Als Kaminfeger und als Dachdecker liebte es Beelers Grossvater auf Kirchtürmen in schwindelerregender Höhe zu arbeiten. Für den kleinen Edwin war sein Opa ein Glücksbringer und die Verkörperung des starken Mannes. Doch der Sturz des Grossvaters vom Dach veränderte alles. Hauptprotagonistin in Beelers Film ist seine Mutter, 88-jährig. Zusammen mit drei Geschwistern blickt sie auf ihr Leben zurück, erinnert sich an weibliche Rollenzuweisungen und wie sie mit dem Tod ihrer Eltern umgegangen ist.
DER MANN AUF DEM KIRCHTURM
DER MANN AUF DEM KIRCHTURM | SYNOPSIS
Der Film folgt Edwin Beelers persönlicher Reise in die eigene Familiengeschichte. Ausgehend vom Unfall seines Grossvaters entfaltet sich ein tiefes Nachdenken über Verlust und Erinnerung. Im Mittelpunkt steht Beelers Mutter, die mit ihren 88 Jahren auf ein Leben voller Pflichten und verpasster Möglichkeiten zurückblickt. Ihre Erzählungen offenbaren die engen Grenzen weiblicher Rollenbilder in ihrer Generation. Poetische Bilder und Archivmaterial verweben sich zu einem intimen Porträt von Stärke und Verletzlichkeit. Der Film zeigt, wie das eigene Erbe weiterwirkt – und wie wir durch das Erzählen neuen Halt finden.
FILMEMACHER FREDI MURER AN EDWIN BEELER
DER MANN AUF DEM KIRCHTURM ist ein schöner und sehr persönlicher Film mit magischen Momenten. Eine einfühlsame Hommage an deinen Grossvater und eine grosse Umarmung des Familienclans, aus dem du selbst hervorgegangen bist. Da gibt es zum Glück keine Nobelpreisträger und Generäle zu bewundern und auch keine Kranzschwinger, Chefärztinnen oder Kantonsräte, sondern Kaminfeger, Wagnerinnen und Mütter, die ein Dutzend Kinder zur Welt brachten, aus denen alle etwas wurden. Rechtschaffene und viel schaffende Menschen, meist Handwerker und Hausfrauen, wie es eben in den Zeiten unserer Eltern und Grosseltern nach Recht und Tradition – und nicht zuletzt «in Gottes Namen» – halt so war. Ein rarer Blick hinab in die Tiefe der ländlichen Schweiz und hinauf zu den Sternen.
STATEMENT | EDWIN BEELER
«Mir scheint, mein Grossvater wurde mit einem Rollenverständnis sozialisiert, das emotionale Offenheit bei Männern als Schwäche wertet. Seine Gefühle konnte er weder erkennen noch ausdrücken.» – Edwin Beeler
DER MANN AUF DEM KIRCHTURM | REZENSION
Für uns gesehen hat den Film Rolf Breiner
Zwischen Höhe und Absturz
Johann Nussbaumer war im zugerischen Oberägeri eine bekannte Figur. Kaminfeger, Dachdecker, Handwerker alter Schule – einer, der hoch hinausstieg, auf Dächer und Kirchtürme, und der im Dorf als Glücksbringer galt. Schwarz gekleidet, mit Zylinder, respektiert und angesehen. Für seinen Enkel Edwin Beeler war dieser Grossvater eine prägende Gestalt. DER MANN AUF DEM KIRCHTURM ist der Versuch, dieser Figur filmisch nahezukommen – und zugleich zu verstehen, warum sie 1989 ihrem Leben selbst ein Ende setzte.
Erinnern als filmische Recherche
Beeler wählt keinen rein biografischen Zugang. Sein Film ist eine tastende Recherche, gespeist aus Erinnerungsstücken, Archivmaterial und Gesprächen. Super-8-Farbfilme und 16-mm-Schwarzweissaufnahmen treffen auf Fotografien, Dokumente und Zeugnisse von Familienangehörigen und Zeitzeugen. Dazwischen kurze, bewusst einfache Spielszenen: Der junge Edwin, verkörpert von David Meile, begegnet symbolischen Objekten – dem Zylinder des Kaminfegers, einem turnenden Clown. Erinnerungsfragmente, keine Rekonstruktionen.
Ein Erzähler (Hanspeter Müller-Drossaart) ordnet ein, stellt Fragen, denkt laut nach. Seine Stimme drängt sich nicht auf, sondern schafft Distanz und Reflexion – auch dort, wo das Bild emotional wird.
Arbeit, Rolle, Sprachlosigkeit
Zentral ist der Bruch im Leben Johann Nussbaumers: ein schwerer Sturz vom Dach, der den körperlich starken Mann dauerhaft schwächt. Was folgt, ist kein dramatischer Niedergang im filmischen Sinn, sondern ein schleichender Verlust von Selbstverständnis. Der Film zeigt, wie sehr Nussbaumers Identität an Arbeit, Autonomie und patriarchaler Verantwortung hing. Als er diese Rolle nicht mehr erfüllen konnte, blieb ihm – so legt es der Film nahe – kaum eine Sprache für seine Not. Familienmitglieder sprechen offen über das, was damals nicht benannt wurde. Depression als Begriff existierte kaum, zumindest nicht im Alltag eines ländlichen Milieus. Die Aussagen der Mutter, des Onkels und weiterer Zeitzeugen machen deutlich: Leiden wurde nicht thematisiert, sondern getragen – oder verschwiegen.
Dorf im Wandel
Parallel zur Familiengeschichte zeichnet DER MANN AUF DEM KIRCHTURM ein Bild der Dorfgemeinschaft von Oberägeri. Archivbilder von Festen, Umzügen und Wirtshauskultur kontrastieren mit heutigen Stimmen, die vom Verschwinden sozialer Orte sprechen. Der Film macht diesen Wandel nicht zum Hauptthema, aber er verankert das persönliche Schicksal in einem grösseren gesellschaftlichen Kontext.
Johann Nussbaumer erscheint so nicht nur als Einzelfigur, sondern als exemplarischer Vertreter einer Generation von Büezern, deren Selbstwert eng an Leistung, Stärke und Unabhängigkeit gekoppelt war.
Leiser Film, grosse Reichweite
Beelers Film verzichtet auf Dramatisierung. Seine Stärke liegt im ruhigen Erzählen, im Vertrauen auf Bilder, Stimmen und Leerstellen. DER MANN AUF DEM KIRCHTURM urteilt nicht, erklärt nicht abschliessend – er stellt Zusammenhänge her und lässt Widersprüche stehen.
Gerade dadurch gewinnt der Film eine Relevanz, die weit über Oberägeri hinausreicht. Es ist ein präzises, feinfühliges Porträt eines Menschen – und zugleich eine stille Reflexion über Arbeit, Männlichkeit und gesellschaftliche Erwartungen im 20. Jahrhundert.
Fazit
DER MANN AUF DEM KIRCHTURM ist ein stiller, eindringlicher Dokumentarfilm, der seine Kraft aus Zurückhaltung und Präzision bezieht. Edwin Beeler gelingt es, eine zutiefst persönliche Familiengeschichte so zu erzählen, dass sie gesellschaftliche Dimensionen annimmt. Ohne Anklage, ohne Psychologisierung macht der Film sichtbar, wie eng Arbeit, Identität und Schweigen miteinander verwoben waren – und teilweise noch sind. Ein klug komponiertes, menschlich berührendes Porträt, das lange nachwirkt und Fragen stellt, wo früher keine gestellt werden durften.

