Nach 25 Jahren stellt die Albert Koechlin Stiftung ihre Kulturförderung grundlegend infrage. Das ist mutig – und notwendig. Denn die entscheidende Frage lautet nicht, wie viel Kultur produziert wird, sondern wie sie entsteht, wirkt und weitergetragen werden kann.
Kultur braucht mehr Herz und weniger Kalkül
- Publiziert am 3. Februar 2026
Kommentar von Felix Schenker, Chefredaktor arttv.ch zur neuen Förderinitiative der Albert Koechlin Stiftung
Zäsur statt Routine
Ich finde es gut – ja, wichtig –, dass die Albert Koechlin Stiftung (AKS) ihre Kulturförderung neu denkt. Dass sie ein bewährtes, aber auch erstarrtes Modell nicht einfach fortschreibt, sondern offen hinterfragt. Nachhaltigkeit, Interdisziplinarität und Partizipation sind keine wohlfeilen Schlagworte, sondern reale Herausforderungen für eine Kulturlandschaft, die mehr sein will als ein Abspielbetrieb für immer neue Premieren. Gerade nach 25 Jahren ist es legitim – ja notwendig –, sich zu fragen, ob die Strukturen noch dem dienen, wofür sie einst geschaffen wurden.
Die Projekte der AKS – zuletzt unter dem Titel «schön?!.» – haben in kurzer Zeit eine beeindruckende Fülle an Produktionen, Formaten, Interventionen und Events hervorgebracht. Diese Energie war spürbar und inspirierend. Gleichzeitig zeigte sich aber auch eine Kehrseite: Für das Publikum wurde diese Gleichzeitigkeit zur Überforderung. Zu viel auf einmal kann dazu führen, dass Aufmerksamkeit verpufft, Orientierung verloren geht und sich kaum etwas nachhaltig setzen kann. In der reinen Menge liegt nicht automatisch Tiefe – und auch keine langfristige Wirkung.
Innerer Drang statt Förderlogik
Kultur entsteht im besten Fall nicht, weil es gerade ein Fördergefäss gibt oder weil man sich strategisch richtig positioniert. Sie entsteht aus einem inneren Drang heraus. Vielleicht ist das eine romantische Vorstellung – aber sie ist mir nach wie vor die liebste. Dieses innere Brennen, dieses Gefühl, dass man etwas machen muss, weil man nicht anders kann, sollte wieder stärker im Zentrum stehen.
Deshalb wünsche ich mir Förderstellen, die auch Entdeckungsreisende sind: die Kultur dort aufspüren, wo man sie nicht sofort erwartet. In diesem Zusammenhang verteidige ich gerne das oft belächelte Giesskannenprinzip. Ich erinnere mich gut daran, wie ich als junger Künstler von einer Stiftung nur einen kleinen Betrag erhielt – finanziell bescheiden, symbolisch enorm. Für mich war das ein Ritterschlag, eine Initialzündung, mich überhaupt ernsthaft in die Welt der Kultur zu stürzen. Wirkung misst sich nicht immer in grossen Summen, sondern oft im Moment des Vertrauens.
Weniger Business, mehr Risiko – und mehr Vermittlung
Ich wünsche mir weniger Kultur als Businessmodell. Weniger Projekte, die wie Start-ups funktionieren müssen – mit Branding, Karriereplanung und Selbstoptimierung. Weniger egomane Selbstdarstellung, weniger Kultur als Bühne für das eigene Ich. Dafür mehr Mut zum Risiko, mehr Zweifel, mehr Scheitern dürfen. Mehr Leidenschaft ohne Garantie auf Erfolg.
Förderung bleibt dabei zentral – ohne sie geht es nicht. Aber sie darf nicht zum Motor werden, der vorgibt, was überhaupt noch gedacht und gemacht wird. Förderung sollte Räume öffnen, nicht Richtungen diktieren. Sie sollte Mut belohnen, nicht Anpassung.
Und ja, ich rede hier auch auf die eigene Mühle: Kulturförderung muss die Vermittlung zwingend mitdenken. Es reicht nicht mehr, immer nur Neues zu produzieren. In dieser Flut an Möglichkeiten braucht das Publikum Begleitung, Einordnung, Vertiefung. Ohne gemeinsames Erleben entsteht kein gemeinsamer Kanon. Weniger Projekte, dafür das Vorhandene besser vermitteln, sichtbar machen und diskutierbar halten – das wäre aus meiner Sicht ein grosser Gewinn.
Genau das versucht arttv.ch seit über 20 Jahren: Kultur nicht nur abzubilden, sondern verständlich zu erzählen und in Beziehung zum Publikum zu setzen. Und wenn ich die Neuausrichtung der AKS richtig lese, dann ist auch dort ein ähnlicher Gedanke am Werk.