NAMASTE SEELISBERG von Felice Zenoni thematisiert die turbulenten Zeiten im Urner Bergdorf Seelisberg von der Ankunft des indischen Gurus Maharishi Mahesh Yogi in den 1970er-Jahren bis in die Gegenwart. Der Film befasst sich auch mit der aktuell geplanten Renovierung und Erweiterung der örtlichen Jugendstil-Hotels Sonnenberg und Kulm, das lange Zeit als Zentrums für Transzendentale Meditation diente und so zu Weltrum gelangte.
NAMASTE SEELISBERG – Culture-Clash, zwischen Alltag und Spiritualität
NAMASTE SEELISBERG | SYNOPSIS
Direkt oberhalb der Rütli-Wiese, hoch über dem Vierwaldstättersee, liegt das idyllische Seelisberg. 1971 nimmt der indische Guru Maharishi Mahesh Yogi das Dorf samt zwei geschichtsträchtigen Hotelanlagen für sich und seine als Sekte verschriene Bewegung in Beschlag. Die Einheimischen laufen Sturm, bitten selbst den Bundesrat um Hilfe. Vergeblich. Seelisberg wird zum Hauptquartier der «Transzendentalen Meditations-Bewegung» (TM), welcher Prominente wie The Beatles, Mia Farrow oder David Lynch folgen. Bald ist der Culture Clash im Urner Alpenidyll für niemanden mehr zu übersehen – zu Tausenden pilgern Anhänger:innen des gewieften, finanzkräftigen Gurus nach Seelisberg. Heute, 55 Jahre später, steht das Dorf erneut vor einem tiefgreifenden Wandel: Die TM-Bewegung verlässt Seelisberg, ein Schweizer Immobilienunternehmen plant, die historischen Hotelanlagen zu restaurieren…
Felice Zenoni, geboren 1964, ist Regisseur, Drehbuchautor und Produzent. Seit 1990 ist er für das Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) tätig. Er ist aber auch Miteigentümer der Produktionsfirma Mesch & Ugge AG, über die er ebenfalls zahlreiche seiner Filmprojekte realisiert. Sein umfangreiches Werk beleuchtet Kultur, regionale Besonderheiten und historische Persönlichkeiten und wurde mehrfach ausgezeichnet.
Heimatverbundenheit und Zeitgeschehen
Zu Zenonis neueren Arbeiten zählt der Dokumentarfilm DER KRISTALLHÜTER VOM GOTTHARD (2024), der den Geologen Peter Amacher bei seiner Tätigkeit als Mineralienaufseher während des Baus des zweiten Gotthard-Strassentunnels begleitet. Ebenfalls 2024 entstand 6 TELLENBUBEN – DIE GESCHICHTE DER TELLSPIELE ALTDORF. Darin dokumentiert Zenoni die traditionsreichen, über 100 Jahre alten Tellspiele in Altdorf und begleitet die Neuinszenierung mit jungen Darstellern.
Kunst- und Geschichtsporträts
Ein wiederkehrendes Thema in Zenonis Schaffen sind tiefgründige Porträts von Künstlern und historischen Figuren. FEDIER – URNER FARBENVIRTUOSE (2022) würdigt den Maler Franz Fedier (1922–2005), einen bedeutenden Vertreter der abstrakten Moderne. DANIOTH – DER TEUFELSMALER (2015) widmet sich dem Leben und Werk des Urner Malers Heinrich Danioth (1896–1953) und in DER GENERAL (2010) befasst sich der Filmemacher mit General Henri Guisan, dem Oberbefehlshaber der Schweizer Armee während des Zweiten Weltkriegs.
Internationale Legenden mit Schweizer Bezug
Felice Zenoni hat auch das Leben anderer international gefeierter Persönlichkeiten beleuchtet, die eine enge Verbindung zur Schweiz hatten oder Schweizer waren. CLAY REGAZZONI – LEBEN AM LIMIT (2016) widmet sich dem Formel-1-Rennfahrer Gian-Claudio Giuseppe «Clay» Regazzoni. O MEIN PAPA (2007) erzählt die Geschichte des Komponisten und Entertainers Paul Burkhard. YEHUDI MENUHIN – THE SWISS YEARS (2006) dokumentiert die Zeit des Geigers in der Schweiz. GROCK – KING OF CLOWNS (2003) porträtiert den legendären Clown Grock (Karl Adrian Wettach), und CHARLIE CHAPLIN – DIE SCHWEIZER JAHRE (2003) fokussiert auf das Leben der Filmikone in Corsier-sur-Vevey.
Auszeichnungen
Für seine Werke erhielt Zenoni diverse Auszeichnungen. 2021 wurde er mit dem Zürcher Radio- und Fernsehpreis für seinen Dokumentarfilm DER SPITZEL UND DIE CHAOTEN über die Zürcher Jugendunruhen von 1980 geehrt. Bereits früher wurden seine Filme international gewürdigt: CHARLIE CHAPLIN – THE FORGOTTEN YEARS erhielt 2004 unter anderem einen Finalist Award bei der «Rose d’Or» in Montreux und eine World Medal beim New York Festival. GROCK – KING OF CLOWNS gewann 2005 die Gold Medal beim International Television Award in Chicago.

Zufluchts- und Sehnsuchtsort Seelisberg
Für uns gesehen hat den Film Rolf Breiner
Ein Urner Dokumentarist und ein aussergewöhnlicher Stoff
Er ist bekannt für Innerschweizer Dokumentarfilme wie DANIOTH – DER TEUFELSMALER oder FEDIER – URNER FARBVIRTUOSE. Nun hat Felice Zenoni eine besondere Begebenheit oberhalb des Vierwaldstättersees aufgearbeitet, die Anfang der 1970er-Jahre international für Schlagzeilen sorgte: 1971 machte Maharishi Mahesh Yogi die Hotelanlagen von Seelisberg zum Zentrum seiner Meditationsbewegung.
Fremde in der Idylle
Anfang der Siebzigerjahre wurden die Bewohner:innen von Seelisberg aufgeschreckt. Fremde wollten hoch über dem Vierwaldstättersee ein Meditationszentrum einrichten. Der indische Guru Maharishi Mahesh Yogi und seine Bewegung hatten sich die Hotelanlagen in bester Lage zu eigen gemacht und dort ihr Hauptquartier etabliert. Einheimische versuchten, diese ihnen fremden und als «spinnig» empfundenen Aktivitäten zu verhindern – auch weil Seelisberg in der Nähe der «heiligen» Schweizer Gedenkstätte, der Rütliwiese, liegt. Vergeblich.
Ein Zeitalter der Erleuchtung
Zu Tausenden pilgerten Anhänger:innen der «Transzendentalen Meditationsbewegung», kurz TM genannt, nach Seelisberg. Diese «geistige Erneuerungsbewegung» ist eine abgewandelte Form des indischen Yoga und versprach Glück, Wohlbefinden und inneren Frieden. In Seelisberg rief die Bewegung gar ein «Zeitalter der Erleuchtung» samt Weltregierung aus.
Archivarbeit und Zeitzeug:innen
In sieben Kapiteln – von «Die Fremden» über «Konflikte» bis zum Abschied, ergänzt durch einen Epilog – gliedert der Urner Zenoni seinen Dokumentarfilm NAMASTÉ SEELISBERG. «Namasté» stammt aus dem Sanskrit, bedeutet «Verbeugung vor dir» und ist zugleich Grussformel wie Ausdruck von Respekt. Zenoni zollt der TM-Bewegung Aufmerksamkeit, ohne sie unkritisch zu verklären. Er hat rund dreissig Archive durchforstet, historisches TM-Filmmaterial integriert und zahlreiche Zeitzeug:innen befragt – Anhänger:innen wie Kritiker:innen.

Zwischen Vermittlung und Abschied
Hermann Zwyssig, einst Hausmeister der Hotels, fungierte als Bindeglied und Vermittler zwischen den TM-Anhänger:innen und der lokalen Bevölkerung. Ähnlich das Ehepaar Maria und Otto Odermatt, das während über 45 Jahren das Sekretariat der TM-Institution führte und nun Abschied nehmen muss. Bereits 1980 hatte Maharishi seinen Sitz nach Neu-Delhi verlegt. Er starb 2008 in den Niederlanden. Aktuell hat das Immobilienunternehmen Halter die Hotelanlagen erworben. Über 200 Millionen Franken sollen in Sanierungen und Wohnbauten investiert werden.
Kritische Nähe statt Verklärung
Felice Zenoni zeichnet kein heiles Weltbild, auch wenn er der Bewegung mit einer gewissen Sympathie begegnet. Sein Film geht durchaus kritisch mit dem Guru um, der Millionen einnahm und sich selbst zunehmend erhöhte. Zeug:innen berichten jedoch übereinstimmend von seiner charismatischen Ausstrahlung, die offene Herzen und suchende Sinne erreichte.
Sehnsucht nach Geborgenheit
«Der Mensch sehnt sich nach einem harmonischen, friedvollen Leben und sucht Zufluchtsorte, die Geborgenheit, Sicherheit und Antworten auf zentrale Fragen des Menschseins bieten», resümiert Felice Zenoni. Mit dem «Spiritual Regeneration Movement» bot Maharishi vielen Menschen eine Möglichkeit, mit sich selbst und dem Leben ins Reine zu kommen – und nicht wenige schlossen sich dieser Bewegung an. Bis heute. Ein Kinowerk auch über Sehnsüchte und inneren Frieden.


Randnotiz: Aus dem historischen «Sektenhotel Sonnenberg» auf dem Seelisberg (Kanton Uri) in der Innerschweiz soll ein «ganz normaler Hotelbetrieb» mit Wohnungen entstehen. Die Immobilienfirma Halter will 200 Millionen Franken in die Sanierung und in den Ausbau der Hotelanlage investieren.