Szene
«Corsage» von Marie Kreutzer

Das Kinojahr 2022

Unsere Filmjournalist:innen schauen zurück und verraten, welche Filme sie 2022 bewegt haben.

Ein Kinojahr ist lang und viele Filme ziehen vorüber, ohne gross im Gedächtnis zu bleiben. Doch immer wieder gibt es den einen, der – mal absehbar oder dann auch sehr unerwartet – eine eindeutige Spur bei einem selbst hinterlässt. Als kleinen Rückblick haben wir unsere arttv Filmjournalist:innen gebeten, in sich zu gehen und die drei Filme zu definieren, die sie im Kinojahr 2022 am meisten beeindruckt haben. Welches waren die besten Spiel- und Dokumentarfilme, welches der beste Schweizer Film?

Spielfilm

Madeleine Hirsiger: Corsage – Ein neuer, moderner Blick aufs Leben der Kaiserin Sissi, ab und zu bleibt einem die Luft weg.

Rolf Breiner: Presque – Eine Entdeckungsreise: Ein Bestatter und ein körperlich Behinderter werden Freunde und entdecken gemeinsam ihre Lebenslust. Der Walliser Alexandre Jollien und der Franzose Bernard Campanhaben haben das Konzept entwickelt und spielen sich praktisch selber.

Doris Senn: L’évènement – Ein «Ereignis» auch der Film: Audrey Diwan bringt den autofiktionalen Roman von Annie Ernaux (Nobelpreis Literatur 2022) über das Schicksal einer jungen Frau in den 60ern, als Abtreibung in Frankreich verboten war, mit seltener Eindringlichkeit auf die Leinwand.

Silvia Posavec: Alcarràs – Ein mit cineastischem Feingefühl erzählter Ensemblefilm über eine katalanische Grossfamilie im Umbruch zwischen Tradition und Moderne. Regisseurin Carla Simón bringt uns die Ängste, Abhängigkeiten und Hoffnungen aller Darsteller:innen nahe, vom kleinen Mädchen bis zum Grossvater – und dabei bindet sie ihr Sozialdrama ganz nebenbei in einen globalen Kontext ein. Absolut verdient mit dem Goldenen Bären der Berlinale 2022 ausgezeichnet.

Geri Krebs: Sundown – Weil hier Langsamkeit und Langeweile mit solch permanenter Hochspannung und so vielen überraschenden Wendungen kontrastieren wie schon lange in keinem anderen Film – und weil Hauptdarsteller Tim Roth schlicht gigantisch ist.

Ondine Perier: Close – Diese eindringliche Freundschaft zwischen zwei Teenagern, die plötzlich zerbricht, hat mich erschüttert. Ich wurde in diese Geschichte hineingezogen, die viel der meisterhaften Darstellung der beiden jungen Protagonisten zu verdanken hat.

Felix Schenker: Close – Mir ging es nicht anders als unserer neuen Kollegin Ondine Perier, der Film hat mich tief bewegt. In der Romandie ist er bereits angelaufen, darum darf ich ihn überhaupt als meinen Lieblingsfilm 2022 wählen. In der Deutschen Schweiz kommt er im April in die Kinos.

Dokumentarfilm

Madeleine Hirsiger: Albert Anker. Malstunden bei Raffael – Dieser Porträtfilm öffnet neue Perspektiven und stellt den grossartigen Künstler in ein neues, internationales Licht.

Rolf Breiner: Lichtspieler – Der Basler Hansmartin Siegrist betrieb Filmarchäologie und illustriert Schweizer Wirtschafts- und Kulturgeschichte anschaulich und anregend.

Doris Senn: Alis – Teenagerinnen finden Zuflucht in einem Heim und erzählen anhand einer erfundenen Figur, was es heisst, in Bogotà aufzuwachsen, während sich ihre Geschichte immer mehr mit der von «Alis» vermischt: dramatische Einblicke und beflügelndes Empowerment zugleich.

Silvia Posavec: Writing with Fire – Diese couragierten indischen Journalistinnen haben den Mut, sich über das diskriminierende Kastensystem hinwegzusetzen und gegen Ungerechtigkeit, Korruption und allem voran Diskriminierung anzuschreiben. Selten hat mich ein Dokumentarfilm so sehr beeindruckt, berührt und motiviert, im Alltag Zivilcourage zu zeigen.

Geri Krebs: L’Îlot – Weil dieser Schweizer Dokumentarfilm eigentlich gar keine Dokumentation ist, sondern ein charmant-verrückter Hybrid. Wie «Sundown» von Michel Franco handelt er vom Fremdsein und von Migration – und das mit zwei so umwerfend originellen Protagonisten, dass dabei kein Auge trocken bleibt. Und auch, weil er als Gewinnerfilm des Visions du Réel immer noch keinen Verleih hat und man ihn (falls verpasst) unbedingt bei den Solothurner Filmtagen sehen sollte.

Ondine Perier: Jane by Charlotte – Spannender und bewegender Dokumentarfilm von Charlotte Gainsbourg über ihre Mutter Jane Birkin, in dem man den aussergewöhnlichen Werdegang der Künstlerin und Muse wiederentdeckt und gleichzeitig zärtliche Momente der Mutter-Tochter-Beziehung erlebt.

Felix Schenker: Schwarzarbeit – Filmkritiker Michael Sennhauser sagt es treffend: «Schwarzarbeit» gehört zu jenen fast perfekten Wunderwerken des Dokumentarischen.» Regisseur Ulrich Grossenbacher ist tatsächlich ein Grossmeister, wenn es darum geht, in einem Dokumentarfilm in einen menschlichen Mikrokosmos vorzudringen.

Schweizer Film

Madeleine Hirsiger: Drii Winter – Eine aufwühlende Liebesgeschichte weit oben in den Urner Bergen, ein Drama altgriechischem Zuschnitts!

Rolf Breiner: Semret – Flucht als Fluch und Herausforderung: Die Zürcherin Caterina Mona beschreibt in ihrem Sozialdrama, wie eine Frau aus Eritrea versucht, ihrer Vergangenheit zu entfliehen und ihre Tochter zu schützen.

Doris Senn: Unrueh – Mit seinem unkonventionellen Werk zu Uhrenindustrie, Anarchismus im Schweizer Jura und was sonst Ende 19. Jahrhundert noch ob war (Fotografie, Eisenbahn und Akkordarbeit) – zeichnet Cyril Schäublin ein gewitztes Porträt einer Epoche und erfindet dabei den Film neu.

Silvia Posavec: Pushing Boundaries – Für die Sportler:innen der ukrainischen Paralympics-Mannschaft begann mit der russischen Annexion der Krim 2014 ein Horror. Lesia Kordonets begleitet die Profisportler:innen und schafft ein eindrückliches Zeitdokument, das ihren vom Krieg zersetzten Alltag und die damit verbundenen Herausforderungen zeigt und wie sie trotz allem weiterhin ihre sportlichen Ziele verfolgen. Hoch politisch, berührend, augenöffnend und mit Blick auf die Naivität der Weltgemeinschaft (vor allem in Bezug auf Sportveranstaltungen) – ernüchternd.

Geri Krebs: Jill – Weil der Schweizer Film dringend mehr derartige ungemein souverän inszenierte, dramaturgisch klug gebaute und atemlos spannende Geschichten wie diese im Überangebot leider völlig untergegangene Filmperle braucht. Dem zwischen den USA und der Schweiz lebenden Steven Michael Hayes ist hier das Kunststück eines Schweizer Films gelungen, der nicht wie ein Schweizer Film aussieht – und das nicht nur, weil die Geschichte in den USA spielt.

Ondine Perier: Olga – Ein wunderschöner Erstlingsfilm, der sich der ukrainischen Revolution im Jahr 2013 annimmt und diese durch den Blick der 15-jährigen Turnerin Olga, die zu ihrer Sicherheit in die Schweiz geschickt wird, miterlebt lässt. Ihre Entschlossenheit, den europäischen Turnwettbewerb zu gewinnen, fasziniert und die Spannung lässt nie nach.

Felix Schenker: Loving Highsmith – Eva Vitija ist einfach eine gute Regisseurin. Ihr bewegendes und filmisch eindringliches Porträt der faszinierenden Schriftstellerin Patricia Highsmith hat mich einmal mehr überzeugt. Vitija wird der komplexen Persönlichkeit in ihrem Film gerecht und wirft ein neues Licht auf das Werk der Thrillerautorin, das von ihrem geheimen Liebesleben geprägt ist.

Besondere Erwähnung

Da es immer eine Ausnahme von der Regel braucht, hier noch ein Film, der nicht unerwähnt bleiben soll:

Madeleine Hirsiger: Die goldenen Jahre – Eine aufgeräumte Komödie mit Tiefgang und eine kreative Haltung zum Leben nach der Pensionierung.

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