Christian Frei ist einer der international bekanntesten Schweizer Dokumentarfilmer. Er ist wie kaum ein anderer einheimischer Filmschaffender ein Kosmopolit, was die Wahl von Themen und Protagonisten seiner Kinofilme betrifft. Das gilt auch für seinen neuesten, siebten Film BLAME, der nach seiner Weltpremiere an den Visions du Réel nun am 12. Februar 2026 in die Schweizer Kinos kommt. Filmjournalist Geri Krebs hat den Regisseur für arttv.ch getroffen.
Christian Frei: «Wenn nichts mehr wahr ist, wird alles möglich»
- Publiziert am 22. Januar 2026
Kriegs- und Krisengebiete
Seit drei Jahrzehnten hat der 1959 im Kanton Solothurn geborene Regisseur und Produzent in weit entfernten Weltgegenden gedreht. Dabei ist er oftmals an Orte gereist, bei denen man sich als Zuschauer:in fragen musste, wie man da überhaupt hingelangen – und dort dann erst auch noch mit einem Filmteam tätig sein kann. War in seinem ersten langen Kinodokumentarfilm RICARDO, MIRIAM Y FIDEL aus dem Jahr 1996 der Schauplatz Kuba noch vergleichsweise leicht erreichbar, so reiste er für seinen nächsten Kinodokumentarfilm WAR PHOTOGRAPHER (2001) gemeinsam mit seinem Protagonisten, dem Fotografen James Nachtwey, in einige der damals brennendsten Kriegs- und Krisengebiete auf mehreren Kontinenten, wie etwa Westbank, Indonesien oder Kosovo.
Oscar-Nominierung und Geheimdienst
Der internationale Erfolg dieses Films, der Christian Frei als bisher einzigem Schweizer Dokumentarfilmer eine Oscar-Nominierung einbrachte, war wohl mit ein Grund dafür, dass er sich für seine nächsten beiden Kinofilme, THE GIANT BUDDHAS (2005) und SPACE TOURISTS (2009), mit Afghanistan und der Steppe Kasachstans in weitere unzugängliche Locations wagte. Was die Vorbereitungen zum Dreh von SPACE TOURISTS betrifft – der grösstenteils in der «closed area» im und um den sowjetischen Weltraumbahnhof Baikonur und in der Internationalen Raumstation ISS spielt – erzählt Christian Frei lachend: «Ich habe damals mit den russischen Geheimdienstleuten Kaffee getrunken und konnte sie dabei von meiner Harmlosigkeit überzeugen.»
Bei Christian Freis gewinnender Art, gepaart mit einem grossen Selbstbewusstsein und einer Neugier, dem Gegenüber stets offen und wertungsfrei zu begegnen, braucht man keinen Moment lang am Wahrheitsgehalt einer derartigen Begebenheit zu zweifeln. Zum Selbstbewusstsein des Regisseurs passt auch, dass er seit seinem «Kuba-Film» von 1996 alle seine Kinofilme erfolgreich selber produziert hat – mit seiner Christian Frei Filmproduktionen GmbH. «Ja, ich würde mir nicht gerne in meine Projekte reinreden lassen», gibt er unumwunden zu und meint dann: «Ausserdem würde ich wohl so manchen aussenstehenden Produzenten damit verrückt machen, dass ich oft jahrelang an einer Idee für einen neuen Film arbeite, mir immer sehr viel Zeit lasse, um ein gewähltes Thema zu vertiefen.» Er sei nicht einer, der irgendwelchen Themen und Trends hinterherjage, sagt er.
BLAME und die Spiele der Medien
Das gilt ganz besonders auch für seinen neuen Film BLAME, der den Untertitel trägt «Fledermäuse, Politik und ein aus dem Gleichgewicht geratener Planet». Natürlich ist der Untertitel ebenso englisch wie der Haupttitel. Christian Frei als kosmopolitisch tätiger Filmemacher betont im Gespräch – das in seinem Studio in einem Industriegebäude des Zürcher Quartiers Binz stattfindet –, dass in diesen Räumlichkeiten ohnehin fast mehr Englisch gesprochen werde als Deutsch.
Bei der «Schuld» oder dem «Beschuldigen», was der Haupttitel besagt, geht es wesentlich um die Frage nach der Ursache von Covid-19, aber auch um den Ursprung einer Kultur des Schürens von Misstrauen. Dass er keiner sei, der mit seinen Filmen Aktualitäten hinterherjagt, ist bei Christian Frei offensichtlich, doch ebenso offensichtlich ist, dass er gleichzeitig ein gutes Gespür für brennende Themen hat. Fünf Jahre nach dem weltweiten, durch die Pandemie ausgelösten Lockdown und angesichts der weiterhin kontrovers diskutierten Frage, ob das Virus durch einen Laborunfall in Wuhan oder durch eine Übertragung von Fledermäusen verursacht wurde, wirkt BLAME aktueller denn je.
Nachdenken über Wissenschaft, Politik und Medien
Während fast fünf Jahren, schon kurz vor dem Beginn des Lockdown, begann Christian Frei, sich mit der wörtlich weltbewegenden Frage nach dem Ursprung des Virus auseinanderzusetzen. Dabei bemühte er sich stets, eine, wie er es nennt, «gesunde Zurückhaltung gegenüber dem Virus der Aufregungsbewirtschaftung» zu entwickeln. Er las sehr viel und reiste nach dem Ende des Lockdown nach Thailand, in die USA, nach Singapur und China, wo er Kontakte zu Forschenden knüpfte, die sich seit dem ersten SARS-Ausbruch von 2003 mit Coronaviren befassten.
Primär geht es Christian Frei um ein kritisches Nachdenken über Wissenschaft, Politik und Medien – etwas, das auch all seine früheren Filme kennzeichnet.
Faktor Trump
Im Gespräch kommt er noch einmal auf seinen ersten Film RICARDO, MIRIAM Y FIDEL zurück. Dabei betont er, wie damals, nach dem Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus und Kuba als einem letzten Relikt dieses Systems, ein ähnlicher Epochenwandel stattgefunden habe wie heute. Vor dreissig Jahren schrieb er über die Protagonistin jenes Films: «Meine Protagonistin Miriam formuliert im Film die Notwendigkeit, Informationen zu erhalten und sich eine eigene Meinung bilden zu können. Sie kritisiert zu Recht, dass es in Kuba keinen öffentlichen Diskurs gebe. Doch dann flüchtet sie aus einem ‹Zensurland› in ein Land der Medienüberflutung und der Medienhysterie. Sie flüchtet aus einem ‹Mangelland› in ein ‹Zuvielland›.»
Etwas Ähnliches sei auch heute wieder der Fall, sagt Frei, und wirkt besorgt, wenn er hinzufügt, man müsse sich nur ansehen, was für Leute vielerorts an Macht gewinnen. Im Hinblick auf BLAME bringt er es so auf den Punkt: «Die Ängste und die Unsicherheit, die das unsichtbare Virus in uns allen auslöste, die hitzigen Diskussionen um Massnahmen und Impfungen sowie fünf Jahre der Bewirtschaftung von Spekulationen und fiebrigen Verschwörungstheorien rund um den Ursprung von Covid und das bewusst geschürte Misstrauen in Expert:innen und Eliten: Sie sind ein wesentlicher Faktor dafür, dass Trump wiedergewählt wurde und nun das Fundament unserer Werteordnung untergräbt – und nach dem Motto regiert: Wenn nichts mehr wahr ist, wird alles möglich.»
