielleicht genauer hinschaut. Viele Menschen, die unseren Alltag ermöglichen, bleiben unsichtbar. Der Film versucht, diesen Perspektivwechsel erfahrbar zu machen.
Dominik Locher vielen Dank für dieses Gepräch