Eigentlich war die Geschichte für das Fernsehen gedacht. Doch auch zwischen zwei Buchdeckeln entfaltet «Gunni» eine faszinierende Wucht. Mit viel Humor, Tempo und einem feinen Gespür für die Absurditäten des Alltags erzählt Lara Stoll von einer jungen Frau, die zwischen Clubnächten, Therapiesitzungen und Existenzängsten verzweifelt versucht, ihr Leben auf die Reihe zu bekommen.
Lara Stoll schickt ihre Antiheldin ins Chaos
- Publiziert am 11. Juni 2026
Mit «Gunni» veröffentlicht die preisgekrönte Spoken-Word-Künstlerin eine turbulente «Dramödie» über das Scheitern im Grossstadtdschungel.
Eine Heldin mit Hang zum Absturz
Géraldine, genannt Gunni, hat ihr Leben nur bedingt im Griff. Nach einer weiteren durchzechten Nacht stolpert sie mittags aus dem Club und begegnet ausgerechnet jenem Bademeister, der ihr tags zuvor versehentlich ein blaues Auge verpasst hat. Die Bandprobe sagt sie kurzerhand ab – nicht zum ersten Mal. Immerhin schafft sie es noch rechtzeitig zu ihrem Therapeuten, der sie eigentlich längst vor die Tür setzen wollte. Auch beruflich bewegt sich Gunni auf dünnem Eis. Ausgerechnet sie moderiert beim Radio eine Coaching-Morgensendung für Anrufende, obwohl sie selbst unter panischer Telefonangst leidet. Zwischen Drogenproblemen, Beziehungschaos, Selbstzweifeln und spontanen Tanzeinlagen kämpft sie sich durch einen Alltag, der ständig aus dem Ruder zu laufen droht.
Komisch, traurig und erschreckend nah an der Realität
Was zunächst wie eine skurrile Komödie wirkt, entpuppt sich schnell als präzise Beobachtung einer Generation, die zwischen Selbstoptimierung, Überforderung und Orientierungslosigkeit ihren Platz sucht. Lara Stoll verbindet absurde Situationen und pointierte Dialoge mit ernsten Themen wie psychischer Belastung, Einsamkeit und der Sehnsucht nach Halt. Dabei begegnet sie ihren Figuren mit grosser Sympathie. Gunni ist keine klassische Heldin. Sie scheitert, macht Fehler und sabotiert sich immer wieder selbst. Nicht zuletzt dadurch wirkt sie glaubwürdig und nahbar.
Vom Drehbuch zum Buch
Ursprünglich entstand «Gunni» als sechsteilige Mini-Serie für das Schweizer Fernsehen. Dass das Projekt nie verfilmt wurde, ist zwar bedauerlich, doch die Geschichte funktioniert auch als Buch, möglicherweise sogar besser. Die literarische Form gibt Lara Stolls unverwechselbarer Sprache zusätzlichen Raum und lässt ihre Figuren noch unmittelbarer wirken. Ergänzt wird der Band durch die Illustrationen von Mahtola Wittmer. Die Künstlerin, die unter anderem mit dem Manor Kunstpreis Zentralschweiz ausgezeichnet wurde, schafft Bildwelten, die den eigenwilligen Ton der Erzählung stimmig aufnehmen.
Eine unverwechselbare Stimme der Schweizer Kulturszene
Lara Stoll zählt seit Jahren zu den eigenständigsten Künstlerinnen der Schweiz. Die ehemalige Poetry-Slam-Europameisterin wurde 2021 mit dem Salzburger Stier ausgezeichnet und bewegt sich erfolgreich zwischen Literatur, Performance, Film und Musik. Mit ihren Arbeiten überschreitet sie regelmässig Genregrenzen und entwickelt dabei eine unverwechselbare künstlerische Handschrift. Mit «Gunni» legt sie nun ein Buch vor, das ebenso unterhaltsam wie treffend vom modernen Lebensgefühl erzählt. Eine Geschichte voller Chaos, Widersprüche und komischer Momente – eine, in der sich viele Leser:innen wiederfinden dürften.