Unter dem Titel ALLIANCE, INFINITY, LOVE – IN THE FACE OF THE OTHER versammelt die 9. Triennale der Photographie Hamburg elf Ausstellungen in acht Museen und Kunstinstitutionen. Künstlerischer Leiter ist der britische Kurator Mark Sealy. Im Zentrum seines Interesses steht eine ebenso einfache wie politische Frage: Wie schauen wir auf andere Menschen – und was richten Bilder mit diesem Blick an? Die Triennale läuft nochi bis am 22. September 2026.
9. Triennale der Photographie Hamburg – Wem gehört unser Blick?
DIE WICHTIGSTEN AUSSTELLUNGEN DER 9. TRIENNALE
ALLIANCE, INFINITY, LOVE – IN THE FACE OF THE OTHER
Deichtorhallen Hamburg, Halle für aktuelle Kunst
Die zentrale Ausstellung der Triennale fragt nach Macht, Nähe und Verantwortung im fotografischen Blick. Mit internationalen Positionen zu Identität, Zugehörigkeit, Kolonialismus und Queerness.
COCKTAIL PROLONGÉ. F.C. GUNDLACH SPECIAL
Deichtorhallen Hamburg
Rund 300 Arbeiten aus der Sammlung F. C. Gundlach über Körper, Begehren, Rollenbilder und Sexualität – unter anderem mit Robert Mapplethorpe, Cindy Sherman, Jimmy DeSana und Herb Ritts.
AKOSUA VIKTORIA ADU-SANYAH / ABDULHAMID KIRCHER
PHOXXI – Haus der Photographie temporär
Zwei junge Positionen über Familiengeschichte, koloniale Archive, Patriarchat, Gewalt und Erinnerung.
SARA SALLAM – FÜRSORGE: FOTOGRAFIE NEU ORDNEN
Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg
Die ägyptische Künstlerin untersucht kolonial geprägte Sammlungen und fragt, wie Museen mit historischen Verletzungen und geraubten Zusammenhängen umgehen können.
FRANKI RAFFLES – PHOTOGRAPHY, ACTIVISM, CAMPAIGN WORKS
Museum der Arbeit
Fotografie als politischer Aktivismus: Raffles machte die Arbeit und Lebensrealität von Frauen sichtbar und verband ihre Bilder mit feministischem Engagement.
MELIKE KARA – WHISPERS
Kunsthaus Hamburg
Eine persönliche Auseinandersetzung mit kurdischer Identität, Erinnerung und kultureller Weitergabe.
Fotografie ist nicht neutral
Fotografie dokumentiert nicht einfach, was vor der Kamera steht. Sie entscheidet, wer sichtbar wird, wie Menschen dargestellt werden und welche Geschichten weitergetragen werden. Genau hier setzt Mark Sealy an. Er versteht Fotografie als Medium, das historisch auch mit Kontrolle, Unterdrückung und Kategorisierung verbunden war – gleichzeitig aber Nähe, Verantwortung und neue Formen von Gemeinschaft ermöglichen kann. «Love» meint dabei weniger romantisches Gefühl als eine gesellschaftliche und politische Haltung gegenüber dem Gegenüber.
Die zentrale Ausstellung in der Halle für aktuelle Kunst der Deichtorhallen bringt dazu internationale Künstler wie Rotimi Fani-Kayode, Mónica de Miranda, Sandra Brewster oder Mao Ishikawa zusammen. Unterschiedliche Formen von Identität und Zugehörigkeit treffen hier auf die Frage, wie sich Menschen darstellen lassen, ohne sie erneut festzuschreiben oder zum Objekt zu machen.
Der Körper als Schaufeld
Besonders sinnlich wird diese Frage in COCKTAIL PROLONGÉ. F.C. GUNDLACH SPECIAL. Rund 300 Arbeiten von etwa 60 Fotograf aus der privaten Sammlung des legendären Modefotografen F. C. Gundlach beschäftigen sich mit dem Körper: verletzlich und wehrhaft, kontrolliert und entfesselt, begehrt und inszeniert. Zu sehen sind unter anderem Arbeiten von Diane Arbus, Robert Mapplethorpe, Cindy Sherman, Jimmy DeSana, Greg Gorman und Jürgen Klauke.
Gerade aus heutiger Perspektive entwickelt diese Sammlung eine überraschende Aktualität. Geschlechterrollen, Queerness, Körperbilder und Begehren erscheinen nicht als Randthemen, sondern als ein Feld, auf dem gesellschaftliche Normen sichtbar und verhandelbar werden. Interessant ist dabei auch der Widerspruch zu Gundlachs eigener Karriere: Als Modefotograf prägte er über Jahrzehnte ein repräsentatives Frauenbild in deutschen Magazinen. Seine private Sammlung zeigt einen wesentlich ungezähmteren Blick auf Körper und Sexualität.
Bilder, die Narben tragen
Im PHOXXI treffen mit Akosua Viktoria Adu-Sanyah und Abdulhamid Kircher zwei jüngere fotografische Positionen aufeinander. Beide behandeln Fotografie weniger als fixiertes Bild denn als verletzliches Material, in das Geschichte eingeschrieben ist.
Die deutsch-ghanaische Künstlerin Adu-Sanyah arbeitet mit historischen Fotografien aus Archiven in Ghana. Sie zerlegt, vernäht und verändert fotografische Oberflächen und versucht damit, koloniale Bilder aus ihren ursprünglichen Machtzusammenhängen herauszulösen. In Hamburg zeigt sie rund 30 neue grossformatige Arbeiten.
Kircher dagegen richtet die Kamera auf die eigene Familiengeschichte. Abwesenheit des Vaters, Tod des Grossvaters, Patriarchat, Gewalt und Vorstellungen männlicher Stärke werden zu einem fragmentierten Familienalbum. Dabei entsteht keine klassische autobiografische Erzählung, sondern ein instabiles Archiv zwischen Verletzung, Nähe und möglicher Versöhnung.
Kann man ein Archiv heilen?
Wie eng Fotografie und koloniale Geschichte miteinander verbunden sind, zeigt auch SARA SALLAM – FÜRSORGE: FOTOGRAFIE NEU ORDNEN im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg. Die 1991 geborene ägyptische Künstlerin untersucht die archäologischen und fotografischen Bestände des Museums und fragt, wie mit Objekten und Bildern umzugehen ist, die unter kolonialen Bedingungen gesammelt, kategorisiert oder aus ihren ursprünglichen Zusammenhängen entfernt wurden.
Sallam antwortet darauf nicht nur mit Kritik. Sie versucht Gegenerzählungen zu entwickeln. In SUTURING WOUNDSfügt sie beispielsweise Faksimiles fragmentierter koptischer Textilien zu einer Tunika zusammen und trägt diese in fotografischen Selbstporträts. Aus Fragmentieren wird Nähen, aus dem musealen Objekt wieder etwas Körperliches. Die Geste funktioniert gleichzeitig als Widerstand und als Versuch der Heilung.
Fotografieren heisst Partei ergreifen
Dass Fotografie auch ganz unmittelbar politisches Werkzeug sein kann, zeigt das Museum der Arbeit mit FRANKI RAFFLES: PHOTOGRAPHY, ACTIVISM, CAMPAIGN WORKS. Raffles fotografierte Frauen bei der Arbeit und im Alltag – unter anderem in Schottland, der damaligen Sowjetunion, China, Simbabwe, der Karibik sowie Israel und Palästina. Ihre Bilder verband sie häufig mit Aussagen und Interviews der Porträtierten.
Dabei interessierte sie sich nicht für vermeintlich objektive Sozialreportage. Geschlechtergerechtigkeit, soziale Ungleichheit, sexualisierte Gewalt und Solidarität waren ausdrücklich Teil ihrer Arbeit. Dass Raffles' Werk nun erstmals umfassend einem deutschen Publikum vorgestellt wird, gehört zu den bemerkenswertesten Wiederentdeckungen dieser Triennale.
Fazit
Die 9. Triennale der Photographie Hamburg stellt nicht die Frage, ob ein Foto schön oder technisch perfekt ist. Sie fragt danach, wer hinter der Kamera steht, wer vor ihr steht und welche Macht zwischen beiden entsteht. Das macht diese Ausgabe politisch, ohne Fotografie auf Botschaften zu reduzieren.
