13 004 vor Christus, ein Haselnuss-Stecken namens Navitimer und ein Feuerversicherungsagent aus Grenchen: Der Bündner Autor verwandelt die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst in eine furios erfundene Chronologie zwischen Bildungsbuch und komplettem Irrsinn. Wer ein seriöses Fachbuch erwartet, wird enttäuscht. Zu lesen gibt es vielmehr einen Roman in typisch Caveltyscher Manier.
ALS BREITLING DIE ZEIT ERFAND
- Publiziert am 16. September 2026
Gion Mathias Cavelty schreibt in einem vermeintlichen Sachbuch die Schweizer Uhrengeschichte neu.
Sechs «zeitlose» Fragen an den Autor
1. Der Titel klingt nach einem seriösen Sachbuch, tatsächlich ist es ein Roman voller erfundener Uhrengeschichte. Was reizt dich daran, Fakten und völligen Unsinn so konsequent ineinanderlaufen zu lassen?
Ich glaube nicht, dass irgendjemand überhaupt etwas weiss. Respektive: Wenn jemand etwas zu wissen meint, ist es garantiert falsch. Es ist sehr gut möglich, dass ich dieses Buch gar nie geschrieben habe und auch nie schreiben werde. Vielleicht habe ich es aber auch schon 93 Mal geschrieben.
2. Die Schweizer Uhrenindustrie lebt stark von Tradition, Präzision und Mythos. Wie viel Satire steckt in deinem Buch auf diese sehr schweizerische Form der Selbstinszenierung?
Satire darf nicht nur alles, wie einmal jemand gesagt hat, sondern sie MUSS alles. Jeder einzelne Buchstabe muss in der Absicht niedergeschrieben werden, alles über den Haufen zu werfen, jegliche Tradition, jegliche Präzision, jeglichen Mythos; auch sich selber. (Gleichzeitig bin ich froh, im Restaurant einen gebratenen Hummer serviert zu bekommen, wenn ich einen solchen bestellt habe, und kein gekochtes Telefon. Salvador Dalí, der Schöpfer der geschmolzenen Uhr, wollte das ja. Unverständlich – ein Hummer schmeckt doch viel besser als ein Telefon.)
3. Du bist selbst Uhrenfan. Macht es mehr Spass, sich über etwas lustig zu machen, das man liebt – oder ist gerade das besonders heikel?
Bei aller Liebe: Uhren sind dumm. Sie machen genau das, was du willst. Du ziehst sie auf, sie beginnen zu laufen. Nur deine Gnade hält sie am Ticken. Ich träume von der Uhr, die konsequent die falschestmögliche Zeit anzeigt.
4. Wie gehst du beim Schreiben vor: Recherchierst du zuerst reale Uhrengeschichte und verdrehst sie dann ins Absurde – oder entsteht der Irrsinn zuerst und die Realität wird nachträglich eingebaut?
Deine Frage lässt darauf schliessen, dass du an ein Vorher und ein Nachher glaubst. Auch ich komme nie ganz von dieser Misskonzeption los, wie ich beim Durchlesen meiner Antworten zerknirscht feststellen muss. Dabei hat Czapek der Grosse doch ganz klar gesagt: «Für den, der darüber nachgrübelt, was vorher und was nachher ist, wäre es besser, er wäre nie geboren worden.»
5. Gibt es eine erfundene Episode oder eine Uhr in diesem Buch, bei der du selbst dachtest: Eigentlich schade, dass das nicht wirklich passiert ist?
Ja, ich finde es sehr schade, dass der Fribourger Uhrmacher Fecit-Perfecit Journe anno 1641 die durch Mops-Fürze angetriebene Kirchturmuhr nicht erfunden hat, wie er es in meinem Buch tut.
6. Welche Schweizer Uhrenmarke dürfte dich nach diesem Buch am ehesten verklagen – und welche würde dir vermutlich eine Uhr schenken?
Ich würde sehr, sehr gerne von Rolex verklagt werden. Das wäre einfach wundervoll. Vom Traum, dass mir irgendeine Marke eine Uhr schenkt, habe ich mich schon lange verabschiedet. Dabei würde ich alles dafür tun!
Ein Haselnuss-Stecken namens Navitimer
Wer bei einem Buch mit dem Titel «Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst» eine seriöse Abhandlung über Genfer Uhrmacher, komplizierte Werke und die Erfolgsgeschichte von Rolex, Omega oder Breitling erwartet, dürfte bereits auf den ersten Seiten die Kontrolle über das Zeitgefühl verlieren. Gion Mathias Cavelty beginnt seine Schweizer Uhrengeschichte nämlich im Jahr 13 004 vor Christus. Damals stellt der 37-jährige Grencher Feuerversicherungsagent Lionel Breitling fest, dass die Sonne erstaunlicherweise immer wieder auf- und untergeht. Seine bahnbrechende Reaktion: Er wirft bei Sonnenaufgang einen Haselnuss-Stecken namens Navitimer in die Luft.
Die Schweizer Präzision gerät aus den Fugen
Von hier an nimmt das vermeintliche Sachbuch seinen sehr eigenen Lauf. Cavelty konstruiert eine vollständig erfundene Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst und lässt reale Markennamen, historische Anspielungen und haarsträubenden Unsinn so selbstverständlich aufeinanderprallen, dass man sich irgendwann beinahe fragt, ob es die «Breguetschen Brusthaarkriege» vielleicht doch gegeben haben könnte. Auch Hublot erhält eine Vergangenheit im Aztekenreich, ein Gottesteilchen-Antrieb steht zur Diskussion und eine Omega Cubitus schafft es bis zu einer Audienz beim Gottkaiser Piponzio – bevor sie ausgerechnet dort stehen bleibt. Selbst die Frage, welche Rolle ein Walpenis für eine der bekanntesten Schweizer Uhren gespielt haben soll, findet Eingang in Caveltys alternative Weltgeschichte. Das funktioniert, weil Cavelty nicht einfach ein paar Uhrenwitze aneinanderreiht. Hinter dem Nonsens steckt ein genau gebautes Spiel mit dem Pathos, das Luxusmarken gerne um ihre eigene Geschichte errichten: Herkunft, Tradition, Genialität, Präzision und die fast mythische Verehrung technischer Errungenschaften werden lustvoll durch den Fleischwolf gedreht.
Cavelty kann auch Fachliteratur – irgendwie
Der 1974 in Chur geborene Schriftsteller ist für solche literarischen Grenzüberschreitungen bestens gerüstet. Mit Büchern wie «Endlich Nichtleser», «Der Tag, an dem es 449 Franz Klammers regnete», «Lucifer» oder zuletzt «Die Bibel» hat er sich längst als Spezialist für intelligenten Unsinn, groteske Überhöhung und das lustvolle Unterwandern ehrwürdiger Stoffe etabliert. Nun kommt eine weitere Leidenschaft hinzu: Cavelty ist bekennender Armbanduhrenfanatiker. Mit «Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst» betritt er erstmals das Terrain der – selbstverständlich fiktiven – Fachliteratur. Das Resultat verspricht ein Buch für Menschen zu werden, die Schweizer Uhren lieben – und ebenso für jene, die den ganzen Kult um mechanische Meisterwerke, Traditionshäuser und astronomische Verkaufspreise mit einer gewissen Belustigung betrachten. Wahrscheinlich profitieren jene am meisten, die beides gleichzeitig können.
Fazit
Gion Mathias Cavelty macht aus Schweizer Präzision gepflegten Wahnsinn. Mit unbeirrbarem Ernst erfindet er eine Uhrengeschichte, in der Breitling, Hublot, Breguet oder Rolex samt Fachjargon, Referenznummern und Markenmythen durch den literarischen Fleischwolf gedreht werden. Eine lustvolle Ladung Irrsinn, deren Konsequenz den Reiz ausmacht. Ein herrlich respektloses Buch über Uhren, Luxus, Marketing und die sehr schweizerische Liebe zur eigenen Tradition. Und wer weiss: Vielleicht wäre ja alles ganz anders gekommen, wenn der Herr, der den Lippenstift für Kühe erfunden hatte, damit finanziell nicht gescheitert wäre.