Die Pianisten und Komponisten Raphael Loher und Philipp Schlotter sind seit Jahren als vielseitige Musiker in der Schweizer Szene unterwegs – zwischen experimenteller Elektronik, Ambient, Improvisation und Bandprojekten. Mit Well Tuned Pianos nehmen sie nun etwas scheinbar Selbstverständliches auseinander: die Stimmung des Klaviers.
RAPHAEL LOHER & PHILIPP SCHLOTTER
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Die Dekonstruktion des Vertrauten
Was bedeutet es eigentlich, ein Klavier «richtig» zu stimmen? Die heute dominierende gleichstufige Stimmung ist historisch gewachsen – und keineswegs naturgegeben. Hier setzen Loher und Schlotter an. Statt bei der üblichen westlichen Stimmung zu bleiben, tauchen sie in andere Tonsysteme ein, wie man sie etwa aus der Gamelan-Musik kennt. Dort werden Instrumente bewusst gegeneinander verstimmt, wodurch vibrierende, schimmernde Klangräume entstehen – ein Changieren zwischen Reibung und Harmonie.
Mit zwei transportablen Klavieren, bei denen pro Ton jeweils nur eine Saite zum Einsatz kommt, erforschen die beiden Musiker unterschiedliche Stimmungen. Jede Verschiebung verändert das Hören: Intervalle öffnen sich, Resonanzen treten hervor, emotionale Felder werden neu vermessen. Ergänzt wird diese Arbeit durch Präparationen, die das Obertonspektrum erweitern und die klangliche Textur weiter verdichten.
Improvisation als Forschung
Im Zentrum von Well Tuned Pianos steht nicht das fertige Werk, sondern der Prozess. Durch Improvisation und Experimentieren entwickeln Loher und Schlotter eigene Stimmungen und überführen diese in eine neue, gemeinsame Spielpraxis. So entsteht eine musikalische Sprache, die sich im Moment formt: hörend, tastend, reagierend. Das Klavier erscheint dabei weniger als abgeschlossenes Instrument denn als offenes System – als Resonanzkörper, der immer wieder neu befragt werden kann.
Mut zur radikalen Vertiefung
Die Jury der Fondation Suisa, die RAPHAEL LOHER & PHILIPP SCHLOTTER und damit auch ihr Projekt Well Tuned Pianos ausgezeichnet hat, würdigte insbesondere den experimentellen Ansatz aus der zeitgenössischen Musik im neuen Kontext sowie den Mut, eine bestehende Duo-Arbeit radikal zu vertiefen, statt lediglich ein weiteres Album zu realisieren. So wird Well Tuned Pianos zu einer Einladung, das Hören selbst neu zu justieren: eine Expedition in Zwischenräume, in Schwebungen und Unschärfen – dorthin, wo Klang nicht festgelegt ist, sondern in Bewegung bleibt.