Kurt Hirschfeld war Kommunist, deutscher Jude, Emigrant – und eine der zentralen Figuren, die das Schauspielhaus Zürich im 20. Jahrhundert zu einem kulturellen Bollwerk gegen den Faschismus formten. Der Dokumentarfilm folgt der Biografie des Dramaturgen, Intendanten, Publizisten und späteren Direktor des Zürcher Schauspielhauses Kurt Hirschfeld von der deutschen Provinz über Frankfurt und Darmstadt nach Zürich. Eine exemplarische Geschichte von Haltung, Kunst und politischer Konsequenz.
HIRSCHFELD – UNBEKANNTER BEKANNTER
- Publiziert am 20. Dezember 2025
Stina Werenfels und Samir machen sichtbar, wie ein Dramaturg das Schauspielhaus Zürich zur Bühne des Widerstands machte.
HIRSCHFELD – UNBEKANNTER BEKANNTER | SYNOPSIS
Kurt Hirschfeld verkörpert das Drama des 20. Jahrhunderts: jüdisch, kommunistisch, intellektuell – und immer in Bewegung. In den 1930er-Jahren macht er sich in Deutschland als Dramaturg einen Namen, wird von den Nazis vertrieben, von der Schweiz abgewiesen, arbeitet in Moskau mit Meyerhold und flieht erneut vor Stalins Terror. Mit knapper Not kehrt er nach Zürich zurück und wird zum strategischen Kopf des Schauspielhauses. Dort versammelt er exilierte Künstler:innen wie Bertolt Brecht und Therese Giehse und schmiedet ein ungewöhnliches Bündnis mit konservativen, antifaschistischen Schweizer Kulturschaffenden. Das Schauspielhaus wird zum wichtigsten Ort des kulturellen Widerstands gegen den Faschismus in Europa. Nach dem Krieg formt Hirschfeld das Haus zu einem der führenden Theater des deutschsprachigen Raums und prägt mit Frisch, Dürrenmatt und jungen amerikanischen Autoren den Kanon des modernen Theaters. Doch nach seinem Tod 1964 gerät er in Vergessenheit. Kein Buch, kein Film erzählt bisher sein Leben. Warum? Und was sagt dieses Schweigen über die Schweiz und ihre unvollständig erzählte Geschichte im Schatten des Nationalsozialismus?
Info
Kurt Hirschfeld war Dramaturg, Theaterintendant und Kulturpolitiker – und eine der prägenden Figuren des Schauspielhauses Zürich im 20. Jahrhundert.
Geboren: 1902 in Lehrte, Deutschland
Gestorben: 1964 in Tegernsee, Deutschland
Beruf: Dramaturg, Intendant, Publizist
Politische Haltung: links, antifaschistisch, kommunistisch geprägt
Exil: Flucht vor dem Nationalsozialismus in die Schweiz
Warum er wichtig ist: Kurt Hirschfeld machte das Schauspielhaus Zürich in den 1930er- und 1940er-Jahren zu einem der wichtigsten Exil- und Widerstandstheater Europas. Er holte verfolgte Autor:innen und Künstler:innen aus Nazideutschland nach Zürich, ermöglichte Uraufführungen verbotener Stücke (u. a. von Brecht) und verstand Theater als politische Verantwortung, nicht als blossen Unterhaltungsbetrieb.
Kurz gesagt: Kurt Hirschfeld war der Mann im Hintergrund, der zeigte, dass Theater Haltung haben kann – und manchmal haben muss.
Theater als Haltung
Kurt Hirschfeld war nicht das Gesicht der Bühne, sondern ihr organisatorisches Rückgrat: Dramaturg, Netzwerker, Antreiber, Möglichmacher. Der Film zeigt, wie er – geprägt von Literatur, Politik und Exilerfahrung – das Schauspielhaus Zürich in den 1930er- und 1940er-Jahren zu einem europaweit beachteten Ort des geistigen Widerstands formte. Unter seiner Mitverantwortung wurden hier Texte von Bertolt Brecht gespielt, als sie in Deutschland verboten waren, Stücke verfolgter Autor:innen uraufgeführt und Schauspieler:innen engagiert, die anderswo keine Bühne mehr fanden. Das Schauspielhaus wurde zu einem Ort des Exils – und zu einer Bühne, auf der Faschismus, Gewalt und Machtmissbrauch offen verhandelt wurden. Theater bedeutete hier nicht Ablenkung, sondern Stellungnahme: Abend für Abend, Stück für Stück. Allerdings zeigt die historische Forschung, dass dies zwar die Wahrnehmung späterer Jahre war, aber in den 1930er-Jahren kontrovers diskutiert wurde; nicht alle sahen das Haus eindeutig als antifaschistischen Widerstandsort – es gab politische Spannungen und Kritik in der Schweiz.

Die Suche der Tochter
Ausgangspunkt des Films ist die Spurensuche von Hirschfelds Tocher Ruth, eine der heute einflussreichsten Casting-Direktorinnen der Schweiz. Ihre Reise führt durch Archive, Briefe und Erinnerungen, zu Orten des Exils und an die Grenzen des Sagbaren. Werenfels und Samir verweben diese persönliche Annäherung mit der politischen Geschichte des 20. Jahrhunderts – und öffnen damit den Blick auf die Gegenwart. Denn der Film stellt unausgesprochen eine Frage, die heute wieder dringlich ist: Warum wirkt eine solche Klarheit der Haltung an grossen Bühnen so selten – und warum wünscht man sie sich gerade jetzt umso mehr? HIRSCHFELD – UNBEKANNTER BEKANNTER wird somit zu einer Art Plädoyer, dass Theater mehr sein kann als ästhetische Behauptung – und dass man sich eine solche Haltung heute an den grossen, etablierten Bühnen wieder vermehrt wünscht. Der Film ist zudem ein persönlicher Primeur: Erstmals arbeitet der Schweizer Erfolgsregisseur Samir mit seiner Frau Stina Werenfels als Regieduo zusammen.

Ein Schatten über Max Frisch
Der Film verschweigt auch die Ambivalenzen nicht – und wirft dabei einen stillen Schatten auf Max Frisch. Der spätere enge Freund Kurt Hirschfelds äusserte sich in jungen Jahren in der NZZ polemisch gegen das Schauspielhaus: Er sprach von «Überfremdung» durch deutsche Emigrant:innen und unterstellte dem Haus eine opportunistische Deutschlandkritik aus finanziellen Gründen. Positionen, von denen sich Frisch später radikal distanzierte. Entscheidend ist jedoch: Es war Kurt Hirschfeld, der an Frisch glaubte, konsequent förderte und gross machte. Ohne Ressentiment, ohne nachtragend zu sein. Gerade in dieser Grosszügigkeit, im souveränen Umgang mit früheren Angriffen, zeigt sich die Haltung Hirschfelds, der nicht abrechnete, sondern für den das Theater die Welt war. Auch darin liegt die stille Grösse dieses unbekannten Bekannten, dem wir auch den Erfolg vom Friedrich Dürrenmatt zu grossen Teilen zu verdanken haben. Hirschfeld und Dürrenmatt verband ebenso eine innige Freundschaft wie jene zu Frisch.
Für uns gesehen hat den Film in Soltothurn Felix Schenker.
