Bevor ein Museum betreten wird, wird heute oft dessen Website besucht. Sie ist Eintrittskarte, Einladung und erste Vermittlung zugleich. Öffnungszeiten, aktuelle Ausstellungen, Tickets und das entscheidende Argument, warum sich ein Besuch lohnt, sollten in Sekunden erfassbar sein. Doch genau daran scheitern viele Kunsthäuser. Wir haben die Websites der grossen Deutschschweizer Player unter die Lupe genommen – nicht aus institutioneller, sondern aus konsequent publikumsorientierter Sicht.
Wie benutzerfreundlich sind die Websites der grossen Deutschschweizer Kunsthäuser?
- Publiziert am
Die Wertung im Überblick
★★★★★- Fondation Beyeler – internationaler Goldstandard, konsequent publikumsorientiert
- Kunstmuseum Liechtenstein – klar, reduziert, vorbildlich besucherorientiert
- Kunstmuseum Basel – strukturiert, reich an Inhalten, professionell
- Museum für Gestaltung Zürich – klare Führung, sehr gute UX
- Kunsthaus Zürich – professionell, aber zu komplex strukturiert
- Bündner Kunstmuseum (Graubünden) – funktional, mehrsprachig, aber kühl
- Kunstmuseum Winterthur – solide, aber ohne erzählerische Zuspitzung
- Kunstmuseum Luzern – gute Inhalte, schwache Gewichtung
- Aargauer Kunsthaus – reichhaltig, aber unübersichtlich
- Kunstmuseum St.Gallen – korrekt, aber spröde und publikumsfern
- Kunsthaus Aarau – administrativ korrekt, publikumsfern
- Kunsthaus Zug – unübersichtlich, textlastig, ohne klare Besucherführung
Institution schlägt Publikum – ein verbreitetes Grundproblem
Viele Museumswebsites folgen noch immer einer internen Logik: Abteilungen, Vermittlungsangebote, Sammlungsrubriken und Organisationsstrukturen sind gleichwertig nebeneinander gestellt. Für Besucher:innen bedeutet das: Orientierung kostet Zeit. Wer wissen will, was aktuell läuft, ob heute geöffnet ist und wie der Besuch konkret aussieht, muss sich oft durch mehrere Ebenen klicken. Digitale Vermittlung wird so zur Hürde statt zur Einladung. Aber wirklich nervig wird es, wenn die Webseiten selber Kunstwerke sein wollen und sich Grafiker:innen statt in den Dienst der Besucher:innen zu stellen, schamlos selbsttverwirklichen.
Der Tiefpunkt: Kunsthaus Zug
Am problematischsten präsentiert sich das Kunsthaus Zug. Die Website ist unübersichtlich, textlastig und ohne klare visuelle Hierarchie. Statt einer gezielten Besucherführung entfaltet sich beim Scrollen ein endloser Bandwurm aus Informationen: Inhalte reihen sich aneinander, ohne Gewichtung, ohne Pause, ohne klare Prioritäten. Orientierung entsteht so nicht – im Gegenteil. Aktuelle Ausstellungen stehen nicht im Zentrum, Besucherinformationen gehen im Strom der Inhalte unter. Stattdessen hat man den Eindruck, hier habe ein überambitioniertes Grafikbüro gewütet. Gestaltung wird zum Selbstzweck, Information zur Nebensache. Was aktuell gezeigt wird und weshalb sich ein Besuch lohnt, bleibt dabei erstaunlich unklar.
Solide Inhalte, schwache Führung: Aargauer Kunsthaus, Kunstmuseum St. Gallen und Kunstmuseum Luzern
Das Aargauer Kunsthaus verfügt über reichhaltige Inhalte, und ein breites Vermittlungsangebot. Doch diese Qualitäten verlieren sich in einer zu komplexen Navigation und einer Startseite ohne klare Gewichtung. Die Website wirkt grafisch komplett überladen. Besser das Kunstmuseum Luzern: programmatisch stark, digital jedoch zu stark aus der institutionellen Perspektive gedacht. Beide Häuser funktionieren administrativ – sie erzeugen aber wenig Sog. Auch das Kunstmuseum St.Gallen reiht sich hier ein. Die Website ist seriös, korrekt und inhaltlich solide, bleibt aber erstaunlich spröde. Ausstellungen sind zwar auffindbar, stehen jedoch nicht im Zentrum einer klaren Besucherführung. Visuelle Dramaturgie fehlt, mobile Nutzer:innen werden kaum abgeholt.
Funktional, aber kühl: Winterthur und Graubünden
Das Kunstmuseum Winterthur sowie das Bündner Kunstmuseum erfüllen die grundlegenden Anforderungen an eine Museumswebsite: Ausstellungen sind auffindbar, Besucherinformationen vorhanden, Mehrsprachigkeit wird ernst genommen – gerade in Graubünden ein wichtiger Punkt. Dennoch bleiben beide Auftritte nüchtern. Sie informieren zuverlässig, erzählen aber keine Geschichte und machen wenig Lust auf den spontanen Besuch.
Das Schwergewicht: Kunstmuseum Basel
Als ältestes öffentliches Kunstmuseum der Welt und internationale Referenz darf das Kunstmuseum Basel in dieser Analyse nicht fehlen. Die Website ist professionell, inhaltlich reich und mehrsprachig. Ausstellungen, Sammlung und Besuchsinfos sind sauber strukturiert und grundsätzlich gut auffindbar. Gleichzeitig zeigt sich hier exemplarisch das Dilemma grosser Institutionen: Die Startseite setzt stark auf Ordnung und Vollständigkeit, weniger auf Zuspitzung. Ein klarer visueller Fokus auf das «Jetzt im Museum» oder ein eindeutiger Besucher-Call-to-Action fehlt. Basel informiert vorbildlich – verführt aber zu wenig. Im Vergleich zur internationalen Benchmark bleibt Luft nach oben.
Die positiven Beispiele: Zürich zeigt, wie es gehen kann
Das Museum für Gestaltung Zürich überzeugt mit klarer Besucherführung, reduzierter Navigation und guter mobiler Nutzbarkeit. Die Bedürfnisse des Publikums stehen im Zentrum. Auch das Kunsthaus Zürich präsentiert seine Ausstellungen prominent und professionell, leidet jedoch unter einer zu komplexen Menüstruktur. Internationaler Massstab bleibt die Fondation Beyeler: Ausstellung zuerst, Besucherinfos sofort sichtbar, Design konsequent im Dienst der Kunst.
Der Gold-Stamdard: Kunstmuseum Liechtenstein und Fondation Beyeler
Bemerkenswert positiv fällt das Kunstmuseum Liechtenstein auf. Die Website ist klar strukturiert, visuell ruhig und konsequent auf Besucher:innen ausgerichtet. Aktuelle Ausstellungen stehen im Zentrum, Besuchsinformationen sind schnell auffindbar, die Navigation ist reduziert und verständlich. Ohne grossen Aufwand oder Effekthascherei gelingt hier, was vielen grösseren Häusern misslingt: eine Website, die Orientierung bietet, Vertrauen schafft und Lust auf einen Besuch macht. Ein stilles, aber überzeugendes Vorbild für digitale Vermittlung im Museumsbereich.
Gleiches gilt auch für die Fondation Beyeler. Die Website ist konsequent besucherorientiert: Aktuelle Ausstellungen stehen im Zentrum, begleitet von klaren Bildern, verständlichen Texten und eindeutigen Handlungsoptionen. Innerhalb weniger Sekunden ist erfassbar, was gezeigt wird und wie ein Besuch aussieht. Besucherinformationen wie Öffnungszeiten und Tickets sind jederzeit präsent, ohne zu dominieren. Die Navigation ist reduziert, logisch und auch mobil überzeugend. Design dient hier nicht der Selbstdarstellung der Institution, sondern der Kunst und dem Publikum. Die Website funktioniert als Verlängerung des Ausstellungserlebnisses – ruhig, präzise und selbstbewusst. Ein internationaler Goldstandard.
Warum digitale Vermittlung kein Nebenschauplatz ist
Websites sind längst kein Zusatzangebot mehr. Sie sind der erste Ausstellungsraum. Wer hier scheitert, verliert Publikum, bevor es überhaupt ankommt. Gerade öffentlich finanzierte Kunsthäuser sollten sich fragen, für wen sie kommunizieren: für ihre interne Struktur – oder für die Menschen, die sie erreichen wollen.
Fazit Die Analyse zeigt ein klares Bild: Die Deutschschweizer Kunsthäuser verfügen über starke Programme, einige verschenken aber digital viel Potenzial. Wo Besucherführung, visuelle Gewichtung und emotionale Ansprache fehlen, bleibt auch die Kunst auf Distanz.