KÖNIGIN DER NACHT von Lukas Bärfuss, HAUPTSACHE KEIN ZEITGEIST von Hayat Erdoğan, DIE AUSTER von Yael Inokai, DAS GROSSE EIS von Sonja Sophie Kreis und UNWUCHT von Sarah Elena Müller sind im Rennen um den Schweizer Buchpreises 2026. So unterschiedlich ihre Stoffe und Erzählweisen sind, gemeinsam richten sie den Blick auf Menschen und Lebensrealitäten, die oft im Hintergrund bleiben.
Schweizer Buchpreis 2026
- Publiziert am 10. September 2026
Unser arttv.ch Prognose
Eine Prognose über den Ausgang eines Literaturpreises – und dann auch noch mit exakten Prozentzahlen – ist natürlich eine Spielerei und nicht allzu ernst zu nehmen. Literatur lässt sich schliesslich schlecht berechnen, Jurys erst recht nicht. Dennoch sei es an dieser Stelle gewagt: Auf Grundlage der Jurybegründung, der formalen und sprachlichen Eigenständigkeit der Bücher, ihrer thematischen Passung zur Shortlist und der bisherigen literarischen Resonanz ergibt sich unsere ganz persönliche arttv.ch-Prognose.
Lukas Bärfuss liegt für uns mit KÖNIGIN DER NACHT bei 30 %, dicht gefolgt von Hayat Erdoğan mit HAUPTSACHE KEIN ZEITGEIST bei 27 %. Yael Inokai kommt mit DIE AUSTER auf 20 %, Sonja Sophie Kreis mit DAS GROSSE EIS auf 13 % und Sarah Elena Müller mit UNWUCHT auf 10 %. Favorit ist damit Bärfuss – Erdoğan könnte ihm den Sieg allerdings durchaus streitig machen.
Besonders gönnen würden wir den Preis trotzdem Sarah Elena Müller und dem Limmat Verlag. UNWUCHT verbindet sprachliche Eigenständigkeit mit einem sehr gegenwärtigen Blick auf Abhängigkeit, Liebe und Selbsttäuschung. Und ein Sieg für den Limmat Verlag wäre zugleich ein schönes Zeichen für einen Schweizer Verlag, der seit Jahren konsequent auf eigenständige Stimmen und literarische Entdeckungen setzt. Unsere 10 % sind also ausdrücklich keine mangelnde Sympathie.
Die Jury-Mitglieder
Tim Felchlin, Jurypräsidnet (freischaffender Literatur- und Kulturjournalist)
Simone Nuber (Master of Science und Inhaberin der libraria poesia clozza Scuol)
Benjamin Schlüer (Literaturwissenschaftler, Vermittler und Veranstalter Literaare Thun, neu)
Silvia Süess (Literaturredaktorin und Kulturjournalistin WoZ- Die Wochenzeitung, neu)
Manuela Waeber (Co-Leiterin Literaturhaus Zentralschweiz und Partnerin Frieda KulturBeratung)
Entscheidung im November
Der Schweizer Buchpreis ist mit insgesamt 42’000 Franken dotiert. Der Preisträger, die Preisträgerin erhält 30’000 Franken, die vier weiteren Nominierten je 3’000 Franken. Bis zur Preisverleihung gehen die fünf Nominierten mit ihren Büchern auf Lesetour durch die Schweiz und Deutschland.
Fünf Bücher im Finale
Inhaltlich verbindet die fünf ausgewählten Romane das Interesse an Lebensrealitäten, die gesellschaftlich oft wenig sichtbar sind. Es geht um Armut, Migration, familiäre Prägungen, prekäre Arbeit und emotionale Abhängigkeit. Formal und stilistisch gehen die Bücher dabei sehr unterschiedliche Wege. Die Jury hebt hervor, dass die nominierten Werke sowohl die Vielfalt der Schweizer Gegenwartsliteratur als auch ihre sprachliche Bandbreite zeigen.
Darum geht es:
Lukas Bärfuss | KÖNIGIN DER NACHT | Rowohlt Verlag
Lukas Bärfuss erzählt vom Aufwachsen mit einer Mutter, die sich selbst als «Rabenmutter» bezeichnete. Sie hatte wenig Bildung, kaum Geld und wenige Perspektiven. Bärfuss selbst landete als Jugendlicher auf der Strasse, seine Mutter zog im Alter aus finanzieller Not in die Karibik. Der Roman verbindet diese Familiengeschichte mit der Sozial- und Politikgeschichte der Schweiz und fragt danach, welchen Anteil gesellschaftliche und staatliche Bedingungen an individuellen Lebensläufen haben.
Hayat Erdoğan | HAUPTSACHE KEIN ZEITGEIST | Claassen Verlag
Ausgangspunkt des Romans ist der 6. Februar 2023, der Tag der schweren Erdbeben in der Türkei und in Syrien. Die Ich-Erzählerin wartet auf Nachrichten ihrer Verwandten und blickt gleichzeitig auf ihr eigenes Leben zurück. Hayat Erdoğan erzählt in 24 Stunden und 24 Gesängen von Migration, Feminismus, der Beziehung zur Mutter und von einer vergangenen Liebe. Der Roman verbindet persönliche Erinnerungen mit gesellschaftlichen und philosophischen Fragen.
Yael Inokai | DIE AUSTER | Hanser Berlin Verlag
Der Geschäftsführer eines Berliner Kaufhauses wird ermordet aufgefunden. Als die Polizei eintrifft, hat die 73-jährige Reinigungskraft Leonora Bloch den Tatort bereits gereinigt. Doch die Aufklärung des Falls steht nicht im Zentrum. Yael Inokai interessiert sich vielmehr für die Welt hinter den Kulissen des Kaufhauses, in der Luxus und prekäre Arbeitsbedingungen unmittelbar aufeinandertreffen. Im Mittelpunkt steht mit Leonora eine Figur, die in Romanen eher selten zur Hauptperson wird.
Sonja Sophie Kreis | DAS GROSSE EIS | Rowohlt Berlin Verlag
Anna hat ihren Bruder seit vierzig Jahren nicht mehr gesehen. Nach dem Tod der Eltern reist sie nach Grönland, wo er zurückgezogen lebt. Während sie in einem Hotel auf ihn wartet, erinnert sie sich an ihre Kindheit. Sonja Sophie Kreis verbindet die Familiengeschichte mit den Nachwirkungen des Zweiten Weltkriegs. Annas deutsche Mutter heiratete in den 1950er-Jahren in die Schweiz, wo sie auf Ablehnung stiess. Grönland und das deutsch-schweizerische Grenzgebiet bilden dabei die beiden Schauplätze eines Romans über Familie, Erinnerung und Distanz.
Sarah Elena Müller | UNWUCHT | Limmat Verlag
Alice und Rio lernen sich während des Kunststudiums kennen. Während Rio zunehmend in Drogensucht und kleinkriminelle Strukturen gerät, hält Alice an der Beziehung fest. Sieben Jahre später sucht sie ihn erneut auf. Inzwischen schreibt sie über ihre gemeinsame Geschichte und stellt sich dabei auch die Frage, was sich über eine Beziehung erzählen lässt und wo die Grenzen des Erzählens liegen. Sarah Elena Müller verbindet diese Auseinandersetzung mit einem genauen Blick auf emotionale Abhängigkeit.