Mit über 140 Werken von rund 55 Künstler:innen entfaltet die Ausstellung ein Panorama der Schweizer Malerei zwischen 1880 und 1930 – einer Zeit, in der sich die Kunst neu erfindet. Im Zentrum steht Hodler – jener Maler, der Landschaft, Körper und Komposition radikal vereinfachte und zu einer eigenständigen Bildsprache verdichtete. Doch die Ausstellung interessiert sich weniger für den Mythos als für seine Wirkung:
MODERNITÉ SUISSE – Hodler und die Explosion der Möglichkeiten
- Publiziert am 29. März 2026
Eine Ausstellung in Palais Lumière zeigt, wie Ferdinand Hodler nicht nur die Schweizer Malerei geprägt, sondern sie auch gesprengt hat.
Ursprung und Sprengkraft
Hodler ist hier nicht einfach Referenz, sondern Ausgangsdruck. Seine Malerei – geprägt von Vereinfachung, Wiederholung und einer fast musikalischen Ordnung – formuliert einen Anspruch: Welt lässt sich strukturieren, Bedeutung lässt sich sichtbar machen. Doch genau dieser Anspruch wird zur Herausforderung für die nächste Generation. Künstler wie Cuno Amiet oder Giovanni Giacometti nehmen Hodlers formale Klarheit auf, lösen sie jedoch zugleich auf. Farbe wird freier, Licht flirrend, Komposition offener. Die Ausstellung zeigt eindrücklich: Hodlers Einfluss wirkt nicht stabilisierend, sondern produktiv destabiliserend. Er schafft kein geschlossenes System, sondern einen Impuls – und dieser Impuls entfaltet seine Kraft gerade dort, wo er überschritten wird.
Bruchlinien der Moderne
Was «Modernité suisse» besonders überzeugend macht, ist ihr Verzicht auf eine lineare Erzählung. Stattdessen entsteht ein Geflecht von Positionen, die sich widersprechen, überlagern und gegenseitig infrage stellen. Neben Hodlers künstlerischem Erbe stehen radikal andere Haltungen: Félix Vallotton entwickelt eine kühle, beinahe schon analytische Bildsprache, während Ernst Ludwig Kirchner die Welt in nervöse, expressive Farb- und Linienrhythmen zerlegt. Gleichzeitig öffnet Alice Bailly mit experimentellen Techniken neue Zugänge zur Malerei. Hier wird deutlich: Die Moderne entsteht nicht aus einem Stil heraus, sondern aus Differenz. Aus Entscheidungen, die bewusst gegen Erwartungen arbeiten. Aus einer Kunst, die sich nicht festlegen lässt.
Die Schweiz als offenes Feld
Die Ausstellung korrigiert damit auch ein hartnäckiges Bild: jenes einer homogenen, eher zurückhaltenden Schweizer Kunst. Stattdessen zeigt sie ein erstaunlich dynamisches, international vernetztes Feld. Zwischen Symbolismus, Divisionismus und Expressionismus entfaltet sich eine Kunstlandschaft, die von Austausch, Reibung und Experiment geprägt ist. Die Schweiz erscheint nicht als Randzone, sondern als Durchgangsraum – ein Ort, an dem Einflüsse aufgenommen, transformiert und weiterentwickelt werden. Darin liegt die Aktualität dieser Schau. Sie macht sichtbar, dass kulturelle Identität nicht durch Abgrenzung entsteht, sondern durch Offenheit. Und dass künstlerische Stärke oft damit beginnt, wo Einheit unmöglich wird.
