Ein Mann, der sein Leben lang vom Witz lebte, veröffentlicht plötzlich einen Roman über einen Unfall, eine Familie und die Zumutung des Weiterlebens –und überrascht mit seinem Erslting eine ganze Branche.
Domenico Blass legt mit «Freier Fall» seinen ersten Roman vor
Lachen als Lebensunterhalt
Seit er das Gymnasium abgeschlossen hat, lebt Domenico Blass vom Schreiben: zuerst für Werbekunden, dann für Medien, später für Fernsehen, Kino und Bühne. Die Texte wurden länger, die Themen persönlicher, das Ziel blieb erstaunlich konstant – unterhalten, zum Lachen bringen, Leichtigkeit erzeugen. Wer seinen Namen liest, rechnet mit Humor, mit einer Pointe, mit einem eleganten Ausweg aus dem Ernst. Dieser Weg führte jedoch nicht zu Distanz, sondern zu immer mehr Nähe. Wer über Jahre hinweg Unterhaltung produziert, weiss, wie viel Realität darin steckt – und wie dünn die Linie ist, die das Komische vom Ernsthaften trennt.
Ein Roman ohne Sicherheitsnetz
Und dann das: ein Romandebüt. Kein Gag-Feuerwerk, kein ironischer Sicherheitsabstand, sondern ein Ernstfall. In Freier Fall geht es um eine junge Frau, die beim Basejumping schwer verunfallt und querschnittgelähmt ist – und um ihre Eltern, die mit diesem Einschnitt völlig unterschiedlich umgehen. Die Mutter akzeptiert, organisiert, sucht pragmatische Lösungen. Der Vater hadert, verweigert sich dem Endgültigen und setzt seine Hoffnung auf neue Technologien. Zwei Haltungen, ein Schmerz – und die Frage, wie Nähe möglich bleibt, wenn das gemeinsame Leben aus den Fugen gerät. Humor ist dabei nicht verschwunden, aber er hat die Funktion gewechselt: Er hilft, durchzuhalten, nicht zu lachen.
Eine Ausnahme mit Fragezeichen
Dass ausgerechnet ein Autor, der jahrelang für das kollektive Lachen zuständig war, nun rund 450 Seiten Ernst vorlegt, wirkt weniger widersprüchlich, als es scheint. Freier Fall ist kein Buch über Technik oder Behinderung, sondern über Beziehungen unter Druck, über Elternliebe, Überforderung und den mühsamen Versuch, gemeinsam weiterzuleben. Und doch bleibt ungewiss: Ist der Roman eine Ausnahme im Lebenswerk von Domenico Blass? Bleibt alles andere lustig, wie seine legendäre Hirschen-Soirée mit falschem Blocher und echtem Ackeret, der Essay fürs Opernhaus-Magazin mit Blick Richtung Boulevard-Theater, neue Theaterprojekte auf dem Schreibtisch? Der Witz macht Pause – aber er ist nicht weg.
Am Schluss bleibt die Frage, halb ernst, halb schelmisch: Ist dieser Roman sein Erstling – oder gleich auch sein Letztling?