Was, wenn man plötzlich merkt, dass man gar keine Wahl hat? NO OTHER CHOICE erwischt uns genau in diesem Moment – bei diesem mulmigen Gefühl, das man kennt, wenn eine Entscheidung unausweichlich wird. Park Chan-wook macht daraus einen hochspannenden Thriller, der unter die Haut geht und uns bis zur letzten Minute bei der Stange hält.
NO OTHER CHOICE – Politisches Drama über Zwang, Entscheidung und Macht
NO OTHER CHOICE | SYNOPSIS
Man-soo (Lee Byung-hun) hat alles: eine liebevolle Familie, zwei Hunde und das Haus, in dem er aufgewachsen ist. Doch nach 25 Jahren treuer Arbeit bei Solar Paper wird er plötzlich entlassen. Die Hypothek bleibt bald unbezahlt, und seine Frau Mi-ri (Son Ye-jin) drängt auf den Verkauf des Hauses. Verzweifelt versucht Man-soo, eine neue Stelle zu finden, doch die Konkurrenz ist ebenso qualifiziert. Also schmiedet er einen Plan: Mit einer Scheinfirma will er die Konkurrenz kaltblütig aus dem Weg räumen.
NO OTHER CHOICE | REZENSION
Schwarzhumorige, stilistisch brillante Abrechnung mit dem Kapitalismus
Für uns gesehen hat den Film Walter Gasperi
Der Kampf um Arbeit als bitterböse Parabel
Die Ausgangslage ist ebenso beklemmend wie aktuell. Bereits 1997 erzählte Donald E. Westlake in seinem Roman THE AX von einem entlassenen Manager, der seine Mitbewerber:innen systematisch ausschaltet. Costa-Gavrasadaptierte den Stoff 2005 als LE COUPERET. Mit NO OTHER CHOICE greift Park Chan-wook dieses Motiv auf und formt daraus eine funkelnde, schwarzhumorige Gesellschaftssatire. Arbeitslosigkeit, Umstrukturierung, globalisierte Konzernlogik – in Zeiten von KI und permanentem Effizienzdruck wirkt diese Geschichte erschreckend gegenwärtig.

Vom Familienidyll zur existenziellen Bedrohung
Park eröffnet mit einem bewusst überzeichneten Bild bürgerlicher Perfektion: Man-su (grandios gespielt von Lee Byung-hun) grilliert im herbstlich leuchtenden Garten seiner Villa, zwei Golden Retriever tollen durchs Laub, die Tochter erhält Cellounterricht, die Ehefrau spielt Tennis. Dann übernimmt ein US-Konzern die Papierfirma – und Man-su verliert seinen Job. In der koreanischen Leistungsgesellschaft bedeutet das weit mehr als einen Karriererückschlag. Park zeichnet den sozialen Abstieg präzise und zugleich mit satirischer Schärfe nach: Aushilfsjob im Lager, Motivationskurse, materieller Rückbau. Selbst kleine Details – vom Netflix-Abo bis zum Hausverkauf – werden zum Symbol für bröckelnden Status.
Schwarzer Humor als Widerstand
Der entscheidende Impuls kommt beiläufig: Wäre es nicht praktisch, wenn ein:e Konkurrent:in «vom Blitz getroffen» würde? Man-su entwickelt daraus eine radikale Lösung. Was folgt, ist eine bitterböse Groteske über Konkurrenzdenken und neoliberalen Überlebenskampf. Park inszeniert die Eskalation mit feinem Gespür für Timing, absurden Humor und erzählerische Eleganz. Die Mordszenarien werden zu Spiegelbildern eines Systems, das Menschen gegeneinander ausspielt.

Visuelle Virtuosität
Wie schon in THE HANDMAIDEN oder DECISION TO LEAVE beweist Park seine Meisterschaft im Bild. Kameramann Kim Woo-hyung gestaltet jede Einstellung präzise und kunstvoll kadriert. Leuchtende Herbstfarben, überraschende Perspektiven – etwa der Blick aus dem Boden eines Bierglases – und sinnliche Detailaufnahmen machen den Film zu einem visuellen Ereignis. Auch erzählerisch zeigt sich Park als Virtuose: Parallelhandlungen, Erinnerungen und Traumsequenzen verschränken sich souverän und verleihen dem Film rhythmische Dynamik.
Fazit
NO OTHER CHOICE ist eine ebenso elegante wie unterhaltsame Satire über Leistungsdruck und Profitlogik. Mit schwarzem Humor, stilistischer Brillanz und einem herausragenden Lee Byung-hun entwirft Park Chan-wook eine bissige Parabel auf den modernen Kapitalismus – formal meisterhaft und thematisch hochaktuell.

