Wiborada von St. Gallen gilt bis heute als Schutzpatronin der Stadt St. Gallen sowie aller Bibliotheken und Lesenden. Als Einsiedlerin im frühen Mittelalter lebte sie in enger Verbindung zum Kloster und wurde für ihren Rat geschätzt. Im Jahr 926 warnte sie Abt und Mönche vor einem drohenden Angriff fremder Krieger – selbst blieb sie in ihrer Klause zurück und fand beim Überfall den Tod. Zum 1100. Jahrestag ihres Todes widmet sich eine Ausstellung der Stiftsbibliothek St. Gallen ihr sowie anderen Frauen des Mittelalters. Aus überlieferten Quellen eröffnen sich neue Einblicke in die vielfältigen Lebenswelten von Frauen im Früh- und Hochmittelalter – zwischen Frömmigkeit und Gemeinschaft, Gelehrsamkeit und Alltag, Macht und Widerstand.
Wiborada und weitere Frauen des Mittelalters
Die Sommerausstellung im Barocksaal der Stiftsbibliothek St. Gallen bringt Licht in verborgene Lebenswelten aus dem dunklen Zeitalter.
Frauengeschichten der Geschichte
Wiborada gehört zu den bekanntesten Frauengestalten des Frühmittelalters – doch sie war keineswegs die Einzige, die ihre Zeit prägte. Die Ausstellung stellt neben der St. Galler Heiligen weitere bemerkenswerte Frauen vor. Die Spuren führen bis zur Kaiserin Theophanu, die nach dem Tod ihres Mannes Otto II. die Regentschaft für ihren unmündigen Sohn übernahm, oder ins antike Rom zu Gaia Afrania, einer adeligen Prozessführerin, die sich für ihr Recht einsetzte. Der Blick richtet sich jedoch auch auf Frauen, die weit weniger Spuren in den Schriftquellen hinterlassen haben: auf Klausnerinnen, Nonnen und Dienerinnen ebenso wie auf ihre Lebensbedingungen, ihre Arbeit, ihre Gesundheit und die Rollenbilder, die ihren Alltag prägten. Die Ausstellung «Frauen – Weibliche Lebenswelten im Mittelalter» macht diese verborgenen Geschichten sichtbar und zeigt, dass weibliche Lebensentwürfe im Mittelalter weit vielfältiger waren, als man vielleicht vermuten würde.