Interviews
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«Angespülte Leichen an Europas Stränden ruft nach Verantwortung.»

Lionel Baiers Film «La dérive des continents (au sud)» eröffnet das Human Right Film Festival 2022. Wir haben den Regisseur zum Interview getroffen.

«Bei «La dérive des continents (au sud)» habe ich mir, als ich im Fernsehen die Ankunft der Migranten und die an den Stränden angespülten Leichen sah, gesagt, dass wir Europäer uns zwangsläufig die Frage nach unserer Verantwortung stellen müssen. Dieser Film ist eine meiner Antworten» – Lionel Baier.

La dérive des continents (au sud) | Synopsis

Nathalie Adler ist im Auftrag der Europäischen Union in Sizilien unterwegs. Sie ist unter anderem damit beauftragt, den nächsten Besuch von Macron und Merkel in einem Migrantenlager zu organisieren. Eine Präsenz mit hohem Symbolwert, um zu zeigen, dass alles unter Kontrolle ist. Aber wer will noch an diese europäische Familie am Rande des Nervenzusammenbruchs glauben? Wahrscheinlich nicht Albert, Nathalies Sohn, ein engagierter NGO-Aktivist, der unangekündigt auftaucht, obwohl er seit Jahren den Kontakt zu ihr abgebrochen hat. Ihre Wiederbegegnung wird krasser ausfallen als diese diplomatische Reise …

Mit Lionel Baier sprach Ondine Perier

Wie kam Ihnen die Idee zu diesem dritten Teil und generell zu dieser vierteiligen Serie über Europa?
Diese Tetralogie war im Grunde genommen ein bisschen zufällig. Sie kam mir in den Sinn, als ich den ersten Film der Reihe «Comme des voleurs» in Polen drehte, der die Geschichte der polnischen Wurzeln meiner Familie erzählte. Und ich fand es lustig, den Film mit den vier Himmelsrichtungen zu ergänzen und mir kleine zwischenmenschliche Geschichten auszudenken, die etwas von der Geschichte dieses Kontinents erzählen. Bei «La dérive des continents (au sud)» habe ich mir, als ich im Fernsehen die Ankunft der Migranten und die an den Stränden angespülten Leichen sah, gesagt, dass wir Europäer uns zwangsläufig die Frage nach unserer Verantwortung stellen müssen. Mein erster Impuls war, mir die Situation anzusehen und einen fast dokumentarischen Ansatz zu verfolgen. Dann sah ich den Medienzirkus rund um die Besuche von Journalist:innen und dachte mir, dass dies auch für Politiker:innen gilt. Ich nahm mir vor dieses Gegenfeld zu zeigen, das man sonst nie sieht. Ich will die Art und Weise sichtbar machen, wie die Informationen zu uns gelangen und wie man sie inszeniert. Das war der Anfang des Films.

Erzählen Sie uns von der Mutter-Sohn Beziehung und wieso sie für Sie ein so wichtiges Thema ist …
Also, wichtig, ja, aber es ging mehr darum, das Thema der Familie aufzubringen. Die Mutter ist das perfekte Ziel all unserer Feigheiten. Wenn man sich vorstellt, dass Europa eine Mutter ist, die man gerne für alles Schlechte, das einem in seinem Leben passiert, verantwortlich macht. Eine
Mutter, die einen nicht genug oder zu sehr geliebt hat. Und wenn dann dieses Europa von einer Mutter verkörpert wird, deren Kind sie zur Rechenschaft ziehen, so wird es vielleicht verständlicher. Ich glaube vor allem, dass wir politische Entscheidungen immer aus sehr persönlichen Gründen treffen, in Zustimmung oder Ablehnung der Ideen unserer Eltern.

Man spürt eine starke Empathie Ihrerseits für die Heldin Nathalie und ihre Entscheidung, notfalls auch ihrer Mutterrolle nicht gerecht zu werden. Lag Ihnen das Thema auch aufgrund ihrer Mitgliedschaft im Kollektiv 50/50 am Herzen?
Ich wollte Frauen zeigen, die Verantwortung tragen und mit Männern zu tun haben, die weniger Erfahrung haben, sich selbst aber in eine Machtposition bringen. Das kommt in Institutionen nicht selten vor. Ich finde Nathalie mutig: Sie beschliesst, ihr Leben zu ändern, als sie merkt, dass sie sich zu Frauen hingezogen fühlt. Sie findet eine Form der Ehrlichkeit sich selbst gegenüber wieder. Was für eine Frau ein viel höheres Risiko birgt als für einen Mann, als Mutter wird man schnell stigmatisiert. Ich dachte mir, dass der Film zwar nicht militant sein sollte, aber es relevant ist, das Thema anzusprechen. Ich habe mich entschieden, dem Kollektiv 50/50 beizutreten, also fand ich es auch wichtig, diese Parität im Team meines Films zu respektieren.

Sie haben in Ihrem Film eine zwischenmenschliche Geschichte mühelos in einen grösseren sozio-politischen Kontext eingebunden. Wie war hier ihr Schreibprozess?
Ich schreibe verschiedene Versionen der Geschichte, von denen bei einigen das Politische überhand und zu viel Platz einnimmt. Dann wiederum verdecken emotionale Motive die politische Ebene. Irgendwann wird ein Schlussstrich gezogen. Ich glaube sehr an die Darstellungskraft der Schauspieler:innen. Es geht um das Unausgesprochene, das ganz von der Interpretation der Darstellenden abhängig wird. Dann geht es darum, die passenden Leute zu finden, die das Potenzial haben, die Rolle auszufüllen. Bei Isabelle Carré oder Théodore Pellerin war das einfach, da sie sehr kreativ und intelligent sind. Die Feinarbeit fand vor allem bei den Dreharbeiten statt.

Haben Sie eine bestimmte Arbeitsmethode, um Ihre Schauspieler:innen dazu zu bringen, Dialoge so natürlich wie möglich zu sprechen?
Ich stehe jeden Morgen in der Überzeugung auf, dass ich sie liebe. Wenn man die Person, die man filmt, von Grund auf liebt, kann sie auf der Leinwand immer nur gut sein. Im Vorfeld der Dreharbeiten haben wir viel Zeit miteinander verbracht. Es hat uns Spass gemacht, zusammen zu sein. Wir haben uns vorgenommen, diese Freude auch vor 80 Leuten während der stressigen Dreharbeiten aufrechtzuerhalten. Ich habe keine Methode, ausser sie tief zu lieben und viel mit ihnen zu lachen. Ich glaube, dass alles möglich ist, wenn man miteinander lacht.

Haben Sie eine optimistische Vision von Europa?
Ja, auch wenn mir die Lage in Europa Angst macht. Etwa wenn ich die Wahlen in Schweden sehe, wo die extreme Rechte vor Kurzem gewählt wurde, wenn ich weiss, dass die Italiener im Herbst 2022 für eine neofaschistische Partei gestimmt haben, wenn ich sehe, wie es in Polen um die Abtreibungsrechte bestellt ist und dass die sexuellen Minderheiten in Ungarn in Gefahr sind. Und gleichzeitig gehen Schwule in Ungarn, wenn sie angegriffen werden, mit der Europaflagge auf die Strasse. Ebenso die Polinnen, die für das Recht auf Abtreibung kämpfen. Es gibt immerhin ein bedeutendes Mass an Respekt für Menschenrechte und Minderheiten. Also ja, ich bin sehr optimistisch und völlig pessimistisch – als guter polnischer und protestantischer Depressiver.

Sie haben gerade eine Tournee mit Vorpremieren gestartet, Ihr Film wurde in Locarno und Cannes gezeigt. Was waren die am häufigsten wiederkehrenden Fragen?
Viele fragen nach der Bedeutung des Meteoriten. Einige sehen in Nathalie eine Frau, die in einer eisernen Box lebt, die durch das Auto repräsentiert wird. Der Meteorit symbolisiere eine Kraft, die über sie hinausgeht und diesen Panzer sprengt, damit ihre Gefühle ausbrechen können. Das war anfangs gar nicht meine Absicht. Ich hatte die Szene im Kopf, bevor ich das Drehbuch geschrieben hatte. Und am Ende hat sie eine Bedeutung, die ich mir so nicht vorstellen konnte.

Zwei der grössten Schweizer Regisseure, Alain Tanner und Jean-Luc Godard, sind gerade verstorben, inwiefern haben ihre Filme Sie beeinflusst?
Auch wenn mir Goretta näher stand als Tanner, haben mich seine Filme trotzdem geprägt. Ich denke an «Der Salamander» mit Bulle Ogier aus dem Jahr 1971 und auch an «Jonas, der im Jahr 2000 25 Jahre alt sein wird». Ich bin 2000 25 Jahre alt geworden, es gibt also eine sehr starke Identifikation mit diesem Film, der von den Desillusionierungen der 68er-Jahre erzählt. Er war ein Filmemacher, der eine Vorliebe für eine bewegte Kamera hatte, was im Schweizer Film eher selten ist. Jean-Luc Godard – er liegt ausserhalb der Norm. Die weltweite Anteilnahme an seinem Tod entspricht der Stellung, die dieser Mann in der Geschichte des europäischen Denkens zukam. Er war ein solches Monument des zwanzigsten Jahrhunderts. Alle Filmemacher sollten sich auf ihn berufen, weil er dazu beigetragen hat, die Art und Weise, wie Filme gemacht werden, zu verändern. Er hat in den 60er-Jahren Formen geschaffen, die heute zum filmischen Mainstream geworden sind.

Was sind Ihre nächsten Filmprojekte?
Der vierte Teil wird in Schottland spielen, aber ich muss in der Zwischenzeit zwei andere Filme realisieren. Der nächste ist eine Adaption des Romans von Christophe Boltanski («La Cache»), der die Geschichte seiner Familie erzählt. Sie sind ukrainische Juden, die sich während des Krieges im Jahr 68 verstecken mussten – der Film wird aber ziemlich lustig, berührend und skurril werden. Und ich arbeite an einem Dokumentarfilm über die Kolonisierung der Nacht. Wir neigen dazu, die Nacht zum Tag zu machen, die Geschäfte offenzulassen. Es gibt weltweit viele Initiativen, die abends das Licht ausschalten, damit die Menschen die Sterne wieder sehen können. Es wird ein Dokumentarfilm, in dem wir über unsere Nutzung der Nacht sprechen, ein eher poetischer Film.

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