Kunstmuseum Bern | Bundeskunsthalle Bonn | Bestandesaufnahme Gurlit | «Entartete Kunst» – Beschlagnahmt und verkauft

Das Kunstmuseum Bern eröffnet die Ausstellung «Bestandsaufnahme Gurlitt. ‹Entartete Kunst› – Beschlagnahmt und verkauft.»

Nachdem das Kunstmuseum Bern 2014 überraschend von Cornelius Gurlitt (1932–2014) in seinem Testament als Universalerbe eingesetzt wurde, zeigt das Berner Haus und die Bundeskunsthalle in Bonn nun unter dem Ausstellungstitel «Bestandsaufnahme Gurlitt» zeitgleich Teile dieses umfangreichen Bestandes, der zunächst als verschollener Raubkunst-Schatz bekannt geworden war.

Kunstfund Gurlitt
Ab November sind ausgewählte Gurlitt Werke erstmals für die Öffentlichkeit zugänglich. Die Ausstellungen in Bern und Bonn präsentieren eine erste, vorläufige Bestandsaufnahme des «Kunstfunds Gurlitt», der mit seinem Bekanntwerden im November 2012 Anlass zu zahlreichen Kontroversen gab. Der Nachlass des deutschen Kunsthändlers und Museumsmannes Hildebrand Gurlitt (1895– 1956) war in den Medien zunächst als verschollener Nazi-Schatz bekannt geworden. Nach kurzer Zeit ging es allerdings um ganz andere Fragen: Woher stammen diese Kunstwerke? Unter welchen Umständen hatte Gurlitt sie erworben? Wie konnte ein Fachleuten zumindest teilweise bekannter Bestand an Kunstwerken nach dem Tod Hildebrand Gurlitts im November 1956 ein Schattendasein führen?
Heute wissen wir: Der «Kunstfund Gurlitt» besteht aus mehr als 1‘500 Kunstwerken, die sich im Besitz von Cornelius Gurlitt (1932–2014), dem Sohn Hildebrand Gurlitts, befunden haben. In dessen Münchner und Salzburger Wohnungen wurden die Werke seit November 2012 aufgefunden. Cornelius Gurlitt setzte die Stiftung Kunstmuseum Bern überraschend als Alleinerbin ein und vermachte dem Museum damit einen umfangreichen Bestand an Kunstwerken aus dem Nachlass seines Vaters. Auf die Frage, warum das Kunstmuseum Bern die vorwiegend in den 1930er- und 1940er-Jahren erworbenen Werke erhielt, gibt es keine eindeutige Antwort, lediglich verschiedene Spekulationen. Allerdings verbanden die Gurlitts mit Bern geschäftliche Kontakte zu Galerien und Auktionshäusern.

Bestandsaufnahme
Mit dem Kunstfund tauchten vor allem zahlreiche Werke von Künstlern auf, die das NS-Regime als «entartet» diffamiert hatte und über deren Standort infolge der Beschlagnahmungen aus deutschen Museen lange Zeit Unsicherheit bestand. Eine Auswahl dieser Werke steht nun im Mittelpunkt der Ausstellung im Kunstmuseum Bern. Im Kunstfund dominieren Arbeiten auf Papier, d.h. Gouachen, Aquarelle, Farbholzschnitte, Zeichnungen und Druckgrafiken. Der überlieferte Bestand erlaubt Rückschlüsse auf die Kunstregionen und Strömungen, die Hildebrand Gurlitts Kunstverständnis prägten, und dokumentiert seine Vorlieben und Interessen als Sammler. Künstlerisch sozialisiert wurde Gurlitt durch die Berliner Moderne, die Künstlerinnen und Künstler der Sezession um Max Liebermann und Lovis Corinth. Den grössten Raum nehmen jedoch die modernen Bewegungen ein, die in Hildebrand Gurlitts Heimatstadt Dresden ihren Ursprung hatten: die Künstlergruppe Brücke, Künstler der Neuen Sachlichkeit und des Verismus, vor allem Otto Dix, aber auch George Grosz und Max Beckmann.
Doch «Bestandsaufnahme Gurlitt» heisst auch, die Erwerbungsumstände der überlieferten Arbeiten und das Agieren des Kunsthändlers Gurlitt im Kontext der nationalsozialistischen Kunstpolitik und des deutschen Kunstraubes nicht auszublenden. Der «Kunstfund» lenkte ein weiteres Mal die Aufmerksamkeit auf Fragen nach der Geschichte des Handels mit Kunst in einer Diktatur und der daraus resultierenden Verantwortung der Akteure, zu denen Hildebrand Gurlitt als staatlich bevollmächtigter «Verwerter» der beschlagnahmten Werke «entarteter» Kunst und Einkäufer für das «Führermuseum» in Linz zählte.

Kunst als Herrschaftsinstrument
Mit der Ausstellung «‹Entartete Kunst› – Beschlagnahmt und verkauft» möchte das Museum deshalb auch die Instrumentalisierung der Kunst durch ein Unrechtsregime thematisieren und den staatlich organisierten Raub von Kunst- und Kulturgütern als Bestandteil der politischen wie rassistischen Verfolgung ganzer Bevölkerungsgruppen in Deutschland und in den besetzten Gebieten veranschaulichen. Die Beschlagnahme von mehr als 20‘000 Gemälden, Skulpturen und Grafiken aus deutschen Museen in der Aktion «Entartete Kunst» ist beispielhaft für das zerstörerische Vorgehen des Regimes gegen eine freiheitliche Kultur. Sie hat Lücken in den Sammlungen deutscher Museen hinterlassen und das Dasein der verfolgten Künstler*innen entscheidend beeinflusst.
Auch die berufliche Entwicklung Gurlitts lässt erahnen, wie unmittelbar er als Museumsleiter und Kunsthändler mit der Diktatur verbunden war. Sein Eintreten für die Künstler*innen der Moderne wurde ihm zu Beginn seiner beruflichen Laufbahn zum Verhängnis. Seine Anstellung als Leiter des Hamburger Kunstvereins und später als Direktor des Museums Zwickau verlor er, weil er Antikriegsbilder, expressionistische, abstrakte oder veristische Kunst, also Werke, die in schonungsloser Weise die Wirklichkeit abbilden, ausgestellt und angekauft hatte. Mit Erstarken der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) gerieten Museumsleiter wie Gurlitt zunehmend unter Druck. Mit gezielten Kampagnen beförderten nationalsozialistische Parteigänger und Mitglieder des NSDAP-nahen Kampfbundes für deutsche Kultur die gesellschaftlichen Ressentiments gegenüber zeitgenössischer Kunst. Durch die schlichte Gleichsetzung von künstlerischem Verfall und gesellschaftlichem Niedergang zielten sie auf Künstler und die Demokratie gleichermassen.
Die unheilvolle Verquickung von politischer Propaganda und Gegenwartskunst ist keine Erfindung des Nationalsozialismus. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts waren Realismus und Impressionismus Gegenstand zahlreicher Schriften, die in der zunehmenden stilistischen Vielfalt und den abstrakten Tendenzen einen kulturellen und gesellschaftlichen Verfall sahen.
Die Ausstellung «‹Entartete Kunst› – Beschlagnahmt und verkauft» thematisiert auch diese Diffamierungskampagnen, die 1937/1938 in der Aktion «Entartete Kunst» gipfelten. Deswegen wird in der Ausstellung den Schicksalen der von Feme und Verfolgung betroffenen Künstler*innen breiten Raum gegeben. Dokumente und Schriften aus dem Nachlass des Kunsthändlers verleihen der historischen Figur Hildebrand Gurlitt in all ihrer Widersprüchlichkeit Kontur. Sie lassen die Zusammenhänge von Diffamierung, (Zwangs-)Verkauf und Raub anschaulich werden.

Woher stammen die Kunstwerke aus dem «Kunstfund Gurlitt»?
Der Anspruch einer Bestandsaufnahme setzte Massstäbe für die Konzeption und die Präsentationsweisen der Ausstellung. So bestand eine Herausforderung darin, den Kunstwerken Raum zu belassen und ihre ästhetische Qualität nicht durch eine historische Kontextualisierung zu überlagern. Der Schlüssel waren die Provenienzangaben, die eine über die Bildsemantik hinausgehende biografische Bedeutung der Werke abbilden.
In einer «Provenienzwerkstatt» haben Besucherinnen und Besucher Gelegenheit das Thema kennenzulernen. Wie Provenienzforscherinnen vorgehen und welche Fragen ihre Arbeitsweisen begleiten, kann anhand ausgewählter Kunstwerke aus dem Nachlass Gurlitt nachvollzogen werden.

Chronologie des Kunstfundes Gurlitt

September 2010
Nach einer Zoll-Kontrolle im Zug von Zürich nach München nimmt die bayerische Staatsanwaltschaft Ermittlungen gegen Cornelius Gurlitt wegen des Verdachts auf Steuerhinterziehung auf.

Februar/März 2012
Die Münchner Wohnräume von Cornelius Gurlitt werden durchsucht, die aufgefundenen Kunstwerke beschlagnahmt.

3. November 2013
Durch einen Focus-Artikel kommt der «Schwabinger Kunstfund» an die Öffentlichkeit. Bei vielen Werken soll es sich um Raubkunst handeln; wie sich herausstellt, sind die Angaben zu Umfang und Wert des Bestandes stark übertrieben.

November 2013
Die von der Bundesrepublik Deutschland und dem Freistaat Bayern eingerichtete Taskforce «Schwabinger Kunstfund», ein internationales Forscherteam, beginnt mit der Erforschung der Werkprovenienzen. In den kommenden Wochen werden die beschlagnahmten Werke in der Datenbank www.lostart.de veröffentlicht.

Februar 2014
Cornelius Gurlitt wird durch einen gerichtlich bestellten Betreuer und Anwälte vertreten. Diese teilen mit, dass in Gurlitts Haus in Salzburg zahlreiche weitere Kunstwerke gefunden wurden.

April 2014
Cornelius Gurlitt schliesst mit dem Freistaat Bayern und der Bundesrepublik Deutschland eine Vereinbarung über den weiteren Umgang mit seinem Kunstbesitz ab. Er willigt ein, dass der Bestand von der Taskforce «Schwabinger Kunstfund» erforscht wird und erklärt sich bereit, erwiesene Raubkunst an die Nachfahren der rechtmässigen Besitzer zurückzugeben.

6. Mai 2014
Cornelius Gurlitt stirbt mit 81 Jahren in München. Am kommenden Tag, dem 7. Mai 2014, erfährt die Stiftung Kunstmuseum Bern, dass Gurlitt sie in seinem Testament als Alleinerbin eingesetzt hat.

21. November 2014
Das Testament wird durch Frau Uta Werner, die Cousine von Cornelius Gurlitt, angefochten.

24. November 2014
Nach einer Bedenkzeit von rund sechs Monaten beschliesst das Kunstmuseum Bern, die Erbschaft anzunehmen.

März/April 2015
Das Nachlassgericht in München entscheidet, dass das Testament von Cornelius Gurlitt gültig ist. Uta Werner legt im Namen eines Teils der Familie Beschwerde dagegen ein.

Mai 2015
Zwei Werke aus dem Nachlass können restituiert werden: Die Nachfahren von David Friedmann erhalten Max Liebermanns Gemälde «Zwei Reiter am Strand» zurück. Das Gemälde «Odaliske» von Henri Matisse wird an die Nachfahren Paul Rosenbergs übergeben.

14. Januar 2016
Die Taskforce «Schwabinger Kunstfund» legt ihren Abschlussbericht vor. Die Forschung übernimmt in der Nachfolge das Projekt «Provenienzrecherche Gurlitt» des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste.

15. Dezember 2016
Das Oberlandesgericht München lehnt den Einwand gegen Gurlitts Testament ab; damit ist das Kunstmuseum Bern rechtskräftiger Erbe. Mit diesem Entscheid können nun die Vorbereitungen für die geplanten Ausstellungen im Kunstmuseum Bern und der Bundeskunsthalle in Bonn intensiviert werden.

20. Februar 2017
Adolph von Menzels Zeichnung «Inneres einer gotischen Kirche» wird an die Nachfahren von Elsa Helene Cohen restituiert.

Mai 2017
Das Gemälde «La Seine, vue du Pont-Neuf, au fond le Louvre» von Camille Pissarro wird an die Erben von Max Heilbronn restituiert.

Ab November 2017
Das Kunstmuseum Bern und die Bundeskunsthalle in Bonn stellen erstmals Werke aus dem Nachlass von Cornelius Gurlitt aus, um der Öffentlichkeit den Zugang zu den Werken und der Geschichte der Betroffenen zu ermöglichen.

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