DER HELD VOM BAHNHOF FRIEDRICHSTRASSE ist eine herzenswarme Komödie, die die Kraft des Geschichtenerzählens, die Tücken der deutschen Erinnerungskultur und die Hierarchie der Geschichtsschreibung thematisiert. Der Film bringt Wolfgang Beckers letzte, in Zusammenarbeit mit Constantin Lieb geschriebene und von seinen künstlerischen Wegbegleitern Achim von Borries und Stefan Arndt fertiggestellte Arbeit ins Kino.
DER HELD VOM BAHNHOF FRIEDRICHSTRASSE
Romanverfilmung über eine Massenflucht aus der DDR mit der Berliner S-Bahn, die ungewollt zur Hommage an den verstorbenen Wolfgang Becker wurde.
DER HELD VOM BAHNHOF FRIEDRICHSTRASSE | SYNOPSIS
Michael Hartung, der Besitzer einer hoffnungslos überschuldeten Videothek, hat sein Leben lang auf das falsche Pferd gesetzt. Als ein ehrgeiziger Journalist ihn mit den Ergebnissen seiner Recherche konfrontiert, ändert sich für den charmant-melancholischen Micha alles. Der Journalist behauptet, dass Micha vor vielen Jahren als Angestellter der Reichsbahn die grösste Massenflucht der DDR organisiert habe. Angeblich gibt es Beweise in den Stasi-Akten und sogar einen Gefängnisaufenthalt, gefolgt von einer Zwangsversetzung in den Braunkohle-Tagebau. Von einer verlockenden Gage verführt, bestätigt Micha die Geschichte, obwohl nur wenige Bruchstücke davon der Wahrheit entsprechen.

Wolfgang Beckers letzter Film
Der deutsche Regisseur Wolfgang Becker starb am 12. Dezember 2024 im Alter von 70 Jahren nach schwerer Krankheit und doch relativ unerwartet. DER HELD VOM BAHNHOF FRIEDRICHSTRASSE war sein letzter Film, den er leider selber nicht mehr zu Ende führen konnte. Der deutsche Regisseur und Filmproduzent wurde vor allem durch seine Tragikomödie GOOD BYE, LENIN! weltberühmt, der 2003 mit über sechs Millionen Zuschauer:innen der erfolgreichste deutsche Film des Jahres war. Für den Film erhielt er zahlreiche Preise, darunter den Deutschen Filmpreis (neun Lolas), den europäischen Filmpreis César und den spanischen Goya. 1994 gründete er gemeinsam mit Stefan Arndt, Tom Tykwer und Dani Levy die Produktionsfirma X Filme. Wolfgang Becker war auch eines der Gründungsmitglieder der Deutschen Filmakademie.

DER HELD VOM BAHNHOF FRIEDRICHSTRASSE | REZENSION
Für uns gesehen hat den Film Rolf Breiner
Der Zufall als grosse Erzählung
Dreissig Jahre nach dem Mauerfall wird 2019 in Berlin nach grossen Geschichten gesucht. Der Journalist Alexander Landmann (Leon Ullrich) glaubt, eine solche gefunden zu haben: In einer alten Stasi-Akte stösst er auf den Namen Micha Hartung. Ein Reichsbahn-Angestellter, der 1984 angeblich eine S-Bahn mit 127 Passagier:innen von Ost- nach Westberlin umleitete – durch eine falsch gestellte Weiche am Bahnhof Friedrichstrasse. War es ein Versehen? Ein Sabotageakt? Oder gar eine geplante Massenflucht? Landmann ist klar: Diese Geschichte ist Gold wert. Für Hartung hingegen war die Sache nie mehr als ein Missgeschick – eines, das ihn kurz ins Gefängnis brachte und danach in ein unauffälliges Leben führte.
Satire mit historischem Resonanzraum
Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von Maxim Leo (2020) und ist keine wahre Begebenheit – aber eine erschreckend plausible. Regisseur Wolfgang Becker inszeniert die Geschichte als feinsinnige Mediensatire über Meinungsmache, kollektive Erinnerung und die Sehnsucht nach einfachen Heldenfiguren. Ironisch, liebevoll und mit sicherem Gespür für deutsche Befindlichkeiten zeigt er, wie Vergangenheit instrumentalisiert wird und wie hartnäckig sich einmal etablierte Narrative halten – selbst dann, wenn sie längst widerlegt sind.
Ein grosses Ensemble, ein leiser Abschied
Das hochkarätige Ensemble macht das verschmitzte Zeitbild zum Vergnügen: Leonie Benesch als Michas Tochter, Jürgen Vogel als Werbefilmregisseur, Peter Kurth als Stasi-Drahtzieher, Daniel Brühl als Serienstar und Katarina Witt als Sportikone. Kleine Auftritte, grosse Wirkung. DER HELD VOM BAHNHOF FRIEDRICHSTRASSE ist zugleich auch ein Vermächtnis: Wolfgang Becker, der mit «SCHMETTERLINGE» 1988 in Locarno den Goldenen Leoparden gewann und 1994 mit Tom Tykwer, Stefan Arndt und Dani Levy die Produktionsfirma X Filme gründete, starb ein Jahr vor der Fertigstellung. Die Postproduktion erlebte er nicht mehr.
Fazit
DER HELD VOM BAHNHOF FRIEDRICHSTRASSE ist eine kluge, unterhaltsame und bittere Satire über den Hunger nach Helden und die Macht der Erzählung. Ein Film, der zeigt, wie schnell ein Mensch zur Projektionsfläche wird – und wie schwer es ist, aus dieser Rolle wieder auszubrechen. Ein würdiger, nachdenklicher Abschied von Wolfgang Becker und ein starkes Stück Kino über Wahrheit, Lüge und das, was wir allzu gern glauben wollen.
IN SCHLAGWORTEN – WARUM MAN DEN FILM NICHT VERPASSEN SOLLTE
Thematische Tiefe: Der Film erforscht, wie wir Geschichten über Geschichte erschaffen, Erinnerungen verändern und erfinden.
Herzliche Komödie: DER HELD VOM BAHNHOF FRIEDRICHSTRASSE ist eine witzige und vergnügliche Geschichte über die Macht des Geschichtenerzählens, die sich über die Tücken der deutschen Erinnerungskultur lustig macht.
Hommage an Wolfgang Becker: Der Film ist die letzte Arbeit des gefeierten Regisseurs und wird zur finalen Würdigung seiner filmischen Laufbahn.
Wirkungsvolle Geschichte: DER HELD VOM BAHNHOF FRIEDRICHSTRASSE erzählt eine inspirierende Geschichte über das Leben und die Kraft der Erzählungen und wie ein einzelner Held unsere Wahrnehmung von Vergangenheit verändern kann.