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Künstler-Kollektiv ox&öl | Experimentelles Musiktheater und Kulturelle Teilhabe

Die Fachstelle Kultur würdigt die Verdienste von «ox&öl» zur kulturellen Teilhabe und die niederschwellige Vermittlung von Hochkultur.

Die Pianistin Simone Keller und der Regisseur und Komponist Philip Bartels haben 2010 das Künstler-Kollektiv gegründet, das unter anderem Projekte im experimentellen Musiktheaterbereich und Theaterprojekte für und mit Kindern mit Migrationshintergrund durchführt.

Eine generationenübergreifende Musikwerkstatt
Seit 2010 arbeiten Philip Bartels und Simone Keller kontinuierlich zusammen und leiten gemeinsam das Künstler-Kollektiv «ox&öl». «Piccolo Concerto Grosso» ist eine partizipative Musikwerkstatt für Schulklassen mit einem hohen Migrationsanteil und Senior*innen, die ohne musikalische Vorbildung gemeinsam improvisieren und komponieren, verschiedene Musikstile kennenlernen und in Zusammenarbeit mit einem professionellen Musikensemble auf ein grosses Schlusskonzert hinarbeiten, das insbesondere sogenannten „bildungsfernen Schichten“ Zugang zur Hochkultur verschaffen möchte. Deshalb finden diese Abschlusskonzerte konsequenterweise in den namhaften Hochburgen der klassischen Musik der jeweiligen Städte statt, in deren Vermittlungsangeboten nur selten Projekte für diese Randgruppen zu finden sind. Die Beteiligten mit unterschiedlichsten kulturellen Hintergründen lernen gemeinsam neue Ausdrucksformen kennen, befassen sich mit einer Selbstäusserung, die es in ihrer Komplexität erlaubt, neue vielschichtige Kommunikationswege zu bilden und erleben die Möglichkeit, sich mit einem neuen, differenzierten Medium Gehör zu verschaffen und bauen generationenübergreifend Beziehungen auf.

Lonely Hearts Radio
Die Beatles legen 1967 mit «Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band» eines der wichtigsten Konzeptalben der Pop-Geschichte vor. Es handelt sich um ein umstrittenes, surreales und hintergründiges Gesamtkunstwerk, auf dessen Cover eine fiktive Heilsarmee-Truppe zu sehen ist, die sich als «Gemeinschaft der neuen freien Menschen» bezeichnete und für die «einsamen Herzen» singen wollte. Im selben Jahr geht der «Verein für Förderung zurückgebliebener Kinder» in die Stiftung «Züriwerk» über, die sich für die soziale und wirtschaftliche Teilhabe von Menschen vorwiegend mit kognitiver Beeinträchtigung im Kanton Zürich einsetzt. Zu dieser Initiative gehört auch das Theater HORA, als einziges professionelles Theater der Schweiz, dessen Schauspiellernende und Ensemblemitglieder alle eine IV-zertifizierte «geistige Behinderung» haben.
Vor diesem Hintergrund entwickelt das Künstler-Kollektiv ox&öl mit den HORAzubis das experimentelle Musiktheaterstück «LonelyHeartsRadio», bei dem die Darsteller*innen auf der Bühne durch ihr «Anders-Sein» einen Perspektivenwechsel ermöglichen: anders Sehen, anders Hören, anders Denken. Das Stück richtet sich also gegen eine voreingenommene Wahrnehmung, gegen das optische, akustische und mentale Normieren, Fixieren und Zementieren der Gegenwart. Wenn die angehenden Schauspieler*innen mit ihrem Piratensender und ihren eigenen Texten an die Öffentlichkeit gehen, erzählen sie ihre eigenen Geschichten, ihre fiktiven Begegnungen mit den Beatles oder ihre unerfüllten Liebesträume. Unterstützt werden sie in ihrem Radiostudio von einer Band, die nebst den Beatles-Arrangements von Philip Bartels auch als Geräusch-Experten miteinbezogen werden, die den Moderator*innen dabei behilflich sind, aus einem Sammelsurium von Klängen den eigenen «Song» zusammenzustellen.

Niederschwellige Vermittlung von Hochkultur
«Erschtklassigi Kunscht. Punkt» sind Liederabende mit romantischer und zeitgenössischer Musik und alten und neuen Texten. «Nüt gäg Ballön u Sackgumpe, aber mir mache Kunscht!» schreibt Guy Krneta. Sich von populärer Unterhaltung abgrenzen, sich aber dennoch einer abgehobenen Hochkultur nicht zugehörig fühlen – dies bildet auch die Grundlage für eine Reihe von szenischen Liederabenden, in denen neue und alte Musik nahtlos zueinander finden und zeitgenössische Texte in einen direkten Bezug zu romantischen Lieder gesetzt werden.

Kukuruz Quartett
Das junge Zürcher Klavier-Ensemble Kukuruz Quartett wurde 2011 als Toypiano-Melodica-Duo gegründet und trat zum ersten Mal im Rahmen der integralen Aufführung von «Apartment House 1776» von John Cage im Kunsthaus Zürich auf. 2014 erweiterte sich die Formation im Rahmen einer Musiktheater-Produktion von Ruedi Häusermann, um insbesondere Musik für vier «wohlpräparierte Einhandklaviere» zu spielen. Es handelt sich also um eine aussergewöhnliche Formation, für die es kein herkömmliches Repertoire gibt. Die Musiker*innen entwickeln über längere Zeit gemeinsame Präparationen und Konstruktionen. Das Tüfteln und Basteln, das minutiöse Planen von Details nimmt einen sehr grossen Raum ein. Neben dem wohlpräparierten Tastenspiel pflegt das experimentelle Ensemble auch noch weit exotischere Disziplinen wie das Spiel auf elektrischen Zahnbürsten oder das Rückwärts-Singen von Kinderliedern und ist gerade dabei, ein Strickquartett, bestehend aus vier Paar verstärkten Stricknadeln, zu entwickeln.

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