13’004 vor Christus, ein Haselnuss-Stecken namens Navitimer und ein Feuerversicherungsagent aus Grenchen: Der Bündner Autor verwandelt die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst in eine furios erfundene Chronologie zwischen Bildungsbuch und komplettem Irrsinn. Wer ein seriöses Fachbuch erwartet, wird enttäuscht. Zu lesen gibt es vielmehr einen Roman in typisch Caveltyscher Manier.
Als Breitling die Zeit erfand
Gion Mathias Cavelty schreibt in einem vermeintlichen Sachbuch die Schweizer Uhrengeschichte neu.
Ein Haselnuss-Stecken namens Navitimer
Wer bei einem Buch mit dem Titel «Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst» eine seriöse Abhandlung über Genfer Uhrmacher, komplizierte Werke und die Erfolgsgeschichte von Rolex, Omega oder Breitling erwartet, dürfte bereits auf den ersten Seiten die Kontrolle über das Zeitgefühl verlieren. Gion Mathias Cavelty beginnt seine Schweizer Uhrengeschichte nämlich im Jahr 13’004 vor Christus. Damals stellt der 37-jährige Grencher Feuerversicherungsagent Lionel Breitling fest, dass die Sonne erstaunlicherweise immer wieder auf- und untergeht. Seine bahnbrechende Reaktion: Er wirft bei Sonnenaufgang einen Haselnuss-Stecken namens Navitimer in die Luft.
Die Schweizer Präzision gerät aus den Fugen
Von hier an nimmt das vermeintliche Sachbuch seinen sehr eigenen Lauf. Cavelty konstruiert eine vollständig erfundene Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst und lässt reale Markennamen, historische Anspielungen und haarsträubenden Unsinn so selbstverständlich aufeinanderprallen, dass man sich irgendwann beinahe fragt, ob es die «Breguetschen Brusthaarkriege» vielleicht doch gegeben haben könnte. Auch Hublot erhält eine Vergangenheit im Aztekenreich, ein Gottesteilchen-Antrieb steht zur Diskussion und eine Omega Cubitus schafft es bis zu einer Audienz beim Gottkaiser Piponzio – bevor sie ausgerechnet dort stehen bleibt. Selbst die Frage, welche Rolle ein Walpenis für eine der bekanntesten Schweizer Uhren gespielt haben soll, findet Eingang in Caveltys alternative Weltgeschichte. Das funktioniert, weil Cavelty nicht einfach ein paar Uhrenwitze aneinanderreiht. Hinter dem Nonsens steckt ein genau gebautes Spiel mit dem Pathos, das Luxusmarken gerne um ihre eigene Geschichte errichten: Herkunft, Tradition, Genialität, Präzision und die fast mythische Verehrung technischer Errungenschaften werden lustvoll durch den Fleischwolf gedreht.
Cavelty kann auch Fachliteratur – irgendwie
Der 1974 in Chur geborene Schriftsteller ist für solche literarischen Grenzüberschreitungen bestens gerüstet. Mit Büchern wie «Endlich Nichtleser», «Der Tag, an dem es 449 Franz Klammers regnete», «Lucifer» oder zuletzt «Die Bibel» hat er sich längst als Spezialist für intelligenten Unsinn, groteske Überhöhung und das lustvolle Unterwandern ehrwürdiger Stoffe etabliert. Nun kommt eine weitere Leidenschaft hinzu: Cavelty ist bekennender Armbanduhrenfanatiker. Mit «Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst» betritt er erstmals das Terrain der – selbstverständlich fiktiven – Fachliteratur. Das Resultat verspricht ein Buch für Menschen zu werden, die Schweizer Uhren lieben – und ebenso für jene, die den ganzen Kult um mechanische Meisterwerke, Traditionshäuser und astronomische Verkaufspreise mit einer gewissen Belustigung betrachten. Wahrscheinlich profitieren jene am meisten, die beides gleichzeitig können.