Eine kerngesunde Mutter plant ihren Tod, die Tochter soll gefälligst dabei sein – und Katja Früh macht daraus einen Roman, bei dem man immer wieder laut herauslachen muss. Doch VIELLEICHT IST DIE LIEBE SO ist weit mehr als eine rabenschwarze Satiere. Frühs Romandebüt ist ein erstaunlich kluges, genau beobachtetes Buch über Mütter und Töchter, alte Verletzungen, Selbstbestimmung und darüber, was Liebe vielleicht tatsächlich bedeutet.
VIELLEICHT IST DIE LIEBE SO – Todernst und zum Schreien komisch
Ein Todesdatum zum Eintragen
«Der Termin ist am 18. Februar um vier. Trag dir das ein!» Mit dieser Ankündigung konfrontiert Anjas Mutter ihre Tochter – während sie genüsslich eine Won-Ton-Suppe isst. Gemeint ist nicht der Zahnarzt oder der Friseur, sondern der eigene Tod. Die Mutter ist keineswegs todkrank, sie leidet auch nicht unter unerträglichen Schmerzen. Im Gegenteil: Sie ist für ihr Alter topfit. Trotzdem hat sie beschlossen, mit Sterbehilfe aus dem Leben zu scheiden. Der Termin steht, selbst Trauerfeier, Leichenschmaus und Musik werden minutiös geplant.
Und natürlich soll auch beim Sterben alles stimmen. Die Mutter will in einem schönen Kleid, frisch frisiert und mit frisch gemachten Zähnen aus dem Leben gehen. Selbst der Tod wird zur Inszenierung. Es ist zum Schreien komisch – und gleichzeitig vollkommen folgerichtig für diese Frau, die sich selbst als jemanden versteht, der seine Würde bewahren will. Würde bedeutet für sie vor allem: selbst bestimmen. Auch darüber, wann und wie sie von der Bühne des Lebens abtritt.
Doch Katja Früh macht es sich nicht einfach. Ist diese Haltung tatsächlich Ausdruck radikaler Selbstbestimmung? Oder ist sie auch Ausdruck eines Egoismus, der die Menschen rundherum zwingt, eine Entscheidung mitzutragen, die eigentlich nur die Mutter selbst betrifft? Genau diese Ambivalenz macht den Roman so intelligent. Der Verlag selbst fasst die entscheidende Frage treffend zusammen: Ist dieses Sterben selbstbestimmt, egoistisch, angemessen – oder schlicht verrückt?
Eine Mutter, die fordert, was sie selbst nie gegeben hat
Denn selbstverständlich erwartet die Mutter, dass Anja bei ihrem Tod anwesend ist. Ausgerechnet Anja. Jene Tochter, um die sie sich während deren Kindheit keineswegs mit besonderer Hingabe gekümmert hat. Das hindert sie allerdings nicht daran, Anja permanent vorzuwerfen, sie kümmere sich zu wenig um ihre Mutter. Überhaupt versteht sie es meisterhaft, ihre Tochter kleinzumachen. Was Anja tut, ist selten richtig, was sie erreicht hat, selten genug. Besonders die Tatsache, dass Anja nicht mehr als Schauspielerin arbeitet, sondern in einer Bar, empfindet die Mutter als persönliche Kränkung und Schande. Früh zeigt mit grosser Präzision, wie sich solche ständigen Herabsetzungen über Jahrzehnte in einen Menschen einschreiben.
Das Perfide daran: Die Mutter stilisiert sich gleichzeitig gern zur Vernachlässigten. Sie behauptet, Anja interessiere sich nicht für sie, obwohl sie selbst ihrer Tochter vieles schuldig geblieben ist. Eine groteske Umkehrung der Rollen, die komisch wirken kann und doch einen schmerzhaften Kern besitzt. Und als wäre die verlangte Begleitung beim eigenen Tod nicht Zumutung genug, hat die Mutter noch eine weitere, geradezu unglaubliche Forderung an ihre Tochter. Welche das ist, soll hier nicht verraten werden.
Zum Lachen – und trotzdem nicht oberflächlich
Lustvoller ist dem Thema Sterbehilfe wohl noch niemand begegnet. Katja Früh nimmt dem Tod nichts von seiner existenziellen Dimension – und erlaubt sich trotzdem, ihn mit einer geradezu befreienden Komik zu betrachten. Situationen kippen unvermittelt ins Absurde, Dialoge sitzen messerscharf und immer wieder muss man beim Lesen tatsächlich laut herauslachen. Dass eine Frau ihren freiwilligen Tod mit derselben Sorgfalt vorbereitet wie andere einen grossen gesellschaftlichen Auftritt, hat etwas herrlich Groteskes. Kleid, Frisur, Zähne, Menüfolge – bis zum letzten Moment soll nichts dem Zufall überlassen bleiben. Da Früh nie bloss auf die Pointe aus ist, funktioniert dieser Humor so gut. Hinter nahezu jeder komischen Situation lauert eine ernsthafte Frage. Über den Tod. Über Verantwortung. Über die Familie. Über Schuld. Und immer wieder über die Liebe.
Warum Anja sich immer wieder unterordnet
Besonders klug ist, wie Katja Früh Anjas Verhältnis zur Mutter nicht isoliert betrachtet. Was Anja dort gelernt hat, scheint sich längst in ihr eigenes Liebesleben eingeschrieben zu haben. Da ist Carlos, ihr Exfreund. Noch immer zieht es Anja zu ihm, gerade wenn etwas Bedeutendes geschieht. Und auch in dieser Beziehung hat sie sich untergeordnet, hat versucht, Carlos das Leben möglichst angenehm zu machen, sich um ihn gekümmert, seine Bedürfnisse vor die eigenen gestellt, wie sie permanent versucht hat, «es ihm schön und bequem zu machen». Das ist kein nebensächliches Detail. Es erzählt viel darüber, wie Anja Liebe versteht. Wer von klein auf gelernt hat, dass Anerkennung davon abhängt, sich anzupassen, zu gefallen und die Bedürfnisse anderer wichtiger zu nehmen als die eigenen, trägt dieses Muster weiter. Katja Früh sagt über ihre Protagonistin selbst, Anja erlebe Liebe als eine Form der Ausbeutung, weil sie nichts anderes kenne. Genau deshalb glaube sie vielleicht, Liebe sei eben so.
Und trotzdem kann man diese Mutter nicht hassen
Das vielleicht Erstaunlichste an VIELLEICHT IST DIE LIEBE SO ist jedoch, dass man diese Mutter trotz allem nicht einfach unsympathisch findet. Sie ist herrisch, egozentrisch, manipulativ und übergriffig – der Verlag charakterisiert sie selbst ausdrücklich so. Und doch macht Katja Früh aus ihr keine Karikatur und schon gar kein Monster. Das hat mit der aussergewöhnlichen Beobachtungsgabe der Autorin zu tun. Früh schaut sehr genau hin. Sie sieht die Lächerlichkeit ihrer Figuren, aber sie stellt sie niemals bloss. Sie erkennt ihre Schwächen, ohne sie darauf zu reduzieren. Und man spürt dabei eine grosse Liebe zu den Menschen. So bleibt dann auch diese Mutter ein Mensch, nicht bloss eine Ansammlung schlechter Eigenschaften. Man kann über sie den Kopf schütteln, sich über sie aufregen und im nächsten Moment über sie lachen. Vielleicht erkennt man sogar etwas von sich selbst in ihr. Denn wer ist schon frei von Egoismus, Eitelkeit, Selbsttäuschung oder dem Bedürfnis, die eigene Geschichte so zurechtzulegen, dass man darin möglichst gut wegkommt?
Vielleicht ist die Liebe tatsächlich so
VIELLEICHT IST DIE LIEBE SO handelt deshalb nur vordergründig von Sterbehilfe. Im Kern handelt der Roman vom Leben – und davon, was Menschen einander antun und trotzdem füreinander empfinden können. Darf ein Mensch selbst entscheiden, wann er sterben möchte, auch wenn er gesund ist? Was bedeutet Würde überhaupt? Ist es würdevoll, selbst den Zeitpunkt des Todes festzulegen? Oder endet die eigene Selbstbestimmung dort, wo man andere zwingt, diesen Entschluss emotional mitzutragen? Was schulden Kinder ihren Eltern? Und was schulden Eltern ihren Kindern? Katja Früh beantwortet diese Fragen glücklicherweise nicht plakativ. Sie lässt sie im Raum stehen und schickt ihre Figuren mitten hindurch.
Anja diskutiert, zweifelt, erinnert sich, sucht Rat bei Freunden, bei ihrem Therapeuten und bei Menschen aus ihrer Vergangenheit. Neben Carlos taucht Benjamin wieder auf, der nach Jahren in London zurückkehrt. Und nach und nach wird aus der scheinbar absurden Geschichte einer Frau, die ihren Tod organisiert, das Porträt einer ganzen Familie und ihrer Verletzungen. Dass Früh seit Jahrzehnten fürs Theater und Fernsehen schreibt und inszeniert, merkt man dabei auf jeder Seite: Die Dialoge haben Rhythmus, die Situationen Timing, die Figuren stehen sofort vor einem. VIELLEICHT IST DIE LIEBE SO ist ihr erster Roman, erschienen bei Diogenes – und ein erstaunlich souveränes Debüt. Nur schade, dass Früh uns nicht schon viel früher mit Romanen verwöhnt hat.
Fazit
VIELLEICHT IST DIE LIEBE SO ist ein ebenso grossartiges wie unterhaltsames Buch und eine dringende arttv.ch-Empfehlung – auch deshalb, weil zwischen all den Zumutungen, Verletzungen, Abhängigkeiten, dem Egoismus und sogar dem geplanten Tod immer wieder etwas aufscheint, das man beinahe übersehen könnte: die Liebe. Auch der Alkoholismus spielt dabei eine wichtige Rolle: Anjas Vater, einst Dirigent, verfiel dem Alkohol, und auch einer der Stammgäste in der Bar ist Alkoholiker. Doch selbst hier lässt Katja Früh nie nur die Tragik vorherrschen. Sie findet auch im Scheitern, in der Abhängigkeit und im Anderssein eine eigentümliche Schönheit und begegnet ihren Figuren mit Wärme, ohne sie zu verklären. Vielleicht ist die Liebe tatsächlich so.