Szene
Human Rights Film Festival Zurich: Standing Ovation für JE SUIS NOIRES

Kosmos: Saftige Ohrfeige für das Human Rights Film Festival Zurich

Mitten im Festival gibt das Kosmos seinen Konkurs bekannt und lässt Festivalbesucher:innen und 400 Schüler:innen vor der Türe stehen.

Die Verzweiflung der Kosmos-Kultur AG musste riesig gewesen sein. Sie hielt es nicht mal für nötig, die Macher:innen des Human Rights Film Festivals über die Schliessung des Kulturbetriebes zu informieren. Zwei von sechs Festivaltagen fielen ins Wasser und die Leute blieben auf ihren Tickets sitzen. Trotz finanziellem Verlust wird es aber auch 2023 eine Feststivalausgabe geben, denn die ersten vier Tage der Veranstaltungen wurden zum Publikumsmagnet. Menschenrechte sind hoch im Kurs.

Jähes Erwachen für das Human Rights Film Festival Zurich

Nach vier erfolgreichen Festivaltagen gab es am Montag für die Macherinnen des Human Rights Film Festival Zurich ein böses Erwachen. Der langjährige Kinopartner Kosmos-Kultur AG hatte am Morgen Konkurs angemeldet. Ein grosses Kulturhaus war am Ende, 71 Mitarbeiter:innen verloren ihre Arbeit. Das Team des Human Rights Film Festival Zurich war im Vorfeld nicht informiert worden und stand vor verschlossenen Türen. Ein Ausweichen in alternative Kinosäle war trotz Bemühungen und grosser Hilfsbereitschaft von Partner:innen so kurzfristig nicht möglich. Die verbleibenden zwei Festivaltage vom 5. und 6. Dezember fielen aus, 13 Filmvorführungen und Veranstaltungen mussten abgesagt, Gäste, die bereits unterwegs waren, wieder nach Hause geschickt werden. Weil der Vorverkauf rege genutzt worden war, blieben viele Festivalbesucher:innen auf den beim Kosmos gekauften Tickets sitzen. Eine Rückerstattung ist laut Kosmos-Kultur AG nicht möglich. Zu den abgesagten Veranstaltungen gehörten auch fünf Schulvorstellungen, für die sich 400 Schüler:innen angemeldet hatten.

Brandaktuelle Filme und volle Kinosäle

Die Situation der Frauen im Iran und die dortigen Protestbewegungen erhielten an der 8. Ausgabe des Human Rights Film Festival Zurich viel Aufmerksamkeit. Die Spezialvorführung des Spielfilms UNTIL TOMORROW des iranischen Filmemachers Ali Asgari war ausverkauft. Der Film zeigt eindrücklich, wie begrenzt die Selbstbestimmung von Frauen im Iran ist und wie ein Klima von Misstrauen und Angst zwischenmenschliche Begegnungen bestimmt. Das machte auch das anschliessende Publikumsgespräch mit der iranischen Aktivistin Maryam Banihashemi deutlich. Ausgehend von den Erfahrungen der Protagonistin im Film und ihren eigenen Erlebnissen schilderte sie, weshalb die Iranerinnen zurzeit so laut wie noch nie und unter Lebensgefahr gegen das unterdrückerische Mullah-Regime protestieren.

Strukturelle Rassismen

Auf grosses Interesse stiess auch der Dokumentarfilm JE SUIS NOIRES, in dem Rachel M’Bon als Schwarze Frau und Schweizerin auf Identitätssuche geht. Ihre Erfahrung mit strukturellen Rassismen und ihr Kampf um gesellschaftliche Anerkennung war auch Thema der anschliessenden Diskussion mit der Filmemacherin, der Protagonistin und Psychologin Carmel Fröhlicher-Stines und Mandy Abou Shoak, Expertin für Gewaltprävention. Ein weiterer Höhepunkt war der künstlerisch ambitionierte Dokumentarfilm ASCENSION von Jessica Kindon. Unkommentierte Bilder von chinesischen Produktionsketten und Alltagsszenen hinterliessen ein Gefühl, dass das Individuum wenig zählt – und gaben Anlass zu einer engagierten Debatte.

Gäste aus dem In- und Ausland

Nach den zwei schwierigen Corona-Jahren konnten für die 8. Ausgabe endlich wieder viele Gäste und Filmemacher:innen aus dem In- und Ausland anreisen. Der Schweizer Filmemacher Lionel Baier eröffnete das Festival mit CONTINENTAL DRIFT (SOUTH), einer Satire auf die europäische Migrationspolitik. Maja Tschumi feierte mit ihrer Dokumentation ROTZLOCH am Human Rights Film Festival Zurich den Kinostart ihres Films. Elwira Niewiera und Piotr Rosolowski präsentierten THE HAMLET SYNDROME, in dem sich eine junge, vom Krieg im Donbass geprägte Generation von Ukrainer:innen anlässlich einer Theaterproduktion ihren Zweifeln, Ängsten und Hoffnungen stellt. Aus Kolumbien schaltete sich der Filmemacher Nicolas van Hemelryck zu, der für seinen und Clare Weiskopfs Film ALIS den Prix Célestine von Interfilm Schweiz erhielt. In diesem sensiblen Dokumentarfilm finden jugendliche Heimbewohnerinnen in Bogotá über die fiktive Figur «Alis» Worte für Missbrauch, Traumata und Einsamkeit.

Menschenrechte zum Anfassen

Im diesjährigen Rahmenprogramm CALL TO ACTION konnte das Publikum dem Thema Menschenrechte auf anschauliche Weise näherkommen. In der Kinoallee im Kosmos luden kleine, lokale Organisationen und Menschen, die sich sozial und nachhaltig orientieren zur Bürger:innenpartizipation ein. DIE EINMACHBIBLIOTHEK warb mit eingemachten Köstlichkeiten für ein alternatives Ernährungssystem. Am Stand von SOCIAL FABRIC konnten Besucher:innen mit Stoffresten und Stickereien Grusskarten gestalten und dabei mit Menschen mit Fluchterfahrung ins Gespräch kommen. Die Fotoausstellung DER ANDERE BLICK zeigte unter anderem Werke der iranischen Fotografin Forough Alaei. Für ein musikalisches und sprachliches Highlight sorgten Melinda Nadj Abonji und Jurczok 1001 am Samstagabend mit ihrer mitreissenden Mischung aus kurzen Erzählungen, Spoken-Word-Texten, elektrischer Geige, Gesang, Human Beatbox und Loops.

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