Lydia Welti-Escher wollte Kunst fördern und selbstbestimmt leben – und geriet damit ins Räderwerk von Macht und Moral des 19. Jahrhunderts. Ihre Zwangsinternierung in Rom 1890 und der Satz «Nervös ja, verrückt nein» stehen exemplarisch für diese Geschichte, die der Film LYDIA – AUFZEICHNUNGEN AUS DEM IRRENHAUS nicht erzählt, sondern eindrücklich in Erinnerung ruft.
LYDIA - AUFZEICHNUNGEN AUS DEM IRRENHAUS
Ein Film über Alfred Eschers Tochter, die ihr eigener Ehemann aus Rache in eine psychiatrische Klinik einweisen lässt.
LYDIA - AUFZEICHNUNGEN AUS DEM IRRENHAUS | SYNOPSIS
Gefangen im Korsett gesellschaftlicher Zwänge, kämpft sie für ein selbstbestimmtes Leben als Frau: Lydia Welti-Escher, die Tochter des Politikers und Wirtschaftsführers Alfred Escher. Als sie in Rom mit dem Künstler Karl Stauffer ein neues Leben beginnen möchte, veranlasst ihr Ehemann, der Bundesratssohn Emil Welti, ihre Einweisung in die psychiatrische Klinik. Der Film basiert auf dem Protokoll der Gespräche, die zwei Ärzte im Februar 1890 in der Klink von Rom mit ihr führten.

Lydia Welti-Escher – Aufzeichnungen aus der Macht
Hintergründe zum Film
Lydia Welti-Escher ist mehr als eine historische Figur – sie ist ein Brennglas für die Machtverhältnisse ihrer Zeit. Als einzige Tochter des Zürcher Politikers und Eisenbahnpioniers Alfred Escher wächst sie im 19. Jahrhundert im Spannungsfeld von Reichtum, gesellschaftlicher Erwartung und persönlichem Freiheitsdrang auf. Früh gebildet, kunstsinnig und selbstbewusst, interessiert sich Lydia für Literatur, Musik und bildende Kunst – und für die Frage, wie Kultur öffentlich gefördert werden kann.
Mäzenin mit Vision
1883 heiratet Lydia Friedrich Emil Welti, den Sohn des Bundesrats Emil Welti. Die Ehe bleibt kinderlos und zunehmend unglücklich. Während ihr privates Leben erstarrt, entfaltet sich ihr öffentlicher Gestaltungswille: Lydia denkt Kulturpolitik weiter, als es ihre Zeit zulässt. Ihre Idee einer nationalen Kunstsammlung, die explizit auch Künstlerinnen berücksichtigt, ist radikal modern. 1890 gründet sie die Gottfried Keller-Stiftung – ein Vermächtnis von bleibender Bedeutung für die Schweiz.
Rom 1890: Kontrolle statt Fürsorge
Im selben Jahr eskaliert ihr persönliches Leben. Lydia verliebt sich in den Künstler Karl Stauffer-Bern und will sich aus den engen gesellschaftlichen Vorgaben lösen. Was folgt, ist ein Skandal – und ein Akt der Entmündigung: Anfang Februar 1890 wird Lydia in Rom gegen ihren Willen in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen. Rund zwei Monate verbringt sie dort. Die erhaltenen Gesprächs- und Verhörprotokolle zeigen aus heutiger Sicht weniger eine klare medizinische Diagnose als eine moralische Bewertung weiblicher Selbstbestimmung. Pathologisiert wird nicht Krankheit, sondern Abweichung. In Stefan Jungs Film hört man sie dann auch jenen Satz sagen, der nachhallt und Lydias Lage präzise auf den Punkt bringt: «Nervös ja, verrückt nein.» Ein kurzer, klarer Einspruch gegen eine Diagnose, die weniger medizinisch als gesellschaftlich motiviert scheint – und zugleich ein seltenes, selbstbewusstes Zeugnis aus einer Situation völliger Fremdbestimmung.
Die Freilassung
Im April 1890 wird Lydia Welti-Escher aus der römischen Klinik entlassen. Der Entscheid fällt nach juristischen Interventionen und diplomatischem Druck, der die Rechtmässigkeit der Internierung zunehmend in Frage stellt. Die offizielle Begründung folgt den Konventionen der Zeit, doch der Fall hat inzwischen internationale Aufmerksamkeit erlangt und die beteiligten Institutionen unter Zugzwang gesetzt. Die Erfahrung der Internierung wirkt nach. Wenige Monate später nimmt sich Lydia Welti-Escher im Alter von nur 33 Jahren das Leben. Zurück bleibt ein doppeltes Vermächtnis: die Gottfried Keller-Stiftung als kulturpolitische Tat – und ein Fall, der bis heute Fragen stellt nach Diagnose, Moral und der Macht über weibliche Biografien.
Der Film
LYDIA – AUFZEICHNUNGEN AUS DEM IRRENHAUS greift genau diesen historischen Kern auf. Ausgehend von den römischen Protokollen rekonstruiert der Film keine Sensation, sondern legt Strukturen offen: wie Nähe zur Kontrolle wird, wie Macht sich als Fürsorge tarnt – und wie eine Stimme, die nicht passt, marginalisiert wird. Lydia Welti-Escher erscheint darin nicht als historische Randfigur, sondern als präzise Beobachterin eines Systems, dessen Mechanismen bis in die Gegenwart nachwirken.
Michael Sennhauser über «LYDIA – AUFZEICHNUNGEN AUS DEM IRRENHAUS»
LYDIA – AUFZEICHNUNGEN AUS DEM IRRENHAUS von Regisseur Stefan Jung ist für Michael Sennhauserein eindringlicher, präzise erzählter Film über Macht, Patriarchat und institutionalisierte Gewalt. Im Zentrum steht Lydia Escher, die Tochter von Alfred Escher, deren Einweisung in eine psychiatrische Klinik nicht als medizinische Notwendigkeit, sondern als Akt männlicher Machtausübung sichtbar wird. Sennhauser hebt die ruhige, konzentrierte Inszenierung hervor und betont, wie konsequent der Film jede Sensationslust vermeidet. Statt historischer Distanz entfaltet sich ein zeitloser Kommentar zu strukturellem Machtmissbrauch und zur systematischen Einschränkung weiblicher Selbstbestimmung.

👉 Die vollständige Kritik von Michael Sennhauser ist auf seinem Filmblog zu lesen: www.sennhausersfilmblog.ch