Wiborada von St. Gallen gilt bis heute als Schutzpatronin der Stadt St. Gallen sowie aller Bibliotheken. Als Einsiedlerin im frühen Mittelalter lebte sie in enger Verbindung zum Kloster und wurde für ihren Rat geschätzt. Im Jahr 926 warnte sie Abt und Mönche vor einem drohenden Angriff fremder Krieger – selbst blieb sie in ihrer Klause zurück und fand beim Überfall den Tod. Zum 1100. Jahrestag ihres Todes widmet sich eine Ausstellung der Stiftsbibliothek St. Gallen ihr sowie anderen Frauen des Mittelalters. Aus überlieferten Quellen eröffnen sich neue Einblicke in die vielfältigen Lebenswelten von Frauen im Früh- und Hochmittelalter – zwischen Frömmigkeit und Gemeinschaft, Gelehrsamkeit und Alltag, Macht und Widerstand.
Wiborada und weitere Frauen des Mittelalters
- Publiziert am 28. Juli 2026
Die Sommerausstellung der Stiftsbibliothek St. Gallen eröffnet neue Einblicke in Frauenleben vergangener Jahrhunderte.
Panorama zu Frauenleben
Eine Frau lässt sich freiwillig in eine Zelle einschliessen, um sich ganz einem geistlichen Leben zu widmen. Die historisch fassbare Wiborada, geboren Ende des 9. Jahrhunderts, wählte für sich diesen Lebensweg der Inklusin oder Klausnerin. Sie gab Ratsuchenden hilfreiche Auskünfte und warnte den Abt des Klosters St.Gallen vor dem drohenden Überfall von Kriegern aus dem Osten. Dieser brachte den Konvent und die Bibliothek in Sicherheit, die Mönche und die Bücher überlebten. Wiborada hingegen wurde in ihrer Zelle totgeschlagen – im Jahr 926, vor 1100 Jahren. Ausgehend von der Inklusin Wiborada fragten die Kuratorinnen Franziska Schnoor und Ruth Wiederkehr: Welche Lebenswege gab es für Frauen im Mittelalter? Sie stellten dafür verschiedene Lebensformen und -wege zusammen. Die Ausstellung gliedert sich nach diesen Formen und ergänzt die Klausnerinnen um Nonnen, Mächtige, Dienerinnen, Produzentinnen, Mütter und Widerständige.
Früheste Zeugnisse von Schreiberinnen
Obwohl das Kloster St.Gallen ein Männerkonvent war, bietet der historische Bestand der heutigen Stiftsbibliothek zahlreiche Anknüpfungspunkte für Frauengeschichte. Einzelne Handschriften sind früheste Zeugnisse von weiblicher Schreibtätigkeit überhaupt. Dazu gehören zwei Briefe von Frauen um das Jahr 400, die in einer Sammlung von Bischofsbriefen wohl per Zufall überliefert wurden. Die beiden frühen Christinnen schildern darin ihre Alltagssorgen und ihren Umgang mit der damals neuen Religion. Heute kaum mehr bekannt ist die Abtei Chelles, heute im Grossraum Paris gelegen. In diesem Frauenkloster befand sich eines der am weitesten entwickelten Skriptorien (Schreibstuben) der Karolingerzeit im 8. und 9. Jahrhundert. Zwei Handschriften in der Stiftsbibliothek zeugen davon.
Eigenständige St.Gallerinnen
Während die Briefschreiberinnen und viele schreibende Nonnen namenlos bleiben, können aus späteren Zeiten zahlreiche Frauenbiografien aus der Region St.Gallen gut nachgezeichnet werden: Da ist etwa Regula Keller, die als Konventualin im Kloster St.Katharina lebte und sich zwischen den 1520er- und 1550er-Jahren über drei Jahrzehnte lang der Reformation widersetzte, oder Anna Bösch, die St.Galler Hebamme, die in derselben Zeit lebte und viele Bürgerhäuser in der Stadt von innen kannte – inklusive der Dramen, die sich darin abspielten. Oder da wären Barbara und Magdalena Dieth, Schwiegermutter und Schwiegertochter, die im 18. Jahrhundert nach dem Tod ihrer Ehemänner den Familienbetrieb, eine Druckerei, weiterführten. Von ihnen, aber auch von der aus Byzanz stammenden Kaiserin Theophanu und von der adligen Stifterin Gundis erzählt die Sommerausstellung in der Stiftsbibliothek St.Gallen. (Pressetext)