Buchers ikonische «Häutungen» – abgezogene Latexschichten von Wänden, Böden und Türen – machen Räume lesbar, legen ihre verborgenen Geschichten frei und übersetzen Architektur in Erinnerung. Raff setzt genau dort an und kippt die Bewegung: Sie überzieht Räume, macht sie weich, durchlässig, beinahe schützend. Aus Struktur wird Zustand, aus Distanz wird Nähe.
Raum wird Körper
- Publiziert am 4. Mai 2026
Zum 100. Geburtstag von Heidi Bucher (1926–1993) bringt das Kunst Museum Winterthur ihr Werk mit Liesl Raff (*1979) in eine sinnliche Gegenwart.
Kurzbiografien
Heidi Bucher wurde 1926 in Winterthur geboren und zählt zu den bedeutendsten Schweizer Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts. International bekannt wurde sie mit ihren «Häutungen», bei denen sie architektonische Oberflächen mit Latex abformte und als fragile, schimmernde Membranen abzog. Ihr Werk verbindet Performance, Skulptur und Installation und kreist um Themen wie Körper, Raum, Erinnerung und Transformation. Bucher lebte und arbeitete in der Schweiz, Spanien und den USA und verstarb 1993 in Brunnen.
Liesl Raff wurde 1979 in Österreich geboren und lebt in Wien. In ihren installativen Arbeiten untersucht sie die physische und emotionale Wirkung von Materialien, insbesondere Latex, das sie als formbare, sinnliche Substanz einsetzt. Raff gestaltet begehbare Räume, die zwischen Skulptur und Architektur oszillieren und Erfahrungen von Intimität, Schutz und Körperlichkeit erzeugen. Ihre Werke wurden international in Institutionen und im öffentlichen Raum gezeigt.
Zwischen Freilegen und Einhüllen
«Closer» denkt den Raum nicht als Hülle, sondern als Gegenüber. Während Heidi Bucher mit ihren Häutungen Architektur Schicht für Schicht abträgt und ihr eingeschriebenes Gedächtnis sichtbar macht, antwortet Liesl Raff mit einer gegensätzlichen Geste: Sie baut auf, polstert, verschiebt. Latex wird bei ihr nicht zur Spur, sondern zur Erfahrung – weich, dehnbar, körpernah. Daraus entsteht in der Winterthurer Ausstellung ein Spannungsfeld, das nicht aufgelöst wird. Härte trifft auf Nachgiebigkeit, Fragment auf Kontinuum. Beide Positionen vertrauen darauf, dass Material nicht nur Form trägt, sondern Bedeutung erzeugt – und dass sich Räume nicht nur sehen, sondern lesen und fühlen lassen.
Ein Ausstellungsraum, der zurückfühlt
Die Ausstellung selbst wird zur Inszenierung dieser Idee. Raff transformiert den White Cube in ein vielschichtiges Gefüge aus Stoff, Latex, Epoxid und Stahl – ein Setting, das sich dem Körper nicht entzieht, sondern ihn einbezieht. Böden reagieren, Oberflächen schimmern, Übergänge verschwimmen. Man bewegt sich nicht mehr durch Räume, sondern durch Zustände. In diese räumliche Choreografie sind Buchers frühe Arbeiten eingebettet: Zeichnungen, Seidencollagen und Frottagen, selten gezeigt und im Kunstmuseum Winterhtur bewusst aus dem Archiv gelöst. Sie erscheinen nicht als historische Referenz, sondern als lebendige Setzungen, die sich mit Raffs Eingriffen verbinden. «Closer» wird so zu einem Erfahrungsraum, in dem Nähe hergestellt wird – direkt, sinnlich und unausweichlich.

