Was passiert, wenn Fotografie und Malerei nicht nach dem vollkommen neuen Bild suchen, sondern vorhandene Bildwelten neu betreten? Das Kunsthaus Zug bringt mit Kyra Tabea Balderer und Raphael Egil erstmals zwei eigenständige Positionen der Schweizer Gegenwartskunst zusammen. «Chamber, Chamber» wird dabei zum Echoraum: Kunstgeschichte, Erinnerung und Gegenwart überlagern sich – und plötzlich stellt sich eine aktuelle Frage: Was bedeutet es überhaupt noch, ein Bild zu erschaffen?
CHAMBER, CHAMBER – Bilder mit Echo im Kunsthaus Zug
Zwei Künstler:innen, zwei Medien und ein gemeinsames Spiel mit Bildern, die wir längst zu kennen glauben.

Das Original gibt es nicht allein
«Chamber, Chamber»: Schon die Wiederholung im Titel verrät das Prinzip. Ein Motiv taucht auf, kehrt wieder, verändert sich. Raphael Egil treibt dieses Spiel in seiner Malerei besonders weit. Er greift kunsthistorisch vertraute Bilder auf und übersetzt sie in seine eigene Gegenwart. Edgar Degas’ «Jockey blessé» wird zum Ausgangspunkt serieller Variationen, ebenso finden Marcel Proust, Mutter-und-Kind-Darstellungen, Landschaften und Porträts Eingang in seine Bildwelt. Kleine Veränderungen in Farbe, Komposition oder Ausführung genügen, und aus dem scheinbar Bekannten wird etwas anderes. Kyra Tabea Balderer arbeitet ähnlich und doch vollkommen anders. Ihre Fotografien entstehen nicht durch das Finden eines Motivs, sondern durch dessen Konstruktion. Aus Karton, Holz, Spiegeln, Objekten und eigenen Skulpturen baut sie dreidimensionale Settings, die erst durch die Kamera zum Bild werden. Fotografie dokumentiert bei ihr also nicht einfach Wirklichkeit – sie produziert eine neue. In Arbeiten wie «STERNUM VI» führt die Beschäftigung mit anatomischen Formen zurück bis zur Vanitas-Tradition des Barocks: Der menschliche Körper erscheint als Bild, Material und Erinnerung an seine eigene Vergänglichkeit.

Alte Bilder, neue Bilder, künstliche Bilder
Besonders interessant wird «Chamber, Chamber», weil die Werke von Balderer und Egil nicht isoliert bleiben. Arbeiten aus der Sammlung des Kunsthaus Zug sowie Leihgaben des Museum Burg Zug erweitern den Dialog. Bilder stehen neben anderen Bildern, reagieren aufeinander, widersprechen sich oder führen etwas fort. Kunst entsteht hier nicht im luftleeren Raum, sondern innerhalb eines riesigen kulturellen Bildgedächtnisses.Damit trifft die Ausstellung einen Nerv der Gegenwart. Denn ausgerechnet in einer Zeit, in der künstliche Intelligenz innerhalb von Sekunden neue Bilder aus Abermillionen bereits existierender Bilder generieren kann, bekommt die alte Frage nach Original und Kopie eine neue Dringlichkeit. Was unterscheidet Wiederholung von Aneignung? Wann wird aus einer Vorlage ein neues Werk? Und liegt künstlerische Eigenständigkeit vielleicht weniger darin, etwas noch nie Gesehenes zu schaffen, als darin, anders zu sehen?

Zwei Hände gegen die Bilderflut
Balderer und Egil geben darauf keine theoretische Antwort. Sie arbeiten. Sie bauen, fotografieren, malen, verändern, verwerfen und beginnen erneut. Beide präsentieren in Zug auch eigens für die Ausstellung entstandene Werke. Gerade darin liegt die Stärke dieses «Kammerspiels»: Es behauptet nicht, dass sich unsere Bildwelt neu erfinden liesse. Es zeigt vielmehr, wie viel Neues entstehen kann, wenn Künstler:innen das Vertraute präzise genug verschieben. Vielleicht ist das angesichts der gegenwärtigen Bilderflut sogar die spannendere Frage: Nicht, ob wir noch neue Bilder brauchen – sondern wer ihnen eine eigene Haltung geben kann.


