Die Geschichte der Internationale Filmfestspiele Berlin lässt sich auch über zwei Frauen erzählen: Hildegard Knef und Marlene Dietrich, beide in Berlin-Schöneberg aufgewachsen. Die eine provozierte und kehrte immer wieder zurück. Die andere ging ins Exil, wurde Weltstar – und blieb die grosse Abwesende trotz Berliner Wurzeln.
Diven, Distanz und Rückkehr: Hildegard Knef und Marlene Dietrich im Kontex der Berlinale
- Publiziert am 18. Februar 2026
Zwei Ikonen, zwei Lebenswege – und ein Festival, das zwischen Glamour und Politik seine Identität findet.
Skandal, Selbstbehauptung und Nachkriegsmoderne
Als die Berlinale 1951 gegründet wurde, war sie mehr als ein Filmfestival: Sie war kulturpolitisches Statement im Kalten Krieg. West-Berlin sollte Schaufenster der freien Welt sein. In dieses Klima platzte Hildegard Knef – mit dem Skandalfilm DIE SÜNDERIN. Eine kurze Nacktszene genügte, um Empörung, Boykottaufrufe und moralische Entrüstung auszulösen. Knef wurde zur Projektionsfläche: für eine Gesellschaft zwischen Schuld, Neuanfang und Prüderie. Doch sie blieb. Sie arbeitete in Hollywood, am Broadway, als Chansonnière. Sie kehrte zurück. Und sie blieb Teil jener Berliner Öffentlichkeit, die das Festival mitprägte. Knef verkörperte eine widersprüchliche Moderne: verletzlich, stolz, unangepasst.

Die Abwesende als Ikone
Marlene Dietrich war längst Weltstar, als es die Berlinale noch nicht gab. Mit DER BLAUE ENGEL wurde sie 1930 international bekannt, Hollywood machte sie zur Legende. Während des Nationalsozialismus stellte sie sich klar gegen das Regime und unterstützte die Alliierten – ein Bruch, der ihr Verhältnis zu Deutschland dauerhaft prägte. In Berlin blieb sie lange eine umstrittene Figur. Als sie in den 1960er-Jahren auftrat, schlug ihr nicht nur Bewunderung entgegen. Für die Berlinale aber wurde sie zur symbolischen Schutzfigur. Das Festivalzentrum liegt am Marlene-Dietrich-Platz, ihr Name steht für internationale Strahlkraft, Glamour und Haltung. Sie war selten physisch präsent – aber immer Teil der Erzählung.

Zwei Modelle deutscher Filmgeschichte
Hildegard Knef und Marlene Dietrich markieren zwei Pole: Die eine steht für das Ringen um eine neue westdeutsche Identität im Nachkriegskino – provokant, verletzlich, nahbar. Die andere für das Exil, die Weltläufigkeit und die moralische Konsequenz einer Künstlerin, die sich nicht vereinnahmen liess. Die Berlinale bewegte sich stets zwischen diesen Polen: politisches Festival und Glamour-Event, Ort der Selbstvergewisserung und Bühne der Weltstars. Vielleicht erzählt kaum etwas die Identität der Berlinale so deutlich wie dieser Kontrast: Knef, die blieb und sich den Blicken stellte. Dietrich, die ging und zur Legende wurde. Zwischen Nähe und Distanz, Skandal und Mythos formte sich ein Festival, das bis heute um Haltung und Strahlkraft ringt – im Schatten zweier Diven, die unvergesslich bleiben.

