Architektur

Verdichtung oder Verdrängung? Wenn Neubauten ersetzen

Soziale und bauliche Aspekte der städtischen Verdichtung durch Ersatzneubaten im Fokus

Um den drängenden Wohnraumbedarf in der Stadt Zürich zu decken, hat sich in den letzten 20 Jahren eine Praxis der städtischen Innenverdichtung mittels Ersatzneubauten etabliert. Anhand von vier aktuellen Zürcher Bauvorhaben und neun historischen Beispielen aus Europa, Nordamerika und Asien eröffnet die Ausstellung einen kritischen Blick auf die Begründungsmuster für Abriss und Neubau. Sie greift dabei die Stimmen der Bewohnenden auf und nimmt die sozialen Folgen in den Blick.

Eine Ausstellung der Studiengänge MAS GTA und MAS in Housing, D-ARCH, ETH Zürich Mit Gastbeiträgen von Countdown 2030, Mieten – Marta, Newrope/ETH Professur für Architektur und Urbane Transformation. Zu sehen sind zwei Hauptbeiträge und drei Gastbeiträge: «Ersatzneubau: Eine globale Geschichte» situiert den Fall Zürich historisch innerhalb von acht globalen Fallstudien, darunter Beijing und Glasgow, Minneapolis und Turin. «Ersatzneubau in Zürich» analysiert die Perspektive verschiedener Akteur:innen von vier geplanten Abrissprojekten in der Stadt Zürich. Zu Gast in der Ausstellung sind drei weitere, stärker auf Austausch mit Besucher:innen angelegte Projekte von Countdown 2030, Mieten-Marta und Newrope – ETH Professur für Architektur und Urbane Transformation.

Causa Zürich

In der Stadt Zürich hat sich in den letzten zwanzig Jahren eine zunehmend auch kritisch diskutierte Praxis der städtischen Verdichtung nach Innen mittels Ersatzneubauten etabliert, mit dem Ziel, Wohnraum zu schaffen, um den bestehenden Bedarf zu decken und das prognostizierte Bevölkerungswachstum aufzufangen. Die baulichen und sozialen Folgen sind dabei nur ansatzweise wissenschaftlich untersucht und öffentlich diskutiert und stehen im Zentrum dieser bemerkenswerten Ausstellung. Für die Stadt Zürich lässt sich seit den 2000er Jahren eine rasante bauliche Dynamik beobachten. Während die in den zurückliegenden Dekaden favorisierte horizontale Erweiterung der Stadt längst an ihre Grenzen gestossen ist und kaum Baulandreserven existieren, wird nunmehr aktiv eine nachhaltige Verdichtung nach Innen mittels Ersatzneubauten gefördert. Ziel ist es, mehr ressourcensparenden Wohnraum zu schaffen, um den bestehenden Bedarf zu decken und das prognostizierte Bevölkerungswachstum aufzufangen. Die Transformation ist tiefgreifend: So wird beispielsweise bis zu einem Drittel des Wohnungsbestandes des
Stadtteils Schwamendingen in den nächsten Jahrzehnten durch Neubauten ersetzt. Auch was denkmalpflegerisch geschützt ist, ist Verfügungsmasse.

Schlagworte als Zielvorgaben

Diese Veränderung von niedrig verdichteten zu hoch verdichteten Quartieren zieht grundlegende räumliche und soziale Veränderungen nach sich. Der Abriss von Bestandsbauten geht nicht selten mit dem Verlust besonders preisgünstigen Wohnraums und einer Verdrängung der bestehenden Wohnbevölkerung einher; mit einschneidenden Folgen insbesondere für vulnerable Gruppen wie Ältere, kinderreiche Familien und Personen mit niedrigeren Einkommen. Wie auch ihre Vorgängerinnen, bezieht sich die aktuelle Erneuerungswelle auf quantitative und wissenschaftliche Argumentationen: Waren es zu Beginn des 20. Jahrhunderts Versprechen von Hygiene, Tugend und Bezahlbarkeit, legitimieren heute die Schlagworte «Nachhaltigkeit», «Qualität» und «Diversität» Abriss und Neubau. Doch was als Handlung in einem Moment nur folgerichtig erscheinen mag, ist oft schon innerhalb weniger Jahrzehnte kaum mehr verständlich. «Verdichtung oder Verdrängung?» macht Zusammenhänge sichtbar und rückt Fragen in den Vordergrund. Die Ausstellung ist multiperspektivisch angelegt und liefert keine fertigen Antworten auf die brennenden Fragen, sondern zeigt auf, wie auch rational begründete Argumente stets historisch kontingent sind und Betroffene sowie Beteiligte die resultierende Transformation unterschiedlich begründen, deuten und erleben.

Neue Ausstellung

In einer komprimierten Form wird die Ausstellung «Verdichtung oder Verdrängung? Wenn Neubauten ersetzen» in die anschliessende Schau «Landschaftstadt Zürich. Nach der Gartenstadt» überführt. Diese von Daniel Bosshard, Meritxell Vaquer und Fabian Ruppanner kuratierte Ausstellung zeigt unter anderem Testplanungen der Stadt Zürich sowie alternative Entwurfsstrategien zur Verdichtung der Stadt, erarbeitet von Lehrstühlen Schweizer Hochschulen, und Beiträge von Architekt:innen im Spannungsfeld von Landschaft und Stadt.

Das ZAZ BELLERIVE Zentrum Architektur Zürich ist eine Plattform für baukulturelle Vermittlung, die sowohl einer breiten Öffentlichkeit als auch Expert:innen regelmässige Wechselausstellungen und ein vielseitig angelegtes Veranstaltungsprogramm im Themenfeld Architektur, Raum, Gesellschaft, Urbanismus und Umwelt bietet. Über partizipative Vermittlungsformate leistet das ZAZ BELLERIVE einen Beitrag zur Förderung baukultureller Bildung und Teilhabe und sensibilisiert interdisziplinär für Fragen der Raumqualität. Als Kompetenzzentrum für Baukultur setzt das ZAZ BELLERIVE Akzente in den aktuellen Diskursen zur urbanen Entwicklung und pflegt vielseitige Kooperationen zu sekundären und tertiären Bildungseinrichtungen, Kulturinstitutionen, Verbänden und diversen Anspruchs- und Interessengruppen. Die Trägerschaft des ZAZ BELLERIVE ist ein gemeinnütziger Verein. Der Betrieb wird geführt von einem vierköpfigen Team.

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