Nach seiner grossen Literaturverfilmung STILLER widmet sich Regisseur Stefan Haupt mit seinem neuen Dokumentarfilm dem eigenwilligen Liedermacher Walter Lietha. Im Interview spricht Haupt über künstlerische Freiheit, ein vergessenes Stück Schweizer Musikgeschichte – und warum Lietha heute noch aktuell ist. Dabei entsteht auch ein Blick auf eine Zeit, deren Nachhall bis in die Gegenwart reicht.
Stefan Haupt | WALTER LIETHA – DRUM SING I GRAD DRUM
- Publiziert am 11. April 2026
Mit Stefan Haupt sprach Rolf Breiner
Stefan Haupt, nach der Literaturverfilmung STILLER nun der Dokumentarfilm WALTER LIETHA. Wie schwer ist solch ein Spagat?
Stefan Haupt: Für mich ist es ein grosses Glück, dass ich beides machen kann. Natürlich sind die Herstellungsprozesse sehr unterschiedlich. Bei einem Film wie ZWINGLI oder STILLER liegt es auf der Hand, dass sich die Produktion stärker einbringt – etwa bei den Anforderungen des Marktes. Bei Dokumentarfilmen habe ich hingegen das Glück, sie selbst zu produzieren. Das gibt mir eine gewisse Freiheit.
Du hast den Liedermacher, Sänger und Dichter Walter Lietha aus der Versenkung geholt. Was war der Schlüsselpunkt, einen Film über ihn zu drehen?
Bei jedem Film gibt es diesen Moment, in dem mich ein Thema elektrisiert und eine persönliche Verbindung entsteht. In diesem Fall war es Corin Curschellas, die lange mit Walter Lietha zusammengearbeitet hat. Vor zwei Jahren erzählte sie mir in Locarno von einem geplanten Hommage-Konzert am Festival «Alptöne» im August 2025. Nebenbei meinte sie, es wäre schön, wenn es dazu einen Film gäbe. Da hat es bei mir sofort «gerattert». Ich kannte Walter Lietha bereits als Zwanzigjähriger – aus der Zeit der Zürcher Jugendbewegung – und war auch an Konzerten mit ihm.
Weshalb war Walter Lietha damals gefragt?
Er drückte ein Lebensgefühl mit grosser Sensibilität aus – zwischen Auflehnung, Protest, aber auch Melancholie und Unsicherheit. Das hat er sehr genau getroffen.
Wann kam der Bruch?
Ein Live-Konzert wurde 1986 vom Schweizer Fernsehen kurzfristig abgesagt – wohl aus politischen Gründen. In der Folge wurde er beim Radio DRS, das für die Schweizer Musikszene sehr wichtig war, praktisch nicht mehr gespielt. Das war eine einschneidende Zäsur, danach war er deutlich weniger präsent.
Was passierte danach?
Walter Lietha wollte aus seiner Musik nie ein Business machen. Wenn man ihn anfragt – auch heute noch –, tritt er auf und ist für Konzerte bereit.
Seine Alternative waren Bücher …
Er führte in Chur eine Buchhandlung und ein Antiquariat namens «Narrenschiff». Die Buchhandlung gab er später ab, das Antiquariat behielt er und zog damit nach Trin in der Surselva weiter.
Im Juni 2025 erhielt er den Bündner Kulturpreis. Wie reagierte er?
Das hat ihn sehr überrascht.
Dein Porträt ist auch ein Zeitbild. Was erhoffst du dir vom Film?
Unsere Zeit verliert zunehmend das Gedächtnis. Oft geht vergessen, wo wir herkommen. Je mehr wir darüber wissen, desto besser verstehen wir unser Heute und wohin wir uns entwickeln. Walter Lietha ist für mich ein Gegenbild zur heutigen Kurzlebigkeit. Alles ist auf das «Jetzt» ausgerichtet, auf Konsum und schnelle Erfüllung. In diesem Druck wirkt er als wohltuendes Gegenbeispiel – ruhig, wach und gelassen.
Wie war die Zusammenarbeit mit ihm?
Ich wusste zunächst nicht, wie er reagieren würde. Corin war beim ersten Treffen eine wichtige Brücke. Zudem hatte er meinen Film ZWINGLI gesehen und mochte ihn. Dadurch war die Tür offen, und wir konnten sehr offen miteinander sprechen.
Wird er bei Vorstellungen dabei sein?
Ja, bei mindestens acht – unter anderem in Wettingen, Klosters, Ilanz, Chur, Zürich, Bern, St. Gallen und Uster.
Noch eine ander Frage: Die Kulturförderung steht unter Druck. Wird die Kultur deiner Meinung nach weiter bluten?
Ich beobachte mit Sorge einen gesellschaftlichen Rechtsrutsch weltweit. Gleichzeitig fliessen immer mehr Gelder in militärische Bereiche. Wenn gleichzeitig Steuern nicht erhöht werden sollen, wird gespart – bei Kultur, Bildung und Sozialem.
Woran arbeitest du als Nächstes?
An zwei Spielfilmprojekten: eines über das letzte Lebensjahr von Johann Sebastian Bach in Leipzig und ein weiteres mit dem Titel DIE TOCHTER DES POLIZISTEN, das im heutigen Zürich spielt.
Stefan Haupt vielen Dank für dieses Gespräch