Was bleibt, wenn ein Mensch fehlt? Mit Das Jahr des Kalks, erschienen im Dörlemann Verlag, legt die Ostschweizer Autorin Laura Vogt einen Roman vor, der das Weiterleben nach einem Verlust in radikaler Zurückhaltung erzählt – leise, präzise und von einer Natur durchzogen, die keinen Trost verspricht, aber Einsicht und neue Perspektiven eröffnet, während die Erzählerin sich langsam ihren eigenen Weg zurück ins Leben bahnt.
«Das Jahr des Kalks» – Ein Roman über Trauer, Natur und Neubeginn
- Publiziert am 13. Februar 2026
Laura Vogt, geboren 1989 in der Ostschweiz, studierte Kulturwissenschaften an der Universität Luzern und Literarisches Schreiben am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel. Bisher erschienen von ihr die Romane «Die liegende Frau» (2023), «Was uns betrifft» (2020) und «So einfach war es also zu gehen» (2016). Ihre Arbeiten wurden mit diversen Werkbeiträgen und Stipendien ausgezeichnet und teilweise auf Englisch übersetzt. Sie lebt mit ihrer Familie in der Nähe von St. Gallen.
«Laura Vogt verbindet auf elegante, höchst raffinierte Weise das Grosse mit dem Kleinen, die Geschichte der Erde mit jener der Familie. Und taucht ein in das, was uns alle bewegt: Wie sind wir die geworden, die wir sind? Was für ein schönes, trauriges, beglückendes Buch.» - Zora del Buono
Verwandlung durch Verlust
Dramatische Zuspitzungen oder klassische Spannungsbögen meidet der Text konsequent. Stattdessen folgt er einer inneren Bewegung: Erinnerungen steigen auf, überlagern die Gegenwart, lösen sich wieder auf. Die Zeit scheint gedehnt, beinahe entrückt. Trauer erscheint hier nicht als eruptives Ereignis, sondern als neuer Zustand des Daseins. Die namenlose Protagonistin sucht keine schnellen Antworten; sie hält aus. In dieser beharrlichen Langsamkeit entfaltet der Roman seine eigentliche Kraft. Er interessiert sich weniger für das Ereignis selbst als für dessen Nachhall – für die feinen Verschiebungen im Denken, Fühlen und Wahrnehmen.
Natur als Erkenntnisraum
Die Natur bildet den Resonanzraum dieser inneren Prozesse. Wälder, Gestein und Wetter sind mehr als atmosphärische Kulisse; sie strukturieren das Erzählen. Besonders das Motiv des Kalkbrennens wird zum poetischen Zentrum: Hitze, Zerfall, Umwandlung. Aus festem Stein wird Staub – und aus Staub entsteht Neues. Diese Metamorphose wirkt nicht plakativ, sondern prägt Rhythmus und Bildlichkeit des Romans. Vogts Sprache bleibt kontrolliert und präzise. Kurze, klare Sätze verhindern Pathos und verleihen dem Text eine stille Intensität. Gerade in der Reduktion liegt seine literarische Qualität. Neubeginn erscheint nicht als Befreiungsschlag, sondern als kaum wahrnehmbare Verschiebung – ein veränderter Blick, eine vorsichtige Rückkehr ins Leben. So gelingt Laura Vogt ein konzentriertes Buch über Trauer als Prozess der Verwandlung – und über die fragile Hoffnung, dass im Zerfall bereits der Keim eines neuen Anfangs liegt.