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Tori et Lokita

Zwei unbegleiteten Minderjährigen aus Benin, gestrandet im belgischen Lüttich, ausgenützt von bösartigen Erwachsenen.

Ein Sozialthriller, eine glasklare Inszenierung, ein Meisterstück der belgischen Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne. Wie könnte man nicht mit Tori und Lokita mitfiebern, diesen beiden jungen Menschen im Alter von 11 und 18 Jahren. Hinterlistige, miese Erwachsene versprechen ihnen ein besseres Leben, wenn sie im Gegenzug illegale Arbeiten unter katastrophalen Bedingungen verrichten. Die beiden nichtprofessionellen Schauspieler sind verblüffend gut und strahlen eine grosse Emotionalität aus.

Jean-Pierre und Luc Dardenne sind Brüder und Regisseure aus Belgien. Jean-Pierre wurde 1951 in Engis und Luc 1954 in Les Awirs geboren. Als Vertreter eines militanten und realistischen Kinos haben es die Brüder Dardenne dank einer kohärenten Filmografie geschafft, ihren Stil, aber auch ihre Forderungen durchzusetzen. Heute sind sie zusammen mit Ken Loach und Mike Leigh die Vertreter eines erneuerten sozialen Kinos. Sie gehören zu den am meisten ausgezeichneten Regisseuren in der Geschichte der Filmfestspiele von Cannes: Goldene Palme für «Rosetta» 1999 und für «L’enfant» 2005, Drehbuchpreis für «Le silence de Lorna» und den Preis des 75. Filmfestivals von Cannes für «Tori et Lokita˚ 2022.

Tori und Lokita | Synopsis

Ein Junge und ein Mädchen, die allein aus Afrika nach Belgien gekommen sind, setzen den schwierigen Bedingungen ihres Exils ihre unbesiegbare Freundschaft entgegen.

Tori und Lokita | Rezension von Ondine Perier
*
Freundschaft als Schutz vor einer feindseligen und bösartigen Umgebung*

Tori und Lokita sind untrennbar miteinander verbunden: Vor dem Sozialamt behaupten sie, Geschwister zu sein, damit Lokita, die auf die 18 zugeht, in Belgien bleiben kann. So richtig glaubt man ihr jedoch nicht. In ihrem Zimmer im Aufnahmezentrum in Lüttich kann Tori, ihr elfjähriger, angeblicher «Bruder», sie noch so oft die Einzelheiten ihrer gemeinsamen Kindheit wiederholen lassen, Lokita hat Mühe, sich alles zu merken. Die beiden jungen Exilanten verkaufen Drogen für den skrupellosen Koch Betim. Der Gewinn soll Lokita nicht nur ermöglichen, ihrer Mutter Geld zu schicken, sondern auch gefälschte Papiere zu besorgen. Denn Tori und Lokita haben einen gemeinsamen Traum: Lokita soll Haushaltshilfe werden, damit sie zusammen in Belgien leben können. Ihre Freundschaft wird im Film mit viel Feingefühl durch Gesten der Zuneigung, aufmerksame und stets wohlwollende Worte charakterisiert. Der Kontrast zwischen der Sanftheit, die von den Szenen ausgeht, in denen sie zusammen sind, und der Feindseligkeit und dem Leid, die der Aussenwelt geschuldet sind, packt einen.

Die Kunst der Brüder Dardenne, Bindungen zu sezieren.
Diese beiden jungen Protagonisten sind nur glücklich, wenn sie zusammen sind. «Wir haben es immer dann geschafft, wenn wir zusammen waren», sagt Lokita zu Tori und erwähnt damit ihren Weg ins Exil von Benin über Italien, wo ihr Boot anlegte, bis nach Belgien. In Italien haben sie auch den Kinderreim gelernt, den sie in dem Restaurant, in dem Betim arbeitet, im Chor «a la Feria dell Est» summen. Dieses eindringliche Lied veranschaulicht ihre starke Verbindung und ihre tröstende Tugend, ebenso wie die wiederkehrenden Aufmerksamkeiten, die sie füreinander haben: Lokita sorgt sich um Toris Zukunft und Tori macht sich Sorgen um Lokitas wiederkehrende Asthmaanfälle. Sie verlassen sich aufeinander, auf eine noch stärkere Art und Weise, als die Aussenwelt nur aus Gefahr besteht.

Das soziale Kino der Brüder Dardenne
«Tori und Lokita» ist ein kühler, atemloser Sozialthriller der Brüder Dardenne. Die Kamera folgt den beiden jungen Helden so nah wie möglich und ist immer in Bewegung. Die schlichte Inszenierung, das unerbittliche Drehbuch, das bemerkenswerte Spiel der beiden Laiendarsteller und die kurze Laufzeit des Films tragen zu dem «Schalg ins Gesicht» bei, den man nach diesen 80 intensiven und nervenaufreibenden Minuten verspürt. Man kann den Brüdern Dardenne vorwerfen, einen harten und hoffnungslosen Film abgeliefert zu haben, aber es ist vor allem ein Plädoyer für die Freundschaft zwischen zwei jungen Exilanten mit beispielhaftem Mut angesichts der unmoralischen Menschen, die sie ungestraft erniedrigen und ausbeuten. Die Brüder Dardenne haben erneut einen erschütternden Film mit furchterregender Wirkung gedreht, der noch lange nachhallt, nachdem man ihn gesehen hat.

Tori und Lokita | Stimmen

«In ‘Tori und Lokita’ wird das potenzielle Opferpathos der Missgeschicke zweier Migrantenkinder durch die unerbittliche Strenge der Inszenierung neutralisiert. Ganz grosse Dardenne.» – Transfuge | «Ein dumpfes und herzzerreissendes Zeugnis von Leid und Ungerechtigkeit, ein Drama,
über das es irgendwo nichts zu denken, nichts abzuleiten gibt, ausser dem Bewusstsein, dass es stattfindet und dass es unanständig wäre, es sich nicht anzusehen.» – Les Inrockuptibles | «Den Brüdern Dardenne gelingt es, mit dieser schlichten und packenden Erzählung über zwei junge Migranten erneut zu überzeugen. Einer der grossen Erfolge von Cannes 2022.» – àVoir-àLire

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