In der Villa Bührle in Zürich zeigt ViPArt rund 100 historische Originalplakate aus 120 Jahren Schweizer Gestaltungsgeschichte. Im Zentrum steht die aussergewöhnliche Sammlung von Beatrice Müller, die über Jahrzehnte mit Leidenschaft und Weitsicht ein bedeutendes Kulturerbe zusammengetragen hat. Die Ausstellung macht sichtbar, welchen internationalen Rang Schweizer Grafik einst besass – und warum es höchste Zeit ist, diesen Schatz neu zu entdecken.
HIGHLIGHTS DER SCHWEIZER PLAKATKUNST
Eine Sammlerin mit Weitblick
Beatrice Müller hat über mehrere Jahrzehnte die wohl grösste Privatsammlung Schweizer Originalplakate aufgebaut. Die ursprünglich aus Näfels stammende Kommunikationsfachfrau eröffnete im Jahr 2000 in Zürich die Plakatgalerie Artifiche und gründete später den gemeinnützigen Verein ViPArt. Ihr Anliegen ist nicht das Sammeln um des Sammelns willen: Die Werke sollen öffentlich zugänglich werden und das Bewusstsein für die Bedeutung der Schweizer Plakatkunst stärken. Dass eine solche Sammlung überhaupt entstanden ist und nun gezeigt werden kann, ist keineswegs selbstverständlich. Müller hat über Jahre bewahrt, was sonst möglicherweise verstreut oder vergessen worden wäre. Ihre Leidenschaft macht sichtbar, wie viel Kulturgeschichte in einem Medium steckt, das ursprünglich für den öffentlichen Raum und oft nur für eine kurze Lebensdauer gedacht war.
Eine «Galerie der Strasse»
In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war die Schweiz international bekannt für die aussergewöhnliche künstlerische und drucktechnische Qualität ihrer Werbeplakate. Unternehmen und Tourismusdestinationen beauftragten renommierte Maler und Grafiker mit ihren Kampagnen. Viele dieser Arbeiten entstanden als aufwendig produzierte Lithografien und wurden schon damals als Kunstwerke wahrgenommen. Die Strassen wurden zur «Galerie der Strasse». Heute ist vielen gar nicht mehr bewusst, welchen Rang diese Schweizer Gestaltung einmal hatte. Die Ausstellung ist dementsprechend auch eine Einladung, dieses Erbe neu zu betrachten. Schweizer Plakatkunst war nicht bloss gute Werbung. Sie verband Gestaltung, Handwerk und künstlerischen Anspruch auf einem Niveau, das international Beachtung fand.
Vom Matterhorn bis zum Swiss Style
Zu den Höhepunkten gehört Emil Cardinaux’ berühmtes Matterhorn-Plakat von 1908, das als erstes modernes Schweizer Plakat gilt. Ebenfalls vertreten sind Burkhard Mangold und Otto Baumberger sowie Künstler wie Cuno Amiet, Augusto Giacometti und Alois Carigiet. Walter Herdeg und Herbert Matter stehen für das fotografische Plakat, Niklaus Stoecklin und Herbert Leupin für die prägnanten Sachplakate der Nachkriegszeit. Mit Armin Hoffmann und Josef Müller-Brockmann reicht der Bogen schliesslich bis zum international einflussreichen Swiss Style. Der grösste Teil der Ausstellung widmet sich den Tourismusplakaten der Jahre 1900 bis 1950. Daneben sind Plakate für Konsumgüter sowie eine Auswahl jüngerer Kulturplakate zu sehen. So entsteht ein Panorama, das nicht nur Designgeschichte erzählt, sondern auch zeigt, wie sich die Schweiz über Jahrzehnte selbst ins Bild setzte.
Kurzfilme und nächste Generation
ViPArt richtet den Blick bewusst auch nach vorne: Ein Jugendwettbewerb soll eine jüngere Generation für dieses Kulturerbe sensibilisieren. Ergänzend vermittelt die Kurzfilmserie AUF STEIN GEDRUCKT in sieben Episoden zentrale Aspekte der Schweizer Plakatgeschichte. Konzept und Idee stammen von Florian Leupin, Regie und Postproduktion von Adrian Aeschbacher. Florian Leupin ist der Enkel des bedeutenden Schweizer Plakatgestalters Herbert Leupin, dessen Arbeiten ebenfalls in der Ausstellung vertreten sind – der Bezug zur Geschichte der Schweizer Plakatkunst ist damit auch ein sehr persönlicher. Ein achter Film widmet sich Beatrice Müller und ihrer fast drei Jahrzehnte währenden Leidenschaft für das Sammeln. Sie erinnert uns daran, dass Schweizer Plakatkunst weit mehr ist als schöne Nostalgie. Sie ist ein Stück Kulturgeschichte von internationalem Rang – und eines, auf das wir in der Schweiz durchaus wieder etwas stolzer sein dürfen.
