Im Interview spricht Anka Schmid über Singen als Moment tiefster Nähe, als Ausdruck von Identität und Widerstand – und als etwas, das Menschen in einer zunehmend vereinzelten, digitalen Welt wieder miteinander verbindet. Sie erzählt von Stimmen, die sie berührt haben, vom Vertrauen, das in besonders verletzlichen Momenten vor der Kamera entsteht, und davon, warum gemeinsames Singen weit mehr ist als Klang: nämlich gelebte Beziehung, Körperlichkeit und echtes Dasein.
Anka Schmid | MELODIE
- Publiziert am 31. Januar 2026
«Singen an sich kann ein politischer Akt sein, etwa im Iran, wo den Frauen das öffentliche Singen verboten ist.»
Mit Anka Schmid sprach Felix Schenker, Chefredaktor arttv.ch
Im Film begegnen wir sehr unterschiedlichen Formen des Singens: intim, religiös, politisch, alltäglich. Was hat dich bei der Recherche am meisten überrascht?
Bei den Recherchen war überraschend – und zugleich erfreulich –, wie sich beim Gespräch übers Singen sofort sehr viel von den Menschen offenbart. Nicht im Sinne von Fakten, sondern im Sinne von Zugehörigkeit, Befindlichkeit und innerer Haltung. Mit welchen Liedern jemand aufgewachsen ist, welche Lieder jemand mag und ob jemand gerne in einer Gruppe singt, verrät viel über den eigenen Charakter. Zudem war für alle auch das (Zu-)Hören und Lauschen zentral – nicht nur das Singen selbst.
Gab es eine Begegnung oder eine Stimme, bei der du während der Dreharbeiten wusstest: Das wird das emotionale Herz des Films?
Nein, denn MELODIE hat nicht nur ein Herz, sondern ein Dutzend. Jede Station dieser musikalischen Reise besitzt ein eigenes Herz mit eigenem Rhythmus – verbunden jedoch mit dem Puls aller anderen. Entscheidend beim Drehen war: Bei allen Protagonist:innen gab es einen Moment, in dem ihr Gesang mich mitten ins Herz traf. Und da wusste ich: Diese Szene wird im Film bleiben – neben vielen anderen, ebenfalls schönen Momenten, die wir im Schnitt leider loslassen mussten.
Wie hast du entschieden, welche Gesänge «stehenbleiben dürfen» – und welche du trotz Schönheit wieder loslassen musstest?
Zum Glück war das keine Entscheidung, die ich alleine treffen musste, sondern ein intensiver Prozess gemeinsam mit meiner Editorin Loredana Cristelli. Uns verbindet eine langjährige Zusammenarbeit über mehrere Filme hinweg, was ein grosses Vertrauen schafft. So konnten wir im Schnitt viel ausprobieren und uns stark auf unsere Intuition verlassen. Zudem ist Loredana nicht nur eine hervorragende und erfahrene Schnittmeisterin, sondern verfügt auch über ein ausserordentliches Feingefühl für Menschen und die Fähigkeit, ihre humorvolle Seite auf wunderbare Weise herauszuschälen.
Singen erscheint im Film oft als etwas fast Archaisches. Ist MELODIE auch eine Antwort auf eine zunehmend digitale, stille oder vereinzelte Welt?
Ganz klar ist mein Dokumentarfilm eine Antwort auf die digitale Welt und auf die zunehmende Vereinzelung. Singen ist zutiefst menschlich, ja archaisch, in allen Kulturen verbreitet und zutiefst körperlich: Beim Singen spürt man sich selbst und die anderen ganz konkret. Man kann Räume «ersingen», Resonanz erleben und das eigene Echo in der realen Welt hören – im Gegensatz zur digitalen Welt, in der alles simuliert wird. Beim gemeinsamen Singen im Chor, im Kloster oder an einer Demonstration verbinden wir uns real miteinander. Wir sind wir selbst, keine Avatare. Dieses echte Lebensgefühl, dieses Bei-sich-Sein, ist ein grosses Bedürfnis in unserer stark individualisierten und vereinzelten Gegenwart.
Der Film zeigt auch Protest- und Stadiongesänge. Wo wird Singen für dich politisch?
In Protestliedern ist Singen explizit politisch, etwa bei «Bella Ciao» oder bei «Canción sin Miedo» gegen Feminizide, die beide als Statement im Nachspann erklingen. Auch der Song «Stand Up» ist politisch – ebenso die anklagenden und zugleich poetischen Rap-Lieder unserer Tessiner Protagonistin JHON RIOT. Auch bei unserer kurdischen Familie hat das Singen eine politische Dimension: Das eigene kurdische Liedgut ist zentral für die Identität und kann Widerstand bedeuten – bis hin zu Verfolgung und Gefängnis. Singen an sich kann ein politischer Akt sein, etwa im Iran, wo den Frauen das öffentliche Singen verboten ist – eine absolut menschenverachtende Form von Sexismus und Lebensfeindlichkeit.
Deine Filme sind oft sehr nah bei den Menschen. Wie schafft man Vertrauen, wenn man jemanden in einem so verletzlichen Moment wie beim Singen filmt?
Vertrauen entsteht durch Offenheit: indem ich auch von mir selbst etwas preisgebe und von Anfang an die Intention meines Films erkläre. Zudem begegne ich allen auf Augenhöhe, und die Mitwirkenden haben jederzeit die Möglichkeit zu intervenieren – während der Dreharbeiten wie auch beim fertigen Film. Ich habe den Protagonist:innen zugesichert, dass sie ihre Szenen vor der Veröffentlichung sehen dürfen. Vor dem Picture Lock bin ich dann bei allen einzeln vorbeigegangen. Das war ein sehr schöner Moment, weil ich auf diese Weise etwas zurückgeben konnte von dem, was ich von ihnen erhalten habe.
MELODIE verzichtet auf eine klassische Dramaturgie und folgt eher dem Rhythmus des Hörens. Wann wusstest du: Dieser Film muss sich am Klang orientieren – nicht an der Handlung?
Der innere Leitgedanke von MELODIE ist die Verbindung von Singen und Emotionen. Dieses Thema findet sich in allen Stationen und bei allen neun Protagonist:innen des Films. Entsprechend liessen wir uns auch bei der Dramaturgie im Schnitt konsequent von den Emotionen leiten, die die Gesänge in uns ausgelöst haben.
Gab es eine Sequenz, an der sich diese Entscheidung besonders deutlich gezeigt hat?
Am Beispiel der ersten beiden Sequenzen lässt sich das gut zeigen: Welche Szene besitzt die Kraft, nach dem starken Auftritt des Chors GoAndSing mit Joanna Kora und dem Lied «Stand Up» zu bestehen? Nach verschiedenen Annäherungen zeigte sich, dass das Singen von Friederike Haslbeck für das Frühgeborene in dieser Abfolge eine neue Qualität eröffnet. Gerade dieses zarte, heilende Singen führt die Dramaturgie weiter und öffnet das Publikum für einen neuen klanglichen Zustand. Da MELODIE ein thematischer und kein handlungsgetriebener Film ist, war klar, dass er einer eigenen Dramaturgie folgen muss: nicht der Chronologie des Lebens von der Geburt bis zum Tod, sondern inneren, emotionalen Bögen – verbunden durch die Verstärkung von Gefühlen oder bewusste Gegensätze.
Wenn Zuschauer:innen nach dem Kino nach Hause gehen: Was sollen sie im besten Fall anders hören – oder vielleicht sogar selber tun?
Eine Zuschauerin hat mir an den Solothurner Filmtagen selbst die schönste Antwort gegeben: Sie werde nun wieder häufiger unter der Dusche und im Auto singen. Am Zurich Film Festival hat eine Gruppe junger Menschen spontan einen Ad-hoc-Chor gegründet, um sich regelmässig zum gemeinsamen Singen zu treffen. Und jemand anderes hat mir anvertraut, sie wolle künftig mit ihrem dementen Vater öfter gemeinsam singen.
Was kann eine Filmerin glücklicher machen, als wenn das Publikum selbst aktiv wird?
Und zum Schluss die entscheidende Frage: Singst du eigentlich selber – und wenn ja: wann, wo und für wen singst du am liebsten?
Natürlich singe ich selbst – und oft, ohne es zu merken. Meist sind es andere, die mich darauf aufmerksam machen. Am häufigsten singe ich auf dem Velo.
In den letzten vier Jahren habe ich zudem wieder vermehrt mit meiner Mutter gesungen und musiziert: Sie begleitete mich am Klavier, und ich sang Lieder, die ich dank meiner wunderbaren Gesangslehrerin entdeckt habe. Leider ist meine Mutter vor einem Jahr gestorben – und diese Möglichkeit des gemeinsamen Singens ist verstummt.
Singst du in einem Chor?
Das würde ich gerne wieder wie schon als Jugendliche im Gymnasium. Doch mein Leben als Filmerin ist zu unstet, um mich wöchentlich an eine Probe zu binden. Aber ganz klar: Das ist ein Projekt für die Zukunft.
Anka Schmid, vielen Dank für dieses Gespräch