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Joy Frempong und Marcel Blatti sind OY. Mehr zum Schweizer Duo mit Wahlheimat Berlin im Interview

Sängerin Joy Frempong sprengt gemeinsam mit dem Musiker Marcel Blatti im Duo OY bewusst musikalische Genres. Ihre Songs sind konzeptionell und behandeln auf vielfältige Weise soziopolitische Themen – oft angereichert mit audiovisuellen Elementen oder Texten und Bildern in Buchform. Mit ihrem Projekt «Messages from Walls» will das Duo auf der kommenden Tournee im öffentlichen Raum Botschaften auf Mauern suchen, die das Potenzial haben, solche zu sprengen.

Im Interview

Joy Frempong und Marcel Blatti sind OY. Das Schweizer Duo mit Wahlheimat Berlin plant nachhaltig auf Tournee zu gehen und sich dabei auf Stadtwanderungen inspirieren zu lassen. Der «Get Going!»-Beitrag der FONDATION SUISA unterstützt sie bei ihrem Projekt «Messages from Walls».

Joy Frempong und Marcel Blatti, das letzte OY-Album «Space Diaspora» war sehr erfolgreich. Bald folgt die Fortsetzung. Was darf man erwarten?
Marcel: Wir haben unsere letzten zwei Alben musikalisch zusammengefasst. In Joys Texten gibt es eine Konstante durch diese Alben hindurch und dort knüpfen wir an und spinnen das ganze weiter.
Joy: Die Platte widerspiegelt, was um uns herum geschieht. Es ist sowohl Post-Past wie auch Pre-Future (lacht). Es geht um Identität, Ungerechtigkeiten, aber transportiert auch positive Aspekte unserer Zeit.

Mit diesem Album geht ihr auf Tournee – und hier setzt euer «Get Going!»-Projekt ein.
Beide: Richtig!

Wie seid ihr auf dieses Projekt gekommen?
Marcel: Wir waren in den letzten Jahren sehr oft auf Tournee. Das ist ein grosses Glück aber zuweilen auch sehr hektisch. Man reist an, spielt am selben Tag ein Konzert und am nächsten geht es direkt weiter. Dabei kam die Sehnsucht auf, länger an den jeweiligen Orten zu verweilen und dabei den Aufenthalt für Recherchen und das Schreiben von neuen Songs zu nutzen. Die Ideen, die dabei entstehen, sollen auch in einen Live-Blog münden – einem alternativen Fankontakt fernab der monopolisierten Facebook-Kanäle. Dieses «Slow-Touring» ist mit den üblichen Tour-Budgets aber nicht finanzierbar und hier kommt «Get Going!» ins Spiel.
Joy: Gleichzeitig gelingt es uns so auch, umweltfreundlicher reisen zu können. Tourneen zu absolvieren und dabei die zunehmende Klimaerwärmung nicht zu vergessen, ist für viele ein wichtiges Thema. Wir befinden uns in einer paradoxen Situation. Wir sind keine lokale Band, sondern stossen in ganz Europa auf Interesse. Man übt diesen Beruf auch aus, weil man sich gerne bewegt. Und Künstlerinnen und Künstler sollten die Möglichkeit zum kulturellen Austausch haben. Gleichzeitig stehen wir auch in der Pflicht, dies auf eine nachhaltigere Art und Weise zu realisieren.
Marcel: Allerdings nicht in der Form, dass alle nur noch zuhause sitzen und Konzerte streamen. Der Corona-Lockdown hat deutlich gezeigt, dass dies nicht funktioniert. Die Energie eines Konzertes muss man physisch erfahren können.

Eine zusätzliche Komponente eures Projektes ist die Auseinandersetzung mit Statements, die man auf urbanen Wänden findet.
Joy: Spaziert man durch Berlin, begegnet man viel Street Art und politischen Graffitis. Einige sind direkt an die Nachbarschaft gerichtet, andere sind philosophisch oder witzig. Da gibt es etwa einen Jogging-Platz, auf dem man Runde für Runde dem gesprayten Text: «Can’t keep running away» begegnet. Nicht alle Slogans funktionieren dann als Songtext, aber es ist eine andere Herangehensweise an eine Stadt und ihre Kultur, wenn man versucht, die Umgebung anhand solcher Aussagen zu erwandern.

Wall Hunting?
Marcel: (lacht) Genau. Es geht um die schöne Aufgabe, die eigenen Sinne offenzuhalten und um die Frage, wie das Gesehene anschliessend mit der eigenen Fantasie interagiert.

OY ist ja mehr als Musik. Die visuelle Umsetzung, die Kostüme, die begleitenden Bücher – das geht schon Richtung Gesamtkunstwerk. War das so geplant?
Marcel: Wir sind einfach breit interessiert. Und wenn man sein ganzes Herzblut in eine Band steckt, dann fliesst eben auch alles andere, das einen fasziniert, automatisch mit hinein. Wir hatten immer sehr gute Kontakte zu anderen Künsten und die sind über die Jahre gewachsen. Wir stecken viel Liebe in unsere Projekte – von der Bühnengestaltung bis hin zum Cover.

Auf dem OY-Blog lässt sich lesen: «There is hope our society could learn lessons». Optimismus in einer Welt, in der nichts zu klappen scheint?
Joy: Manchmal fühlt man sich machtlos gegenüber jenen, die sich Realisten nennen. Ich denke aber, dass ein Umbruch in die richtige Richtung im Gang ist. Manchmal sind Krisen Auslöser von Umbrüchen. Die Angst ist da, dass die Menschen nach Covid den «normalen» Zustand zurückhaben möchten. Wir aber wollen – wie viele andere auch – etwas verändern und nehmen diese Zäsur zum Anlass für eine grundlegende Veränderung.

Was haltet ihr von «Get Going!» als Fördermodell?
Marcel: Wir sind in der Schweiz bezüglich Kulturförderung fortschrittlich. Dennoch ist es an der Zeit, neue Formen zu finden, welche näher am Alltag der Kulturschaffenden dran sind. «Get Going!» ist somit nicht nur für uns ein grosses Glück sondern auch als Format wegweisend.
Joy: Fördermittel sind meist an Produktionen gebunden. «Get Going!» dagegen ist offener und zum Beispiel als Unterstützung für den kreativen Prozess gedacht. Gerade bei uns ist die ganze Vorarbeit zu einem neuen Projekt sehr wichtig. «Get Going!» ist deshalb eine ungemein grosse Erleichterung. So, als täte sich am Horizont ein neues Fenster auf. Das ist extrem schön.

Text: Rudolf Amstutz

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