Christian Frei ist einer der international bekanntesten Schweizer Dokumentarfilmer. Er ist wie kaum ein anderer einheimischer Filmschaffender ein Kosmopolit, was die Wahl von Themen und Protagonisten seiner Kinofilme betrifft. Das gilt auch für seinen neuesten, siebten Film BLAME, mit dessen Weltpremiere am 4. April 2025 die 56. Ausgabe des Filmfestivals Visions du Réel in Nyon eröffnet wird. Filmjournalist Geri Krebs hat den Regisseur für arttv.ch im Vorfeld des Festivals getroffen.
Christian Frei: «Wenn nichts mehr wahr ist, wird alles möglich»
Christian Frei
Der Schweizer Filmautor, Filmregisseur und Filmproduzent wurde 1959 in Schönenwerd im Kanton Solothurn geboren. Im Jahr 1984 gründete er seine eigene Firma Christian Frei Filmproduktionen GmbH. Seither produziert er alle seine Filme selber. WAR PHOTOGRAPHER brachte ihm 2001 eine Oscar-Nominierung ein. Von 2006 bis 2023 war Christian Frei Lehrbeauftragter für Reflexionskompetenz an der Universität St. Gallen, von 2006 bis 2009 Präsident des Begutachtungsausschusses «Dokumentarfilm» des Bundesamtes für Kultur. Von 2010 bis 2022 amtierte er als Präsident der Schweizer Filmakademie. Christian Frei lebt und arbeitet in Zürich.
Filmografie
DIE STELLVERTRETERIN (1981)
FORTFAHREN (1982)
DER RADWECHSEL (1984)
RICARDO, MIRIAM Y FIDEL (1997)
KLUGE KÖPFE (1998)
BOLLYWOOD IM ALPENRAUSCH – INDISCHE FILMEMACHER EROBERN DIE SCHWEIZ (2000)
WAR PHOTOGRAPHER (2001)
IM TAL DER GROSSEN BUDDHAS (Originaltitel THE GIANT BUDDHAS) (2005)
SPACE TOURISTS (2009)
SLEEPLESS IN NEW YORK (2014)
HEIDI BEIM GERÄUSCHEMACHER (2016)
GENESIS 2.0 (2018), Co-Regie Maxim Arbugaev
Kriegs- und Krisengebiete
Seit drei Jahrzehnten hat der 1959 im Kanton Solothurn geborene Regisseur und Produzent in weit entfernten Weltgegenden gedreht. Dabei ist er oftmals an Orte gereist, bei denen man sich als Zuschauer:in fragen musste, wie man da überhaupt hingelangen – und dort dann erst auch noch mit einem Filmteam tätig sein kann. War in seinem ersten langen Kinodokumentarfilm RICARDO, MIRIAM Y FIDEL aus dem Jahr 1996 der Schauplatz Kuba noch vergleichsweise leicht erreichbar, so reiste er für seinen nächsten Kinodokumentarfilm WAR PHOTOGRAPHER (2001) gemeinsam mit seinem Protagonisten, dem Fotografen James Nachtwey, in einige der damals brennendsten Kriegs- und Krisengebiete auf mehreren Kontinenten, wie etwa Westbank, Indonesien oder Kosovo.
Oscar-Nominierung und Geheimdienst
Der internationale Erfolg dieses Films, der Christian Frei als bisher einzigem Schweizer Dokumentarfilmer gar eine Oscar-Nominierung einbrachte, war wohl mit ein Grund dafür, dass er für seine nächsten beiden Kinofilme, THE GIANT BUDDHAS (2005) und SPACE TOURISTS (2009) sich mit Afghanistan und der Steppe Kasachstans in weitere unzugängliche Locations wagen konnte. Was die Vorbereitungen zum Dreh von SPACE TOURISTS betrifft – der grösstenteils in der «closed area» im und um den sowjetischen Weltraumbahnhof Baikonur und in der Internationalen Raumstation ISS spielt – erzählt Christian Frei lachend: «Ich habe damals mit den russischen Geheimdienstleuten Kaffee getrunken und konnte sie dabei von meiner Harmlosigkeit überzeugen.» Bei Christian Freis gewinnender Art, gepaart mit einem grossen Selbstbewusstsein und einer Neugier, dem Gegenüber stets offen und wertungsfrei zu begegnen, braucht man keinen Moment lang am Wahrheitsgehalt einer derartigen Begebenheit zu zweifeln. Zum Selbstbewusstsein des Regisseurs passt auch, dass er seit seinem «Kuba-Film» von 1996 alle seine Kinofilme erfolgreich selber produziert hat – mit seiner Christian Frei Filmproductions GmbH. «Ja, ich würde mir nicht gerne in meine Projekte reinreden lassen», gibt er unumwunden zu und meint dann: «Ausserdem würde ich wohl so manchen aussenstehenden Produzenten damit verrückt machen, dass ich oft jahrelang an einer Idee für einen neuen Film arbeite, mir immer sehr viel Zeit lasse, um ein gewähltes Thema zu vertiefen.» Er sei nicht einer, der irgendwelchen Themen und Trends hinterherrenne, sagt er.
BLAME und die Spiele der Medien
Das gilt ganz besonders auch für seinen neuen Film, BLAME, der den Untertitel trägt «Fledermäuse, Politik und ein aus dem Gleichgewicht geratener Planet». Natürlich ist der Untertitel in Wirklichkeit ebenso englisch wie der Haupttitel. Christian Frei als so kosmopolitisch tätiger Filmemacher betont in einem Moment des Gesprächs, – das in seinem Studio in einem Industriegebäude des Zürcher Quartiers Binz stattfindet – dass in diesen Räumlichkeiten ohnehin fast mehr Englisch gesprochen werde als Deutsch. Bei der «Schuld» oder dem «Beschuldigen», was der Haupttitel besagt, geht es wesentlich um die Frage nach der Ursache von Covid-19, aber auch um den Ursprung einer Kultur des Schürens von Misstrauen. Dass er keiner sei, der mit seinen Filmen Aktualitäten hinterherrennt, ist bei Christian Frei offensichtlich, doch ebenso offensichtlich ist, dass er gleichzeitig ein gutes Gespür für brennende Themen hat. Just zum Zeitpunkt der Weltpremiere von BLAME jährt sich nicht nur der weltweite, durch die Pandemie ausgelöste Lockdown zum fünften Mal, sondern auch die Frage, ob das Covid-19-Virus nun durch einen Laborunfall in Wuhan oder doch durch die Übertragung von Fledermäusen auf andere Tiere und von dort auf den Menschen verursacht wurde, hat in den letzten Wochen medial wieder für einigen Wirbel gesorgt.
Nachdenken über Wissenschaft, Politik und Medien
Während fast fünf Jahren, schon kurz vor dem Beginn des Lockdown, hat Christian Frei damit begonnen, sich mit der wörtlich weltbewegenden Frage um den Ursprung des Virus auseinanderzusetzen. Dabei habe er sich aber stets bemüht, eine, wie er es nennt «gesunde Zurückhaltung gegenüber dem Virus der Aufregungsbewirtschaftung» zu entwickeln. Er las sehr viel und reiste dann schon bald nach dem Ende des Lockdown auch nach Thailand, die USA, Singapur und China, knüpfte dort Kontakte mit Forschenden, die sich schon seit dem ersten SARS-Ausbruch von 2003 mit der ersten Variante des Coronavirus befasst hatten. Dabei geht es Christian Frei primär um ein kritisches Nachdenken über Wissenschaft, Politik und Medien – etwas, das auch all seine früheren Filme kennzeichnet.
Faktor Trump
Im Gespräch kommt er dann auch noch einmal auf seinen ersten Film, RICARDO, MIRIAM Y FIDEL zurück. Dabei betont er, wie damals, nach dem Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus und Kuba als einem letzten Relikt dieses Systems, ein ähnlicher Epochenwandel stattgefunden habe wie heute. Vor dreissig Jahren schrieb er über die Protagonistin jenes Films: «Meine Protagonistin Miriam formuliert im Film die Notwendigkeit, Informationen zu erhalten und sich eine eigene Meinung bilden zu können. Sie kritisiert zu Recht, dass es in Kuba keinen öffentlichen Diskurs gebe. Doch dann flüchtet sie aus einem «Zensurland» in ein Land der Medienüberflutung und der Medienhysterie. Sie flüchtet aus einem «Mangelland» in ein «Zuvielland». Etwas Ähnliches sei auch heute wieder der Fall, sagt Frei und wirkt echt besorgt, wenn er hinzufügt, man müsse sich doch nur ansehen, was für Leute heute vielerorts an Macht gewinnen. Im Hinblick auf BLAME bringt er es dann so auf den Punkt: «Die Ängste und die Unsicherheit, die das unsichtbare Virus in uns allen auslöste, die hitzigen Diskussionen um Massnahmen und Impfungen sowie fünf Jahre der Bewirtschaftung von Spekulationen und fiebrigen Verschwörungstheorien rund um den Ursprung von Covid und das dauernd und bewusst geschürte Misstrauen in Expert:innen und Eliten: Sie sind ein wesentlicher Faktor, dass Trump wiedergewählt wurde und jetzt das Fundament unserer Werteordnung untergräbt – und nach dem Motto regiert: Wenn nichts mehr wahr ist, wird alles möglich.»