Pınar Karabulut inszeniert nicht einfach Brechts Ironie – sie ironisiert sie ein weiteres Mal. Gerade das Unperfekte wird dabei zum Stilmittel. Ein Saisonauftakt, mit dem sich das Schauspielhaus endgültig zurück in die Herzen seines Publikums spielt.
PERFEKT, UNPERFEKT
- Publiziert am 20. September 2026

Für uns gesehen haben das Stück Felix Schenker und Georg Kling
Man kennt sie
Man kennt Mackie Messer, den Haifisch mit den Zähnen, den Kanonensong und den Satz vom Fressen und der Moral. Man könnte daher meinen, bei Bertolt Brechts und Kurt Weills DREIGROSCHENOPER sei längst alles gesagt, gespielt und gesungen worden. Pınar Karabulut beweist zum Auftakt der Spielzeit 2026/27 am Schauspielhaus Zürich das Gegenteil. Sie versucht gar nicht erst, das bald hundertjährige Werk künstlich zu aktualisieren. Viel raffinierter: Sie nimmt dessen Ironie ernst – und ironisiert sie gleich noch einmal. Das passt zu Karabuluts Theaterverständnis. Hier darf alles sichtbar Theater sein. Die schwarzen Häuserkulissen, die sich öffnen und wieder schliessen, die grotesken Figuren, die überzeichneten Kostüme, Slapstick, Revue, Varieté und die überdimensionierte Teufelshand: Nichts behauptet Realität. Alles ist Spiel. Das stecht sehr viel Gegenwart darin. Brechts Verfremdungseffekt bekommt gewissermassen noch eine zusätzliche Drehung. Die Parodie wird zur Parodie der Parodie.
Das Unperfekte als Qualität
Besonders klug zeigt sich dieser Ansatz beim Gesang. Das Schauspielhaus Zürich ist kein Opernhaus, und nicht jedes Ensemblemitglied verfügt über eine makellos ausgebildete Stimme. Karabulut versucht das nicht zu kaschieren. Im Gegenteil: Sie macht die gesanglichen Unebenheiten zum Stilmittel. Da wo eine Stimme brüchig, schmal oder angestrengt klingt, entsteht mitunter eine zusätzliche Ebene. Das Perfekte würde hier womöglich sogar stören. Schon die berühmte Moritat vom Mackie Messer setzt dafür den Ton. Wenn Margot Gödrös mit ihrer fragilen Stimme beginnt, liegt darin etwas Verstörendes. Dann setzt das Ensemble ein, die Musik wächst, die Revue beginnt. Perfekt unperfekt! Daneben gibt es aber auch gesanglich ausgesprochen starke Momente. Allen voran Zeynep Bozbay als Polly, die nicht nur musikalisch überzeugt, sondern ihre Figur vom vermeintlich naiven Mädchen immer stärker zur selbstbewussten Mitspielerin in diesem durch und durch ökonomisierten Gesellschaftsspiel entwickelt. Thomas Wodianka wiederum macht aus Mackie Messer keinen dämonischen Gangster, sondern einen selbstverliebten Entertainer seiner eigenen Skrupellosigkeit. Liebe, Gewalt, Freundschaft und Verrat werden bei ihm zu Nummern einer Show. Und dann ist da Karin Pfammatter als Spelunken-Jenny. Pfammatter ist ohnehin per se ein Grund, ins Schauspielhaus zu gehen. Auch hier braucht sie keine grossen Gesten, um einer Figur sofort Kontur zu geben. Ihre Bühnenpräsenz, ihre Trockenheit und dieses unverwechselbare Gespür für den Moment verleihen Jenny jene Mischung aus Abgeklärtheit und Verletzlichkeit, die die Figur braucht. Besonders gefallen hat uns Florian Voigt als Polizeihauptmann Tiger Brown. Mit wenigen Gesten verleiht er der alten Männerfreundschaft zwischen Brown und Mackie eine zusätzliche, amouröse Note. Ein Blick, eine Berührung, eine kleine körperliche Annäherung genügen, und die Beziehung der beiden Männer bekommt eine Ambivalenz, die im Text zwar angelegt sein mag, hier aber ganz selbstverständlich aufblitzt. Weil Karabulut daraus keine grosse Geste macht, funktioniert das so gut.
Ein Korsett, das Kreativität erzeugt
Wie bemerkenswert Karabuluts Zugriff ist, zeigt sich auch vor einem urheberrechtlichen Hintergrund, der gerne übersehen wird. Die Rechteinhaber von Brechts Werken sind traditionell für einen sehr wachsamen Umgang mit der Werkgestalt bekannt; grössere Eingriffe in den Text benötigen entsprechende Genehmigungen. Regieteams müssen ihre Interpretation deshalb wesentlich mit den Mitteln der Inszenierung entwickeln. Immer wieder ist derzeit zu hören, damit sei 2027 Schluss, weil Brechts Werke siebzig Jahre nach seinem Tod gemeinfrei würden. Für die DREIGROSCHENOPER stimmt das jedoch nicht. Das Stück trägt offiziell den Zusatz «unter Mitarbeit von Elisabeth Hauptmann». Hauptmann gilt als Miturheberin. Da sie erst 1973 starb, bleibt die DREIGROSCHENOPER bis Ende 2043 urheberrechtlich geschützt. Das macht diese Zürcher Inszenierung umso interessanter. Karabulut kann das Stück nicht einfach durch beliebige neue Texte in die Gegenwart holen. Sie muss ihre Interpretation vor allem über Bilder, Körper, Rhythmus, Spielweise und Kostüme entwickeln – und über jene zusätzliche Ironieschicht, die sie über das ohnehin schon ironische Werk legt. Darin liegt die Stärke dieses Abends. Karabulut zeigt, wie gegenwärtig ein Klassiker sein kann, ohne ihm zwanghaft Aktualität aufzupfropfen.
Fast hundert Jahre später wieder am Pfauen
Dabei hat gerade die DREIGROSCHENOPER am Pfauen eine besondere Geschichte. 1935 gastierte hier die Prager Theatergruppe D35 mit dem Stück. Die Aufführung provozierte heftige Proteste der rechtsextremen Nationalen Front, die schliesslich den Abbruch des Gastspiels erzwang. Dass das Schauspielhaus ausgerechnet mit diesem Werk seine Jubiläumsspielzeit eröffnet, ist deshalb mehr als eine hübsche Referenz an die Theatergeschichte. Karabulut macht daraus allerdings keinen bedeutungsschweren historischen Gedenkabend. Zum Glück. Ihre DREIGROSCHENOPER darf lustig sein, albern, schrill und manchmal hemmungslos unterhaltsam. Dadurch bleibt die Boshaftigkeit des Stücks erhalten. Denn hinter all dem Spass lauert weiterhin eine Gesellschaft, in der Moral käuflich ist, Armut bewirtschaftet wird, Freundschaft vom Nutzen abhängt und das Verbrechen vom Geschäft kaum noch zu unterscheiden ist.
Zurück in die Herzen des Publikums
Drei Stunden dauert dieser Abend inklusive Pause. Er ist gross, bunt, musikalisch, bisweilen überdreht und alles andere als makellos. Genau das macht ihn so überzeugend. Pınar Karabulut sucht nicht nach Perfektion. Sie benutzt das Unperfekte. Sie vertraut ihrem Ensemble, dem Witz des Textes, der unverwüstlichen Musik Kurt Weills und vor allem der Intelligenz des Publikums. Sie muss Brecht nicht erklären. Sie lässt ihn spielen. Nach schwierigen Jahren am Schauspielhaus Zürich ist das vielleicht die schönste Botschaft dieses Saisonauftakts: Das Haus wirkt wieder wie ein Ort, an dem grosses Theater nicht vermeintlich gegen sein Publikum gemacht werden muss (was eigentlich auch nicht so war, aber medial teilweise so vermittelt wurde), sondern gemeinsam mit ihm entstehen kann.
Fazit
Mit dieser DREIGROSCHENOPER hat sich das Schauspielhaus Zürich endgültig zurück in die Herzen seines Publikums gespielt.



