Interviews
Regisseur Patrick Mouroni auf dem Festivalgelände von Visions du Réel in Nyon.

«Klar weiss ich: Sex sells. Aber darum geht es in meinem Film ja nicht.»

In «Ardente·x·s» geht es zwar um Pornofilme, die Tabus brechen – aber so ganz anders, als man sich das im ersten Moment vorstellt …

Er war der Publikumsrenner am ersten Wochenende des diesjährigen Visions du Réel: «Ardente x.s.» von Patrick Muroni. Der Filmemacher begleitet darin während eines Zeitraums von drei Jahren eine Gruppe von sechs Frauen, die sich der Realisierung ‹dissidenter›, ‹ethischer› Pornofilme widmen. Für den 1993 in Moudon/VD geborenen Regisseur, der 2017 seine Studien an der Lausanner Kunsthochschule ECAL abschloss, ist es sein erster langer Dokumentarfilm.

«Ich behaupte, dass ich meinen männlichen Blick gut geschult habe.»
Patrick Muroni

Patrick Muroni im Interview

von Geri Krebs

Als einziger der 160 Filme des diesjährigen Festivalprogramms enthält «Ardente x.s.» im Programmheft eine Trigger-Warnung: «Contains explicit scenes which may offend the sensibility of certain viewers.» Eine Garantie für verstärkte Aufmerksamkeit?
Die Warnung stammt ja nicht von mir, da müssten Sie die Festivalleitung fragen. Klar weiss ich: Sex sells. Aber darum geht es in meinem Film ja nicht. «Ardente x.s.» enthält zwar Szenen, die einige Menschen verstören könnten, aber ich glaube nicht, weil sie pornografisch sind, sondern weil sie Dinge zeigen, die nicht den genormten Bildern des Mainstream-Porn entsprechen. Meine Bilder widersetzen sich der Fragmentierung der Körper, solche Bilder sind dokumentarisch und nicht pornografisch.

Und wenn ich jetzt insistiere und frage: Wann sind Bilder pornografisch und wann sind sie dokumentarisch?
Ganz einfach: Es kommt auf den Kontext an.

Wo liegen die Ursprünge Ihres doch eher ungewöhnlichen Filmprojekts?
Ich kenne Nora Smith, eine der Protagonistinnen und Mitbegründerinnen des Kollektivs oilproductions.ch seit vielen Jahren. Sie ist seit meiner Zeit an der ECAL eine gute Freundin. Nora war in der Fotoklasse, ich zunächst in der Klasse für bildende Kunst, später dann in der Filmklasse, so sind wir uns oft begegnet. Durch Nora habe ich dann auch Melanie Boss kennengelernt, die als Anthropologin auf das Thema der Entmystifizierung der Sexualität und der ‹ethischen› Pornos stiess. Als Melanie und Nora dann 2018 anfingen, selber solche Filme zu realisieren und oilproductions.ch gründeten, gab es bereits eine Vertrauensbasis zwischen uns. So entstand langsam die Idee von «Ardente x.s.». Und die dreijährige Entstehungszeit des Films war dann wirklich ein Parcours gegenseitigen Vertrauens zwischen mir und meiner Equipe einerseits und den Protagonst:innen.

Männer sind in Ihrem Film nur spärlich vertreten. Sie spielen – abgesehen von einer Szene, in der ein bärtiger, stark tätowierter Hevy-Metal-Musiker während drei Minuten vor der Kamera masturbiert – ansonsten nur eine Statistenrolle. Die übrigen expliziten Sex-Szenen zeigen fast ausschliesslich sexuelle Aktivitäten zwischen Frauen. Warum?
oilproductions.ch war zur Zeit der Dreharbeiten ein Kollektiv von sechs Frauen, beziehungsweise von fünf Frauen und einer Transperson – was ich aber absichtlich nicht thematisiert habe. Und die Frauen sagen ja einmal im Film, dass Mainstreampornos von Männern für Männer gemacht werden. Sie hingegen möchten Pornos vor allem für Frauen, aber auch für Queers und alle anderen Menschen machen, die openminded sind.

Noch mal: Warum sieht man so wenige Männer bei sexuellen Aktivitäten?
Es gibt in den Filmen von oilproductions.ch durchaus mehr Szenen mit Männern, aber es lag letztlich auch in der Entscheidung des Kollektivs, welche Szenen in meinen Film Eingang finden und welche nicht. Und wenn ich auf die von Ihnen erwähnte Szene mit dem masturbierenden Mann zurückkommen darf: Das ist ein Ausschnitt aus einem längeren Film, bei dem es darum ging, dass eine Frau und ein Mann Sex haben, ohne dass sie sich gegenseitig berühren.

Wie gingen Sie bei den Dreharbeiten damit um, dass Sie als Mann Frauen filmen, die miteinander Sex haben?
Wir haben natürlich jede Szene, die ich filme, zuvor genauestens durchdiskutiert: Wie und wo ich die Kamera platziere, was ich filme, um die Körper nicht zu reinen Objekten zu degradieren. Es war klar, dass ich bei den intimsten Momenten allein war, ohne meine Equipe, die ich sonst dabei hatte. Und ich würde von mir behaupten, dass ich jemand bin, der sehr viel über den männlichen Blick, den berühmten ‹male gaze› gelesen hat. Ich habe mich eingehend mit den Schriften von Virginie Despentes, Iris Brey oder Mona Chollet auseinandergesetzt und darüber viel mit meinen Protagonistinnen diskutiert.

Was charakterisiert einen ‹ethischen› Porno?
Er zeigt Szenen, die in gegenseitigem Einvernehmen entstanden sind, er will Tabus brechen und er will beim Publikum Mentalitäten und Horizonte erweitern.

Produziert hat «Ardente x.s.» Stéphane Goël, ein Produzent, der fast dreissig Jahre älter ist als Sie und selber Dokumentarfilme dreht, meist mit einem starken aktivistisch-politischen Gehalt (zuletzt «Citoyen Nobel», ein Dokumentarfilm über einen Nobelpreisträger, der sich in der Klimabewegung engagiert). Wie sind Sie ausgerechnet auf Stéphane Goël gekommen?
Stéphane war einer meiner Dozenten an der ECAL, später hatte ich das Privileg, während drei Jahren als Regieassistent bei seinen Filmen tätig sein zu dürfen. Als 2019 mein Kurzfilm «Un matin d’été» am Locarno Film Festival Premiere feierte, es war Stéphane, der mich geradezu drängte: Patrick, jetzt solltest du aber unbedingt mal einen langen Film machen. Er war von Anfang an begeistert von meiner Idee, einen Film mit den Frauen von oilproductions.ch zu realisieren und hat mich immer tatkräftig unterstützt.

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