Eine beachtliche Anzahl von über 20 Filmen sind im Wettbewerb der diesjährigen Berlinale vertreten – viel zu viele, um jedem einzelnen gerecht zu werden. Statt Vollständigkeit setzen wir deshalb auf Fokussierung und richten den Blick auf sechs Beiträge, die uns im diesjährigen Wettbewerb am meisten interessieren. Nur schade: Kein rein schweizerischer Beitrag hat es in den Wettbewerb geschafft.
Der Berlinale-Wettbewerb 2026 auf einen Blick
- Publiziert am 1. Februar 2026
Wettbewerb 2026 – Übersicht
1. A NEW DAWN
Regie: Yoshitoshi Shinomiya
Animierter Film über einen Jungen, der in einer stillgelegten Feuerwerksfabrik einem rätselhaften Phänomen nachgeht.
2. AT THE SEA
Regie: Kornél Mundruczó
Mit: Amy Adams
Drama über eine Frau, die nach einem Entzug in ihr familiäres Umfeld zurückkehrt.
3. À VOIX BASSE (IN A WHISPER)
Regie: Leyla Bouzid
Mit: Hiam Abbass
Eine junge Frau kehrt zur Beerdigung eines Familienmitglieds nach Tunesien zurück und stösst auf verdrängte Erinnerungen.
4. DAO
Regie: Alain Gomis
Zwei Familienfeiern in unterschiedlichen Ländern bilden den Rahmen für eine Erzählung über Tradition, Herkunft und Zusammenhalt.
5. DUST
Regie: Anke Blondé
Drama über wirtschaftliche Verstrickungen und persönliche Verantwortung im Belgien der 1990er-Jahre.
6. ETWAS GANZ BESONDERES (HOME STORIES)
Regie: Eva Trobisch
Film über Identität, familiäre Beziehungen und Öffentlichkeit.
7. EVERYBODY DIGS BILL EVANS
Regie: Grant Gee
Mit: Bill Pullman
Musikalisch geprägtes Drama, das sich mit Verlust und Erinnerung auseinandersetzt.
8. GELBE BRIEFE (YELLOW LETTERS)
Regie: İlker Çatak
Beziehungsdrama über ein Künstlerpaar, das mit politischen und gesellschaftlichen Einschränkungen konfrontiert ist.
9. JOSEPHINE
Regie: Beth de Araújo
Mit: Channing Tatum, Gemma Chan
Ein familiärer Thriller, ausgelöst durch ein Verbrechen, dessen Zeugin ein Kind wird.
10. KURTULUŞ (SALVATION)
Regie: Emin Alper
Familiendrama in einem Dorf, geprägt von religiösen und gesellschaftlichen Spannungen.
11. MEINE FRAU WEINT
Regie: Angela Schanelec
Beobachtung einer Paarbeziehung, erzählt in reduzierter Form.
12. MOSCAS (FLIES)
Regie: Fernando Eimbcke
Das geordnete Leben einer Frau verändert sich durch neue Begegnungen.
13. NINA ROZA
Regie: Geneviève Dulude-De Celles
Ein Kurator kehrt in seine Heimat zurück, um der Geschichte eines Gemäldes nachzugehen.
14. QUEEN AT SEA
Regie: Lance Hammer
Mit: Juliette Binoche
Drama über familiäre Verantwortung und den Umgang mit Demenz.
15. ROSE
Regie: Markus Schleinzer
Mit: Sandra Hüller
Historischer Film über soziale Rollen und gesellschaftliche Ordnung.
16. ROSEBUSH PRUNING
Regie: Karim Aïnouz
Mit: Elle Fanning, Riley Keough, Pamela Anderson
Familiendrama mit internationalem Ensemble.
17. SOUMSOUM, LA NUIT DES ASTRES
Regie: Mahamat-Saleh Haroun
Coming-of-Age-Geschichte mit spirituellen Elementen.
18. THE LONELIEST MAN IN TOWN
Regie: Tizza Covi & Rainer Frimmel
Porträt eines Musikers zwischen Vergangenheit und Gegenwart.
19. WOLFRAM
Regie: Warwick Thornton
Mit: Deborah Mailman
Drama vor dem Hintergrund kolonialer Geschichte in Australien.
20. WO MEN BU SHI MO SHENG REN (WE ARE ALL STRANGERS)
Regie: Anthony Chen
Sozialdrama über Beziehungen und familiäre Bindungen in Singapur.
21. YO LOVE IS A REBELLIOUS BIRD
Regie: Anna Fitch & Banker White
Dokumentarisch geprägter Film über Freundschaft und Erinnerung.
22. YÖN LAPSI (NIGHTBORN)
Regie: Hanna Bergholm
Mit: Seidi Haarla
Familiendrama über ein Paar, dessen Lebensentwurf ins Wanken gerät.

Sechs Filme im Fokus
YELLOW LETTERS (GELBE BRIEFE) – Regie: İlker Çatak
Mit GELBE BRIEFE ist İlker Çatak erstmals im Berlinale-Wettbewerb vertreten. Der Film ist als Beziehungs- und Sozialdrama angelegt und spielt im Umfeld eines Künstler:innenpaars, das zunehmend mit staatlicher Kontrolle und gesellschaftlichem Druck konfrontiert wird. Der Titel verweist auf offizielle Schreiben und bürokratische Eingriffe, die tief in den privaten Raum hineinwirken und bestehende Beziehungen unter Spannung setzen. Çatak interessiert sich weniger für das politische System an sich als für dessen Auswirkungen auf Intimität, Vertrauen und persönliche Handlungsspielräume. Gerade diese Verbindung von gesellschaftlichem Zugriff und privater Dynamik macht den Film für uns interessant – auch, weil Fragen von Selbstbestimmung, Anpassung und innerem Widerstand verhandelt werden, ohne plakativ ausgestellt zu werden. In einem Wettbewerb, der immer wieder sensibel auf politisch grundierte Stoffe reagiert, bringt GELBE BRIEFE zudem gute Voraussetzungen mit, um über den reinen Diskurs hinaus wahrgenommen zu werden.
ROSE – Regie: Markus Schleinzer | Mit: Sandra Hüller
Markus Schleinzer setzt sich erneut mit gesellschaftlichen Normen und ihren oft unsichtbaren Gewaltmechanismen auseinander. ROSE ist historisch verortet, interessiert sich jedoch weniger für Epoche als für Strukturen: Rollenbilder, Machtverhältnisse und das, was als Abweichung markiert wird. Die Besetzung mit Sandra Hüller verleiht dem Film zusätzliche Aufmerksamkeit – nicht nur wegen ihrer internationalen Präsenz, sondern auch wegen ihrer Fähigkeit, komplexe Figuren jenseits eindeutiger Zuschreibungen zu verkörpern. Inhaltlich wie personell bringt ROSE damit Voraussetzungen mit, die im Wettbewerb häufig eine Rolle spielen.
À VOIX BASSE (IN A WHISPER) – Regie: Leyla Bouzid
Leyla Bouzids Film bewegt sich auf leisere Weise durch den Wettbewerb. Im Zentrum stehen Rückkehr, familiäre Bindungen und das, was unausgesprochen bleibt. À VOIX BASSE interessiert sich für innere Prozesse, für weibliche Selbstbestimmung und emotionale Nähe, ohne diese Themen auszustellen oder zu dramatisieren. Gerade diese Zurückhaltung, verbunden mit einem präzisen Blick auf zwischenmenschliche Dynamiken, macht den Film für uns besonders spannend. Solche Arbeiten entfalten ihre Wirkung oft erst im Nachhall – und werden im Festivalzusammenhang nicht selten unterschätzt.
MEINE FRAU WEINT – Regie: Angela Schanelec
Angela Schanelec bleibt ihrer reduzierten, präzisen Form treu. MEINE FRAU WEINT konzentriert sich auf Beziehung, Nähe und Sprachlosigkeit und beobachtet emotionale Verschiebungen ohne psychologische Erklärungsmuster. Schanelecs Filme fordern Aufmerksamkeit und Geduld – Qualitäten, die auf der Berlinale traditionell ihren Platz haben. Ihre Arbeiten wurden in der Vergangenheit von Jurys immer wieder ernst genommen, was auch diesen Beitrag im Hinblick auf eine mögliche Auszeichnung relevant macht, unabhängig von seiner Zugänglichkeit.
ROSEBUSH PRUNING – Regie: Karim Aïnouz | Mit: Elle Fanning, Riley Keough, Pamela Anderson
Familiendrama mit Fokus auf Begehren, Identität und fragile Beziehungsgeflechte. Internationale Koproduktion und bekannte Besetzung erhöhen die Sichtbarkeit im Wettbewerb. Allzu viel weiss man noch nicht, denn viele Details werden noch bewusstunter Verschluss gehalten.
QUEEN AT SEA – Regie: Lance Hammer | Mit: Juliette Binoche
Mit QUEEN AT SEA ist ein Film im Wettbewerb vertreten, der auf den ersten Blick klassischer wirkt als manche der anderen Beiträge. Aber das ist zuweilen ganz wohltuend. Lance Hammer erzählt von einer Frau, die sich mit dem fortschreitenden Verlust ihrer Mutter auseinandersetzen muss – ein Stoff, der Altern, Abhängigkeit und familiäre Verantwortung ins Zentrum rückt, ohne auf äussere Dramatik angewiesen zu sein. Die Besetzung mit Juliette Binoche verleiht dem Film zusätzliches Gewicht. Auch thematisch fügt sich der Film gut in einen Wettbewerb ein, der sich auffallend häufig mit Nähe, Fürsorge und dem Zerfall vertrauter Strukturen beschäftigt. Nicht zuletzt aufgrund der Kombination aus zugänglichem Stoff und prominenter Hauptdarstellerin sehen wir QUEEN AT SEA als Beitrag mit realistischen Chancen, von Jury und Publikum gleichermassen wahrgenommen zu werden.
Fazit: Sechs Filme, die im Fokus stehen: Allerdings ist es gut möglich, dass wir damit völlig falsch liegen und uns am Ende ganz andere Beiträge des Wettbewerbs stärker in Erinnerung bleiben werden. Bekanntlich sind es die Überraschungen, die ein Filmfestival zusätzlcih attraktiv machen,





